Mönchengladbachs Stärke ist das Miteinander

Mönchengladbachs Stärke ist das Miteinander

Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein und die ehrenamtlichen Vizepräsidenten Claus Schwenzer und Hartmut Wnuck, über Sorglosigkeit im Umgang mit IT-Risiken, die Rolle der Hochschule und die Zukunft der Hindenburgstraße.

Seit einem Jahr arbeitet das IHK-Präsidium in seiner jetzigen Konstellation. Herr Schwenzer und Herr Wnuck, Sie sind erstmalig als Vizepräsidenten dabei und vertreten die Interessen der Mönchengladbacher Unternehmen. Was sind Ihre Eindrücke?

Schwenzer Ich finde sehr eindrucksvoll, dass die ganze Bandbreite an Unternehmen im Präsidium vertreten ist: vom Ein-Frau-Unternehmen bis zum Weltkonzern. Dennoch gehen alle auf Augenhöhe miteinander um, jeder Einwand wird gleich gewichtet. Und am Ende kommen wir zu einstimmigen Ergebnissen.
Wnuck Man stellt sich solche Sitzungen viel formeller vor als sie sind. Wir haben gleich mit einem Wochenend-Workshop angefangen. Die Unterschiede sind sehr belebend. Und es ist wichtiger denn je, einander zuzuhören.

Haben Sie in diesem Jahr für Mönchengladbach schon etwas auf den Weg gebracht?

Steinmetz Wir haben Grundlagenarbeit geleistet, ein Leitbild erarbeitet und unsere wirtschaftspolitischen Positionen für die verschiedenen Teilregionen der IHK Mittlerer Niederrhein, also auch für Mönchengladbach, formuliert. Daraus resultieren Forderungen und Aktivitäten.

Was heißt das konkret?

Wnuck Wichtige Punkte sind die Digitalisierung und die Entwicklung der Hochschule. Mönchengladbach ist zweifellos wirtschaftlich im Aufschwung, aber es gibt strukturelle Probleme. Die Ansiedlungserfolge sind groß, aber wir müssen auch auf Qualität setzen und da sollte die Hochschule in Mönchengladbach mehr Flagge zeigen. Vielleicht gelingt es ja, die Cyber-Crime-Akademie in Gladbach im alten Polizeipräsidium anzusiedeln. In jedem Fall aber ist IT-Sicherheit ein Zukunftsthema, mit dem die Hochschule und damit auch die Stadt punkten können. Es gibt auch einen Kompetenzschwerpunkt Logistik, der stärker nach außen sichtbar gemacht werden sollte.
Steinmetz Darüber hinaus greifen unsere wirtschaftspolitischen Positionen unter anderem die Aspekte Verkehrs- und Flächeninfrastruktur, Entwicklung der Innenstädte, Fachkräftesicherung und Start-up-Förderung auf.

Herr Wnuck, Sie sind ein großer Verfechter der Digitalisierung. Mit dem Thema IT-Sicherheit sprechen Sie die Risiken der Entwicklung an. Spüren Unternehmen diese Gefahren?

Wnuck Bei der IT-Sicherheit gibt es im Mittelstand viel Sorglosigkeit. Aber das wird nicht mehr lange gut gehen. Wer keine Zertifikate liefern kann, wird Probleme im internationalen Geschäft bekommen.
Schwenzer An der Digitalisierung geht kein Weg vorbei. Ich komme ja aus der Old Economy, aber auch bei uns geht natürlich ohne Chip keine Tür mehr auf. Wenn die EDV ausfällt, drehen die Leute Däumchen. Ich bin allerdings bei vielen anderen Unternehmen erschrocken, wie selten eigentlich recht simple Maßnahmen ergriffen werden.
Steinmetz Die Unternehmen in der Region wünschen sich mehr Unterstützung in diesem Bereich. Wir starten mit den IT-Sicherheitslotsen ein Beratungs- und Unterstützungsangebot für kleinere Unternehmen.

Die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist auf einem Rekordhoch, aber hochqualifizierte Jobs gehen verloren, dafür entstehen schlechter bezahlte Arbeitsplätze. Die Arbeitsagenturchefin Schoofs äußerte sich deshalb zuletzt besorgt. Teilen Sie diese Sorge?

Wnuck Wir müssen weiter an Inhalten arbeiten. Wir brauchen eine Gründer- und Innovationskultur, die interessante junge Leute anlockt. Wir haben mit der Textilakademie und dem Blauhaus schöne Ansätze, die aber noch ausgebaut werden müssen. Technische Textilien sind sicher ein Zukunftsthema, mit dem die Hochschule noch stärker auf sich aufmerksam machen kann.

Was kann man denn tun, um die Gründerszene zu stärken?

Wnuck Es gibt Gründertage, es gibt Pitches, aber noch ist die Szene nicht hier. Die Nachnutzung des Polizeipräsidiums kann der Entwicklung mehr Schwung geben, aber dafür braucht man ein inhaltliches Konzept.

Der Vorschlag, die Cyber-Crime-Akademie dort anzusiedeln, hat für Aufsehen gesorgt. Wie ist der Stand der Dinge?

Steinmetz Neue Informationen haben wir noch nicht. Aber wir haben einen guten Aufschlag im Ministerium gemacht. Das breite Bündnis aus Bundestags- und Landtagsabgeordneten, Polizeipräsidenten, Hochschule, Oberbürgermeister und Wirtschaft hat Eindruck hinterlassen. Auch das Konzept mit einem Aus- und Fortbildungsangebot für Polizei, Verwaltung und Wirtschaft ist gut. Sollte es so umgesetzt werden, würde es mehrere hundert Studierende bedeuten.
Wnuck Dieses Projekt zeigt das gute Miteinander in der Stadt. Wir alle wollen eine dynamische Entwicklung für Mönchengladbach.

Der neue Koalitionsvertrag sieht flächendeckend Gigabit bis 2025 vor. Der letzte hatte flächendeckend 50 Mbit pro Sekunde bis 2018 versprochen und ist krachend gescheitert. Wie optimistisch sind Sie, dass das 20fache bis 2025 erreicht wird?

Steinmetz Ich halte die Politik in diesem Punkt für nicht glaubwürdig. Man sollte keine Versprechen zu Lasten nachfolgender Regierungen machen.

Was halten Sie denn von der Mönchengladbacher Infrastruktur?

Steinmetz Auch in Mönchengladbach wird die Infrastruktur dem wachsenden Verkehr an vielen Stellen nicht gerecht. Grundsätzlich hat die Stadtverwaltung mit dem Lkw-Routenkonzept vorbildlich auf die Hindernisse für den Wirtschaftsverkehr durch Luftreinhalte- und Lärmaktionsplanung reagiert. Die Umsetzung insbesondere der mittel- und langfristigen Maßnahmen ist allerdings derzeit nicht abgesichert. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um den Neubau einer Umgehung Burggrafenstraße und den Neubau einer Umgehung für Rheydt. Diese Maßnahmen müssen in Angriff genommen werden. Die Erreichbarkeit aller Ziele für den Wirtschaftsverkehr muss auch langfristig aufrechterhalten bleiben.

Schwenzer Zur Infrastruktur zählen für mich auch die gut funktionierenden Firmennetzwerke. Wir haben hier Spezialisten für alles. Eine unkomplizierte Vernetzung ist wichtig. Das ist übrigens auch ein Punkt, mit dem man junge Gründer anlocken kann: die Bereitstellung von Räumlichkeiten, in denen Start-ups arbeiten und sich miteinander austauschen können. Es ist wichtig, Begegnung zu ermöglichen. Aus einem einsamen Gründer wird meist nichts.

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Damit sind wir wieder bei den jungen Gründern. Was kann Mönchengladbach ihnen bieten?

Wnuck Die unkomplizierte Zusammenarbeit ist tatsächlich Mönchengladbachs Stärke. Nicht nur zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen Wirtschaft und Verwaltung.
Steinmetz Man wird hier wirklich leicht aufgenommen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt eine große Bereitschaft der Menschen, sich auf Neues einzulassen.

Die Zusammenarbeit ist gut, aber Sie fordern eine " One-Stop-Agency" für Unternehmen, eine Verwaltungsstelle, die Unternehmen bei Behördengängen etwa bei Bauprojekten zur Seite steht.

Steinmetz Ja, das würde die Entwicklung noch reibungsloser machen: ein zentraler Ansprechpartner bei der Verwandlung und damit einhergehend die Bündelung des Plan- und Genehmigungsverfahrens.

Sie haben neulich einen Konjunkturbericht der Freude veröffentlicht. Es läuft, aber inzwischen werden die Gewerbeflächen rar. Der Logistik eilt der Ruf voraus, viel Fläche für verhältnismäßig wenig Jobs zu verbrauchen. Hat Mönchengladbach aufs falsche Pferd gesetzt?

Steinmetz Mönchengladbach hat tatsächlich eine großartige Erfolgsbilanz vorzuweisen. Wir haben nicht zu viel Logistik, es kommt immer auf den Mix an. Und die Logistik ist Wachstums- und Beschäftigungsmotor.

Wnuck Amazon wird hier ein hochmodernes Verteilzentrum bauen. Das werden hochinteressante Arbeitsplätze für gut ausgebildete Leute.
Schwenzer Die Bedeutung der Logistik wächst ständig, auch in meinem Unternehmen hat sie sich zum zweitgrößten Bereich entwickelt. Moderne Lagertechnik ist Hightech. Aber auch die einfacheren Arbeitsplätze, die dort zur Verfügung stehen, tun Mönchengladbach gut.

Gibt es noch genug Gewerbeflächen für Neuansiedlungen?

Steinmetz Der Regionalplan sieht langfristig Entwicklungspotenziale für den Regiopark und konkrete Flächen für das neue interkommunale Gewerbegebiet "Mackenstein" mit Viersen vor. Das ist auch gut, denn tatsächlich nimmt die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen im IHK-Bezirk ab, was auf Umnutzungen zurückzuführen ist. Umso wichtiger ist es, dass Mönchengladbach und Viersen die Planungen für das neue Gewerbegebiet "Mackenstein" zügig vorantreiben.

Wie schätzen Sie die Lage der Industrie in Mönchengladbach ein? Ihr Kollege Gregor Berghausen bezeichnete die Industrie einmal als "Geigerzähler für die konjunkturelle Lage".

Steinmetz Die Entwicklung der Industrie macht viel Freude. Sie ist auf Wachstumskurs und ein wesentlicher Treiber der guten konjunkturellen Entwicklung.
Schwenzer Das tut auch Mönchengladbach gut, denn die meisten Firmen im IHK-Bezirk sind in der Region zu Hause. Den einheimischen Unternehmen liegt auch die Stadt am Herzen. Deshalb ist eine Versöhnung des innerstädtischen Gewerbeverkehrs mit den Bedürfnissen der Anwohner auch für die Firmen wichtig.

Die Stadt ist um die Gewerbegebiete herum gewachsen. Das führt zu Spannungen zwischen den Wünschen der Anwohner und den Bedürfnissen der Unternehmen.

Schwenzer Ja, das müssen wir im Blick haben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Straßen kategorisiert werden: Es gibt dann Gewerbestraßen, aber auch mehr Tempo-30-Zonen, wo Lkw nichts zu suchen haben. Die Lebensqualität in der Stadt ist auch für die Unternehmen wichtig, sonst können sie keine guten Mitarbeiter gewinnen.

Mönchengladbach gehört zu den Städten, denen ein Dieselfahrverbot droht. Wie stehen die Unternehmen dazu?

Schwenzer Ich hoffe, dass wir das ohne Fahrverbote in den Griff kriegen. Für viele Unternehmen wäre ein Dieselfahrverbot ein riesiges Problem.
Steinmetz Ich bin etwas skeptisch. Auch die Verwaltung wird getrieben. Ich habe die Sorge, dass ein Dieselfahrverbot verhängt werden könnte, obwohl nicht alle anderen Mittel ausgeschöpft werden.

Schauen wir auf die Innenstadt: Die Stadt will die Busse auf der Hindenburgstraße offenbar entgegen Gutachtermeinung weiter nur bergauf fahren lassen. Was ist Ihre Lösung?

Schwenzer Ich finde die Reduzierung des Busverkehrs persönlich sehr gut. Eine gesteigerte Aufenthaltsqualität kommt auf Dauer allen zugute. Es gibt natürlich Geschäfte, die schlechter erreichbar sind, aber ich meine, dass der Einzelhandel auch selbst aktiv werden muss.
Wnuck Warum sollte man nicht auch mal verrückte Ideen bedenken? Hier ist tatsächlich nicht nur die Stadt gefordert. Wichtig ist es daher, die Kommunikation zwischen Stadt, Politik, Handel und Gastronomie zu verbessern. In diesem Bereich gibt es in Mönchengladbach offensichtlich Defizite.
Steinmetz Wir haben uns hier auf einen Runden Tisch verständigt, an dem neben der Verwaltung auch der Einzelhandelsverband und die Werbegemeinschaften beteiligt sind. Wir wollen Probleme diskutieren und ausräumen.

DENISA RICHTERS, ANDREAS GRUHN UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH

(RP)