Denkanstoß: Moses ist am Ufer angekommen

Denkanstoß: Moses ist am Ufer angekommen

Unser Autor lernt einen jungen afghanischen Flüchtling kennen und setzt sich für ihn ein.

Im Juni 2016 erzählte ich einen Denkanstoß von einer folgenreichen Begegnung, zu der es im April in der Hauptkirche gekommen war. Das bis dahin abstrakte Thema "Flüchtlinge" war plötzlich leibhaftig geworden. Im Gottesdienst lernte ich einen jungen Afghanen kennen, der kurz zuvor aus den Niederlanden nach Deutschland gekommen war. Seinen Asylantrag dort hatte man abgelehnt. Ich sehe ihn noch, wie er vor mir saß: mit den Tränen kämpfend, körperlich und psychisch erschöpft, irgendwie auch lebensmüde...

Er war tief verletzt, nicht nur durch das, was ihm Unmenschen mit 16 Jahren in seiner Heimat angetan hatten. Ebenso brannte in seiner Seele, dass man ihm, da wo er vier Jahre gelebt und sich bereits gut integriert hatte, seine Geschichte nicht hatte abnehmen wollen. Ja, man hatte sogar bezweifelt, dass ihm seine heilige Taufe im Jahr 2013, zu der er sich als Muslim nach inneren Kämpfen entschlossen hatte, existenziell wichtig war. "Die haben mir das nicht geglaubt!". Gerade hier angekommen hatte er sich per "Navi" die nächste evangelische Kirche gesucht und war zum heiligen Abendmahl gekommen.

Ich habe den 20-Jährigen damals scherzhaft "Moses" genannt, nicht nur, weil er die Geschichte aus dem Buch Exodus sofort wiedererkannte, als wir uns auf dem Weg zum "Arbeitskreis Asyl" in der alten Propstei ein Barockgemälde anschauten. Mir war, dass sein Schicksal jenem Manne glich, der einst im Schilfkörbchen auf dem Nil ausgesetzt worden war, um sein Leben vor dem Mordbefehl des Pharaos zu retten. Ein Drama für jede Mutter, die ihr Kind hergeben muss, um es dadurch zu bewahren. Auch "Moses II." war so auf die Flucht geschickt worden. Seine Mutter und er leiden bis heute unter der Trennung.

Nachdem Gott uns aneinander gewiesen hatte, machten wir uns auf den Weg. Ich ahnte nicht, wie viel Kraft es kosten würde, ihm in vielen lebenspraktischen Fragen aber auch seelsorglich beizustehen. Die beiden mehrstündigen Interviews beim "Bundesamt für Migration und Flüchtlinge" (Bamf) waren große Herausforderungen für uns beide! Hinterher haben wir geweint - aus dankbarer Erleichterung! Mehr noch berührte mich seine tiefe Angst vor dem, was kommen mag, sie verfolgte ihn bis in die Träume. Immer wieder zitierte ich die Bundeskanzlerin: "Wir schaffen das!"

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Wunderbar dagegen, wie Lebenskraft und -freude zurückkehrten! Moses wurde wieder der, der er ist: ein begeisterungsfähiger, ein umsichtiger und auch ein dankbarer Mensch. Nichts ist für ihn selbstverständlich. Essen und trinken - ohne Gott dafür zu danken? - ein "No go" für einen, der so viel mitgemacht hat. Ich lernte aber auch einen ehrgeizigen Menschen kennen, der mit Bienenfleiß Deutsch lernt und es jetzt auch schon erstaunlich gut beherrscht. Nun steuert er seinen Schulabschluss an und möchte später einen technischen Beruf ergreifen.

Phil Bosmanns schreibt: "Sich um andere, die man nicht kennt, kümmern (...) kann schwer fallen und weh tun. Aber es führt wunderbare Gaben mit sich. Es bringt Leben und Farbe in mein Dasein und manchmal, in glücklichen Augenblicken, ein Gefühl unermesslicher Dankbarkeit. Es ist ein Vorgeschmack vom Paradies." Übrigens, Moses erhielt kürzlich den lang ersehnten Brief, in dem ihm das Bamf mitteilte, dass er in Deutschland bleiben kann. Man hat ihm geglaubt und anerkannt, dass eine erzwungene Rückkehr in sein Land tödlich wäre. Eine fast siebenjährige Odyssee ist zu Ende. Gott sei Dank!

DER AUTOR IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

(RP)