Mönchengladbach : Die selbstbewusste Gladbacher Musikszene

Coverbands spielen eine tragende Rolle, doch die Alternative-Rocker haben aufgeholt. Ein Rück- und Ausblick unseres Kolumnisten.

2018 bescherte den Musikern in und um Mönchengladbach einige Überraschungen: Die fünf Musiker der Dead Guitars verabschiedeten sich kurz vom geschockten Publikum, um erfreulicherweise recht bald als Quartett unter neuem Namen The Wide mit neuer Platte „Paramount“ glanzvoll wieder aufzutauchen. Unerwartet zogen sich die Musiker der Plexiphones ins Studio zurück, um unter sieben neuen Liedern ihre neue Single zu produzieren.

Mit „Meanwhile“ legte die Electronic-Jazz-Band Byggett Orchestra Mitte des Jahres eine Instrumental-Scheibe voller wohlklingender Ambient-Musik vor. Auf Stücken wie „Wetschewell“ verbreiten Georg Sehrbrock (Keyboards), Peter Körfer (Gitarre), Markus Türk (Trompete) und Andre Hasselmann (Schlagzeug) mit oft meditativen Sounds herrliche Jazzvariationen voller entspannter Träumereien. Ein echtes Meisterwerk. Beim Debut des Jahres bescherten sich die Musiker der Band Astronaut kurz vor Jahreswechsel selbst mit einem gefeierten, ausverkauften Messajero-Konzert.

„Ausverkauft“ lag im übrigen im Trend. Übers Jahr gesehen, hing das Schild öfter an den Club-Türen als jemals zuvor. Zwanzig Instrumentals und acht Gesangsstücke inspirierten die Bucket Boys zu ihrer ersten Doppel-CD „Dusk and Dawn“, mit der sie die Fans Mitte des Jahres überraschten. Sämtliche Stücke wurden von Band-Gitarrist Helge Lange geschrieben und wurden im bandeigenen Tonstudio produziert. Die Fans belohnten im November den Mut der Band Fandango. Ihre Revue „Geschichte der Rockmusik“ (Wickrath „Rotes Krokodil“) war im nu ausverkauft. Keine Überraschung hingegen war, dass die Live-Shows der Coverbands Booster („Silent Night“), Just:Is („Sternennacht“) und Rememberband („Christmas Classics“) ausverkauft waren.

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Nicht erst seit gestern gilt die lokale Musik-Szene auch überregional als erfolgreich, selbstbewusst, abwechslungsreich, aber auch als eigenwillig. Überwiegend geprägt durch Rock-, Pop-, Jazz- u. Coverbands. Seit Jahrzehnten zählt die lokale Musikerlandschaft zu der buntesten Szene am Niederrhein. Allerdings: Nur in wenigen Fällen reichte das Renommee aus, um auch als überregionale Zugnummer agieren zu können.

Suchte man ehemals dafür eine Erklärung in dem fehlenden Wettbewerb mit internationalen Stars oder den eher geringen sozialen Spannungen vor Ort, so ist die Szene zumindest seit der Ansiedlung des Sparkassenparks als gut funktionierender Anlaufstation für den internationalen Showbiz-Zirkus eher gewachsen. Allerdings könnte sich das ändern. Klar, köpfemäßig zieht Cover immer noch mehr. Und der Spaß, den Gruppen wie Mrs. Fab, Obergärig und die vielen anderen beim Publikum auslösen, ist enorm. Trotzdem: Im direkten Vergleich mit Coverbands haben Alternative-Rocker und ihre Kollegen 2018 deutlich aufgeholt. Bei Auftritten von Bands wie Plexiphones, The Wide und dem Newcomer, der Band Astronaut, feiern die Fans deren eigene Songs, singen mehr und mehr mit. Was passiert hier?

Bisher galt: Wer in der lokalen Musik-Szene Investitionen für Instrument und Equipment wieder rausholen wollte, musste sich als Coverband positionieren. Das war für viele Musiker der Königsweg. Bands wie Monte Video, Booster, Remember Band, FUN, Obergärig und Just:Is und etliche andere sind diesen Weg früh gegangen. Rock & Pop mit eigenen Songs zu produzieren, bedurfte hingegen eines langen Atems. Jahrelang galt dies als wenig sexy, und die Bands standen meist in der Schmuddel-Ecke. Ein Vorteil: Mit eigener Musik konnte man Tonträger produzieren. Aktuell verschiebt sich die Wertigkeit. Cover als klassisches Angebot füllt nicht automatisch jede Halle. Wer große Säle begeistern will, muss sich mehr als einfaches Nachspielen alter Hits einfallen lassen.

Booster reagierte beizeiten. Entwickelte mit dem „Silent Night“-Format erfolgreich eine eigene Marke. Und begnügte sich im Städtchen bei der Performance als Erster nicht mit bloßem covern. Die Rememberband folgte erfolgreich mit „Christmas Classics“, und Just:is punktet mit der „Sternennacht“. „Die Szene hat gelernt, zu unterhalten”, freut sich ein erfahrener Konzertbesucher über die sprunghaft gestiegene Qualität der Szene. Schauen wir mal, wie das Fazit Ende 2019 ist.

Live-Musik liegt jedenfalls im Trend und wird auch in diesem Jahr weiter boomen. Damit das so bleibt, können auch die Politiker der Stadt ihr Scherflein beitragen. Immerhin haben Hans Peter Schlegelmilch (CDU) und Felix Heinrichs (SPD) in ihren Statements zur Festlegung des städtischen Haushalts u.a. unlängst der Rheinischen Post unisono erklärt „für die freie Kulturszene gibt es mehr Geld“. Warum sollen zumindest die Musiker der Stadt mit eigenem Songmaterial das nicht ernstnehmen? Unterstützungswürdige Themen gibt es schließlich zuhauf. Beispielsweise für Schallplattenproduktionen, Studioarbeit, Festivalfinanzierung, Workshops, Konzertförderung etc.

Aktuell ernten die ambitionierten Künstler und Bands die Früchte ihrer Arbeit aus dem Vorjahr: Magazine wie das „Kaaoszine“ aus Finnland, Fachblätter und der eine oder andere Radiosender im In- und Ausland loben das The-Wide-Album „Paramount“ über den grünen Klee. Sie spielen die neue Plexiphones-Single „The Power of Faith“ – wie etwa der SWR3-Musikredakteur Matthias Kugler – und ermuntern so die Musiker aus Mönchengladbach zu weiteren Aktivitäten. Für beide Bands gilt: Die Klicks auf den Social-Media-Seiten zählen bereits tausendfach. Auch Steven Matrik, Talent Buyer u.a. fürs „Piano“ in New York, würde The Wide gerne auf der Bühne des Live-Clubs in East Village begrüßen.

Zwei heiße Live-Tipps: Wer das ausverkaufte Debut von The Wide kürzlich verpasst hat, kann das reparieren: Die Band spielt am 12. Januar auf Einladung u.a. von Mario Bocks und Elmar Spinnen beim Benefiz „Konzert für Toleranz“ zusammen mit Rose Club, Kidbox und Rene Buss & die Sticky Backbeats im TIG, Eickener Straße 88. Die Elektrik-Pop-Band Plexiphones ist am 16. Februar mit der Berliner Band Hard2Soul zu Gast im Viersener Live-Club Rockschicht (Bahnhofstr. 55).

Wer in diesem Jahr Live-Töne abseits der kleinen Club-Bühnen im großen Pulk abfeiern möchte, kommt bei Konzerten von Sting („My Songs“, 25. Juni) und von Thirty Second To Mars (15. August) im Sparkassenpark auf seine Kosten. Sängerin Sandra Kozlik plant für April die Veröffentlichung ihres Debut-Albums mit eigenen Liedern. Bislang überwiegend als Gala-Sängerin mit Cover-Songs unterwegs, wagt sie voller Stolz (Post im Facebook: „ganz aus eigener Kraft“) als Hermine den Schritt ins Lager der Singer/Songwriter.

Gar nicht heimlich und leise treten The Lords (u.a. mit dem Gladbacher Jupp Bauer) nach unzähligen „Poor Boy“-Shows mit 60 Bühnenjahren und damit als dienstälteste Beatband der Welt nach einer ganzjährigen Farewell-Tour zum Jahresende von der Live-Bühne ab. Soweit sind die Musiker der Bucket Boys noch lange nicht. Auch deshalb bin ich mir sicher: Die Band mit dem Abonnement für WDR-Hitparadenerfolgen wird beim Radiosender in Köln auch in diesem Jahr wieder einen neuen Song präsentieren.

Noch nicht abzusehen ist der Erfolg des gerade als „Deluxe Edition“ erschienene Belfegore-Albums. Mit Gitarrist Meikel Claus, Waldi Jäger (Bass) und Schlagzeuger Charly T. startete die Independent-Band 1982, wurde beim zweiten Album von Tonmeister-Guru Conny Plank (gest. Dez. 1987) produziert und ging mit U2 auf große Deutschland-Tour. Nach mehreren Singles und zwei LP-Veröffentlichungen war 1985 Schluss. Charlys Kommentar zum frischen Remake: „Das Jahr fängt gut an.“

Livemusik-Tipps Sonntag, 6. Januar ab 12 Uhr im Lokal Ratskeller, Markt 11: „Neujahrsjazz“ mit Sängerin Jutta Koch und dem HPT Jazzverein; Samstag, 12. Januar, 20.30 Uhr im „DenkMal“, Geneickener Straße 75: „Meisengeige-Finkenbratsche-Fete“ mit der Band Rock’n’Roll Doktors feat. Jürgen Pluta (Ex-Wallenstein); Samstag, 12. Januar, 20 Uhr im Lokal „Werk 1“, Kohrstraße 103: „Rock- u. Pop-Klassiker“ mit der B-Band; Donnerstag, 17. Januar, 20.15 Uhr im Messajero, Sophienstraße 17: Impro-Session „Yes We Jam“ u.a.mit Trompeter Tobias Weidinger.