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Porträt Karl Nussbaum: New Yorker forscht über seine Familie

Porträt Karl Nussbaum : New Yorker forscht über seine Familie

Die Familie des New Yorker Filmemachers Nussbaum stammt aus Rheydt. Der Vater Addi Nussbaum floh vor den Nazis und wurde Mathematiker in den USA. Sein Sohn setzt ihm ein Video-Denkmal. Heute, 20 Uhr wird es im Monforts-Quartier gezeigt.

Diese Geschichte ist tragisch, abenteuerlich und reicht mit Verästelungen bis in die Gegenwart: Addi Nussbaum, geboren 1925, stammt aus einer jüdischen Rheydter Familie, kann vor den Nazis fliehen, arbeitet als angesehener Mathematiker in den USA. Seine Eltern aber wurden in Auschwitz ermordet.

Sein Sohn Karl ist derzeit als Künstler in Mönchengladbach zu Besuch. Der Kreis schließt sich: Seine außergewöhnliche Video-Performance erinnert heute Abend im Monforts-Quartier an eine Mönchengladbacher Familiengeschichte und weist doch darüber hinaus.

Der amerikanische Performancekünstler und Filmemacher Karl Nussbaum ist nicht zum ersten Mal in Mönchengladbach. Bereits 1985 hat sein Vater ihm und der Familie die Stadt seiner Kindheit gezeigt. "Zurückzukehren war sehr interessant für meinen Vater", sagt der Sohn. "Es war ihm wichtig, diese Orte wiederzusehen." Im Stadtarchiv finden sich Spuren der Familie Nussbaum, die sich der Künstler bei seinem aktuellen Besuch ansieht: Einträge im Meldebuch, Fotos und die Korrespondenz, die Günter Erckens, Jurist und Lokalhistoriker, mit jüdischen Holocaust-Überlebenden aus Mönchengladbach und Rheydt führte. Auch eine umfangreiche Mappe mit Briefen von Karl Nussbaums Tante Lieselotte, die ebenfalls fliehen konnte und schließlich in Israel lebte, ist dabei. "Von meinem Vater sind keine Briefe da, er hat nicht gern geschrieben", sagt der Filmemacher. Addi Nussbaum habe ihm anfangs nicht viel erzählt, aber sein Sohn hat nicht aufgehört, Fragen zu stellen und schließlich vieles von der Geschichte seines Vaters und der ganzen Familie erfahren.

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Addi Nussbaum wird 1939 gemeinsam mit seiner Schwester Lieselotte mit einem Kinderhilfstransport, den eine jüdische Hilfseinrichtung organisierte, nach Brüssel geschickt. Seine Flucht führt ihn weiter nach Südfrankreich, wo er zusammen mit anderen jüdischen Kindern in einem Chateau untergebracht wird. Er versucht mehrfach in die Schweiz zu gelangen, wird abgewiesen, verhaftet, wieder freigelassen. Es gelingt ihm schließlich, nachts über eine steile Felswand zu klettern, wo keine Soldaten patrouillieren. Nach einem Aufenthalt im Auffanglager kann der begabte junge Mann in der Schweiz Mathematik studieren. 1948 geht er in die USA, wo er als angesehener Mathematiker arbeitet und sogar Albert Einstein trifft. Dort wird auch sein Sohn Karl geboren.

"Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit meinem Vater", erzählt Karl Nussbaum. "Er war so deutsch, so präzise in allem." Doch die beiden nähern sich an. Karl Nussbaum beschäftigt sich künstlerisch mit der Lebensgeschichte seines Vaters und der Familiengeschichte. Dabei treten immer wieder erstaunliche Zusammenhänge auf. "Ich wollte nach Auschwitz, um zu sehen, wo meine Großeltern umgekommen sind", erzählt der New Yorker. "Ich wurde mehrfach aufgehalten, aber als ich endlich da war, stellte sich heraus, dass es genau der Tag war, an dem 50 Jahre früher meine Großeltern angekommen und vermutlich direkt umgebracht wurden."

Ebenso ist die Tatsache seiner Performance in Gladbach Verbindungen geschuldet, die man zufällig nennen kann. Aber: "Das ist mehr als Zufall", meint Kulturbüroleiter Dr. Thomas Hoeps, der die Performance im Rahmen der Jüdischen Kulturtage organisiert. "Ich suche heute diese Geschichten und Verbindungen nicht mehr, sie kommen zu mir", sagt Nussbaum.

(arie)