Interview mit Ulla Heinrich, Oliver Leonards & Silke Müller: Nach dem Ende von Horst: "Wir werden neue Ideen entwickeln"

Interview mit Ulla Heinrich, Oliver Leonards & Silke Müller : Nach dem Ende von Horst: "Wir werden neue Ideen entwickeln"

Das Horst-Kernteam spricht über das Ende des beliebten Festivals, mangelnde Unterstützung und Perspektiven für die Zukunft.

Das Horst-Festival ist Geschichte. Nach der sechsten Auflage im Juli soll nun Schluss sein. Warum?

Ulla Heinrich Wir haben uns als Kernteam bereits vor dem diesjährigen Festival entschieden, dass es im nächsten Jahr keinen Horst mehr geben wird. Wir haben unheimlich viel erreicht in den letzten sechs Jahren und sind sehr zufrieden mit dem, was wir bewegen konnten. Jetzt sind wir leider an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen müssen: Dieses hochwertige Festival können wir ehrenamtlich nicht mehr stemmen.

Silke Müller Das Kernteam umfasst rund 15 Personen, die inzwischen alle nicht mehr studieren, sondern im Berufsleben angekommen sind. Für die Organisation des Festivals ging das gesamte Privatleben drauf. Wir haben uns wöchentlich getroffen, das war alles sehr aufwendig. Wir sind auf dem Höhepunkt des Projekts angekommen und haben einfach nicht mehr die Luft, ein Festival dieser Qualität weiterhin abzuliefern, obwohl die Motivation des Teams eigentlich noch vorhanden ist.

Oliver Leonards Es ist eine sehr emotionale Entscheidung aus rationalen, nämlich beruflichen und familiären Gründen gewesen. Einige wollten schon früher aussteigen, aber wir sind alle eng befreundet und niemand wollte die anderen hängen lassen. Deshalb haben wir beschlossen, gemeinsam aufzuhören. Wir hatten immer die Vorstellung, dass wir als Verein einmal einen Geschäftsführer einstellen oder Projektstellen einrichten könnten, aber das ist das einzige, was wir nicht erreicht haben. Die Sponsorengelder reichten, um das Festival durchzuführen, aber eine kontinuierliche Unterstützung aus Fördermitteln und somit eine Planungssicherheit für das Festival haben wir nicht erreicht.

Wissen die Helfer denn schon Bescheid? Gab es bereits einen Abschied?

Müller Ja, wir haben alle vorher informiert. Wir haben das Ritual, nach Ende des Festivals am Sonntagabend ein Foto mit unseren Helferinnen und Helfern zu machen. Dabei haben wir diesmal auch Abschied genommen. Das war ein trauriger Moment, einer der emotionalsten, die ich erlebt habe. Da standen Hunderte von Leuten und weinten.

Gibt es denn keine Jüngeren, die die Festivalorganisation übernehmen wollen? Studierende, die einsteigen wollen? Gibt es keine nächste Horst-Generation, die schon in den Startlöchern steht?

Heinrich Wir haben schon unseren eigenen Nachwuchs geschult, zum Beispiel mit dem Potpourri-Festival. Aber Horst ist eine Nummer zu groß. Das Festival hängt auch inhaltlich an unseren Personen. Wir haben uns mit dem Festival entwickelt und haben Netzwerke aufgebaut.

Müller Das finanzielle Risiko ist jetzt viel größer. Als wir anfingen, hatten wir Kosten von 25 000 Euro, jetzt sind es 200 000 Euro. Wer von den jüngeren Leuten soll dieses Risiko tragen?

Leonards Es gibt inzwischen auch eine hohe Erwartungshaltung an das Festival. Ein neues Team müsste mit diesem Druck und dieser Bürde arbeiten. Wir konnten unsere Kompetenzen über Jahre entwickeln.

Heinrich Der Nachwuchs soll sein Ding machen. Und das wird sicher etwas grandioses Eigenes.

Wenn Sie auf die Jahre mit Horst zurückblicken, was war denn das ganz Besondere an diesem Festival?

Heinrich Was nie gesehen wird, ist die soziale Komponente unserer Arbeit. Wir sprechen Zielgruppen an, die niemand sonst motiviert. Und die Jugendlichen kommen nicht nur als Publikum, sondern auch als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Bis zu 500 Leuten arbeiten mit, und jede Person ist wichtig. Alle zusammen erschaffen drei Tage lang gemeinsam etwas. Da entsteht eine unheimliche Energie.

Hätten Sie mehr öffentliche Unterstützung gebraucht, mehr Wahrnehmung? Immerhin steht das Festival ja sogar im Koalitionsvertrag von CDU und SPD.

Heinrich Viele haben uns von Beginn an unterstützt, aber es hat auch viel gefehlt. Wir hoffen, dass das Ende des Horst-Festivals ein Anlass ist, zu erkennen, was in dieser Stadt ehrenamtlich an Kulturarbeit geleistet wird und dann eben auch wegfallen kann. Es fehlte sicherlich bei einigen an Wahrnehmung und Wertschätzung. In Mönchengladbach werden teilweise immer noch genau die nicht sinnvoll eingebunden, die an der Basis sozial orientierte Kulturarbeit machen und damit eine breite Masse von Menschen ansprechen.

Müller Das Horst-Festival war Stadtmarketing pur. Es war immer unser Ziel, Identifikationspotenzial zu schaffen - und zwar für Tausende. Horst hat es auch geschafft, nach außen zu strahlen. Bands wie Jupiter Jones und Madsen sind hier aufgetreten und waren hinterher begeistert, wie toll es in Mönchengladbach war. Wieso wird das nicht genutzt in dieser Stadt?

Leonards Fakt ist jedenfalls, dass Horst das Festival mit der geringsten finanziellen Unterstützung war. Wir wissen, wer in Mönchengladbach was erhält und welches Festival auch anderswo was bekommt - und Horst, obwohl so erfolgreich, stand da ganz unten. Selbst kommerzielle Festivals werden in anderen Städten besser unterstützt als wir. Das muss an der Wertschätzung unserer Zielgruppen liegen. Nicht ohne Grund befinden sich das Horst-Festival und auch das Potpourri-Festival in den Broschüren der Stadt, um diese Lücke nicht nach außen hin klaffen zu lassen.

Wie geht es weiter? Ziehen Sie sich ganz aus der Mönchengladbacher Kulturszene heraus?

Leonards Nein, das Festival ist vorbei, aber der Verein existiert selbstverständlich weiter und ist gesprächsbereit. Wir werden neue Ideen entwickeln, aber das Team muss sich erst wieder neu finden.

Heinrich Der Verein bleibt Ansprechpartner, wir beraten auch andere bei der Durchführung von Projekten. Der Verein kann jetzt besser sichtbar werden. Wir sind auf breiter Basis tätig und damit hören wir nicht auf. Auch Kooperationen wie mit dem Hockeypark laufen weiter.

Haben Sie einen Wunsch für die Mönchengladbacher Kulturszene?

Heinrich Als wir anfingen, war die Kulturszene zersplittert und deshalb nicht stark. Wir haben uns vernetzt, auch anderweitig ist die Vernetzung gelungen. Es gibt viel Potenzial, die Kulturarbeit wird mit Herzblut geleistet. Ich wünsche mir, dass alle zusammenarbeiten und sich damit gegenseitig stärken. Und dass die Arbeit, die die Szene in den letzten zehn Jahren geleistet hat, von allen Seiten wertgeschätzt wird.

Müller Ich wünsche mir, dass die Politik es schafft, zu erkennen, was förderungswürdig ist und wo man investieren muss, um den Bedürfnissen vieler Gruppen gerecht zu werden. Wir hoffen, dass es den Generationen nach uns einfacher gemacht wird.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN SEBASTIAN EUSSEM, KLAS LIBUDA, ANGELA RIETDORF UND JAN SCHNETTLER.

(RP)