1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Mönchengladbach: Mörderischer Verdacht mit Happy End

Mönchengladbach : Mörderischer Verdacht mit Happy End

Schon sein erster Film trug die Handschrift eines cineastischen Großmeisters: Im BIS-Zentrum wurden die Krimi-Tage mit einem Stummfilm von Alfred Hitchcock eröffnet. Dazu spielte Wilfried Kaets live aussagekräftige Klaviermusik ein.

London ist in Aufruhr: Ein psychopathischer Mörder sucht sich jeden Dienstagabend ein neues blondes Opfer. Mit der siebten Frauenleiche beginnt Alfred Hitchcocks erster Film, ein Stummfilm, den der Meisterregisseur als 27-Jähriger drehte. Mit diesem cineastischen Fundstück, das atmosphärisch verdichtet, untermalt und strukturiert wird von der Musik des Musikers und Stummfilmexperten Wilfried Kaets, starteten im BIS die 10. Krimitage.

Einen Stummfilm zu sehen, der von einer eigens dazu ausgewählten Musik begleitet wird, ist eine Rarität. Zuerst müssen die Zuschauer freilich einige Sehgewohnheiten ablegen, sich auf die langsameren Bilder und die stärker theatralisch-dramatische Darstellung einlassen. Dann aber beginnt die Magie solcher alten Filme zu wirken.

Hitchcocks Handschrift ist auch bei seinem Filmdebüt bereits unverkennbar: Mit kleinen Details wird Spannung aufgebaut. Zum Beispiel, wenn der "Lodger", der geheimnisvolle, gut aussehende, aber verdächtige Mieter, in seinem Zimmer ruhelos auf und ab läuft. Dann schwingt der Kronleuchter im darunter liegenden Zimmer hin und her, die Wirtsleute blicken besorgt zur Decke. Begleitet wird das von Wilfried Kaets' Klaviermusik, die passgenau unheimliche, fröhliche, düstere oder romantische Stimmungen erzeugt. Der Musiker verlässt sich dabei nicht nur auf die Tasten seines Flügels, sondern nutzt auch die Möglichkeit, Saiten direkt mit Schlägeln anzuschlagen und so Klang-Variationen zu schaffen.

Die Geschichte des Krimis ist rasch erzählt: Während der Mörder weiter mordet, verliebt sich die Tochter des Hauses in den verdächtigen "Lodger". Ihr Verlobter, ein Polizist, wird eifersüchtig, lässt die Wohnung durchsuchen und findet Belastendes. Der Bewohner flieht, ein wütender Mob versucht ihn umzubringen. Gerade noch rechtzeitig wird dann der wahre Mörder gefunden. Es gibt ein Happy End: Der Lodger, ein Gentleman, der den Mörder seiner Schwester suchte, schließt die Tochter des Hauses in die Arme. Alle blicken seelenvoll in die Kamera - ein Schluss, der dem Filmplot nicht ganz gerecht wird.

Wilfried Kaets, der sich sehr intensiv mit Stummfilmen beschäftigt und Musik für verschiedene Klassiker komponiert oder zusammengestellt hat, weiß auch, warum. Hitchcock habe für seinen ersten Film einen damals sehr prominenten Darsteller gewinnen können, einen echten Frauenschwarm. "Als der Produzent merkte, dass der Star den Mörder spielen sollte, musste die Story verändert werden", erzählt er. So kam es zum eigentlich ungewollten Happy End.

Der Stummfilm wurde durch die Live-Musik von Kaets zu einer ungewöhnlichen cineastischen Erfahrung. "Ich spiele keine historische Stummfilmmusik, aber ich stelle mich in den Dienst der Sache", erklärt der Musiker. "Ich weiß genau, wann welche Szene kommt, und beginne schon ein paar Sekunden früher, die Stimmung aufzubauen."

In den Hoch-Zeiten des Stummfilms spielte in den Ur-Aufführungskinos in Berlin übrigens nicht nur ein Klavierspieler, sondern ganze Orchester waren am Werk. "Im UFA-Filmpalast spielten 123 Musiker, mehr als bei den damaligen Philharmonikern", erzählt Kaets.

(arie)