Kolumne Denkanstoß : Freiheit hat Verantwortung zur Folge

Der Sommer ist da. Viele Einschränkungen unserer Freiheitsrechte, zum Beispiel der Versammlungsfreiheit oder Reisefreiheit, wurden rechtzeitig zu den Ferien aufgehoben. Das ist erfreulich. Wie zerbrechlich diese Freiheit ist, wird uns schnell deutlich, wenn wir an die Nachrichten aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf denken.

Mit großer Solidarität haben die Menschen in den letzten Monaten zusammengestanden. In Seniorenheimen, Krankenhäusern, Altentagesstätten, Hospizen, oder Kindertagesstätten, in Notfall- und Telefonseelsorge, auch an den Schulen haben wir in unserer Kirche Verantwortung für die uns anbefohlenen Menschen übernommen. Regionale Netzwerke haben funktioniert. Wir haben uns neue digitale Möglichkeiten erobert. Ein starkes Stück Gemeinschaft. Ich hoffe, es bewegt viele, nicht aus unserer Kirche auszutreten, sondern im Gegenteil, wieder einzutreten. Nach wie vor sind wir als Kirche „Mitten im Leben“ mit Gott unterwegs.

Erschreckt hat mich, dass die Corona-Pandemie zu einem Erstarken nationalistischer und rechtspopulistischer Kräfte in unserem Land  – und darüber hinaus in ganz Europa – geführt hat. Als Bürger, Demokraten und Christen brauchen wir einen wachsamen und klaren Blick auf die Folgen dieser Krise: Andauernde Fluchtbewegungen in Richtung Europa, ein Wettlauf um den Impfstoff und seine Patentierung. Es wird versucht werden, aus Nöten und Ängsten der Menschen ökonomisch und politisch Kapital zu schlagen.

Gerade jetzt gilt es mutig hier und weltweit für die Schwachen einzutreten. Die Menschen, denen es an medizinische Versorgung und ausreichender hygienischer Vorsorge fehlt, sind besonders betroffen. Unterstützung zur Daseinsvorsorge gibt es für sie kaum. „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben.“ (2. Tim. 1,7) So lesen wir es in der Bibel. Aus diesem Geist heraus verstärken wir gerade jetzt unser Bemühen um weltweite Gerechtigkeit und Frieden. Mit der Kampagne „Beyond Borders“ unterstützen die vier evangelischen Kirchenkreise des „Kleeblattes“, Krefeld-Viersen, Aachen, Jülich und Gladbach-Neuss, Menschen und Gemeinden in unseren Partnerschaftsprojekten in Afrika und Asien. Wir möchten einen Beitrag leisten zur Unterstützung einer sozialen und ökologischen Wende, die für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgt. Und wir beginnen dort, wo wir gezielt helfen können.

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, ein Wirtschafts- und Wachstumsmodell, das an seine Grenzen gestoßen ist, zu transformieren. Die sozialen Sicherungsmechanismen in Deutschland hinterlassen Gerechtigkeitslücken. Chancen sind ungerecht verteilt. Ganz besonders gilt das für die Länder in den benachteiligten Regionen und Kontinenten dieser Welt, auf deren Kosten unser Wohlstand vielfach fußt. Oft sind diese Länder auch vom Klimawandel am härtesten betroffen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden wir alle uns immer wieder fragen müssen, ob wir getan haben, was wir tun können, um den Klimawandel und den dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen.

Der heute gebotene Abstand zwischen Menschen birgt die Gefahr in sich, sich innerlich von den Anliegen der anderen Menschen zu distanzieren. Dazu darf es nicht kommen. Deshalb organisieren wir Veranstaltungen, internationale Partnerschaften, Begegnungsforen und Gottesdienste so, dass die Nähe zum anderen trotz räumlichen Abstands erfahrbar wird.

Ich bin mir sicher: Mit der Freiheit des Glaubens und der Selbstentfaltung geht das Gebot zur sozialen, politischen und ökologischen Verantwortung zwingend einher. Wer die Freiheit will, muss auch bereit sein, Verantwortung für seine Nächsten zu tragen.