Mensch Gladbach: Moral ist, wenn man es einfach trotzdem macht

Mensch Gladbach : Moral ist, wenn man es einfach trotzdem macht

Winnetou war edel. Und kein gutes Vorbild. Denn schon im dritten Teil war er tot. Unsere Politiker sind da deutlich mehr aufs Überleben bedacht. Sie halten es in Sachen Moral lieber mit Pippi Langstrumpf. Da ist 2 mal 3 schon mal 4 – und wenn es einem gerade in den höchstpersönlichen Kram passt, können Fünfe sehr gerade gelassen werden.

Kants Kategorischer Imperativ muss irgendwo zwischen Königsberg und Mönchengladbach verschütt gegangen sein. Was schade ist. Denn die Idee, sich stets so zu verhalten, das dass eigene Tun als Maßstab für alle anderen taugt (in SMS-Format: Was Du nicht willst, dass man Dir tu, dass füg auch keinem anderen zu), hat was. In Gladbach hält man's dummerweise mehr mit den ollen Lateinern: "Quod licet Iovi, non licet bovi." Zeitgemäß übersetzt: "Was eine große Ampel-Leuchte darf, kann sich längst nicht jeder hergelaufene Unternehmer erlauben."

Im Nordpark nämlich erdreistet sich ein hiesiger Groß-Bauer, eine Drogerie hochzuziehen. Das darf er nach Recht und Gesetz. Ein paar Politiker finden das aber nicht so schön, weil sie Handel lieber im Dorf haben als auf der grünen Wiese. Nun könnte man ein Seminar in praktischer Philosophie ein Weilchen darüber grübeln lassen, ob es wirklich klug vom Unternehmer ist, auf seinem Recht zu beharren – wohlwissend, dass man sich im Leben immer zweimal sieht und in Mönchengladbach sogar zweimal am Tag. Völlig unzweifelhaft ist allerdings, dass das Klagen von SPD und Grünen über den Verfall der Sitten eine erhebliche Schwäche hat. Es ist grob unglaubwürdig. Denn eben jene SPD und Grüne haben sich in den gut drei Jahren ihres Ampel-Wirkens drei Dezernenten-Posten gekapert und damit den im Wahlergebnis manifestierten Bürgerwillen noch auf viele Jahre hin konterkariert. All das mit dem Hinweis, man tue ja nur, was die CDU immer getan habe. Die man dafür damals natürlich angegriffen hatte.

Selbe Player, ähnlicher Fall. Die Grünen finden, wenn der Stadt noch 350 000 Euro für die weitere Beschäftigung der Schulsozialarbeiter fehlen, solle halt Angie noch mal ein bisschen Kohle aus Berlin schicken. Das ist zu gleichen Anteilen dumm und dreist. Denn der Bund hatte Mönchengladbach Millionen für die Schulsozialarbeiter geschickt. Die Stadt hatte aber einen Teil dieses Geldes lieber dafür ausgegeben, ein bisschen weniger Schulden zu machen. Und will jetzt einfach noch mal was. Moralisch ist das nicht mehr weit weg von einem Einbrecher, der, nachdem er einem die Bude ausgeräumt hat, noch einen Überweisungsträger auf den Küchentisch legt mit gelbem Post-It: "Hat leider nicht gereicht. Überweisen Sie den Rest auf dieses Konto."

Moral in Entfernung gemessen gibt es übrigens auch. Und zwar immer dann, wenn Biogasanlagen, Kriseninterventionszentren oder Flüchtlingsheime über die Stadt zu verteilen sind. Dann werden wackelige Argumentationsgebäude in schwindelnder Höhe errichtet. Gemeint ist: Hauptsache, es ist weit genug weg von mir. Wobei man die Stadt für ihre Fantasie, 180 Flüchtlinge mit der Adresse "Brucknerallee" zu adeln, fast schon wieder beglückwünschen möchte. Wären die mal beim Sparen so kreativ.

Sind sie dafür in Machtfragen. Dass der Masterplan-Verein nicht einfach nur für teuer Geld ein Drehbuch für Stadtplanung auf den Tisch knallt, sondern jetzt auch noch helfen will dieses umzusetzen, ist für die Verwaltung natürlich höchst verdächtig. Die Masterplaner können ja nur Eigennütziges im Schilde führen. Diese Attitüde verrät viel – weil da jemand so herrlich ungehemmt von sich auf andere schließt.

(RP)