Heimkinder in Mönchengladbach : Taschentuchbaum als Symbol

Ein Baum im Schmölderpark erinnert an das Leid ehemaliger Heimkinder.

„Das Taschentuch ist ein starkes Symbol“, sagt Sozialdezerntin Dörte Schall. „Man wischt damit die Tränen ab, man kann es anderen aber auch zum Trost reichen.“ Deshalb findet auch Uwe Werner, der Vorsitzende der 1. Community- Ehemalige Heimkinder NRW, den Taschentuchbaum, den der Verein dem Schmölderpark in Rheydt gespendet hat, so passend. Es ist einer von insgesamt 18 Bäumen, die zwölf Privatpersonen, ein Unternehmen und dieser Verein gespendet haben. „Er wächst weiter, wenn wir nicht mehr da sind“, sagt Werner. Denn den ehemaligen Heimkindern läuft die Zeit davon, um auf ihr Leiden aufmerksam zu machen und dafür eine Entschuldigung und eine Entschädigung zu erhalten.

Um ihr Anliegen durchzusetzen, ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nötig. Und die haben sie sich im Laufe der letzten Jahre erarbeitet. Er fühle Scham, Respekt und Stolz, sagt Hans-Willi Körfges, SPD-Landtagsabgeordneter, bei der symbolischen Baumpflanzung im Schmölderpark. Scham, weil die Gesellschaft zu wenig getan hat, Respekt für das Engagement der Betroffenen und Stolz, weil sie sich nicht den Willen hätten nehmen lassen, ihre Würde wieder zu erkämpfen. Pfarrer Dietrich Denker, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss, bekennt sich zur Schuld auch der kirchlichen Einrichtungen. „Ich stehe hier als Repräsentant von Tätern“, sagt er, bittet um Entschuldigung und sagt finanzielle Unterstützung für den Erhalt der Vereinsräumlichkeiten zu.

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Die ehemaligen Heimkinder, nach 1945 weiter Opfer der schwarzen Pädagogik, von Bildung weitgehend ausgeschlossen und sogar für Medikamentenversuche missbraucht, kämpfen seit Jahren um Anerkennung und finanzielle Entschädigung. Die aufgelegten Heimfonds sind allerdings bürokratische Ungetüme, die Antragsstellung für Einzelne kaum zu bewältigen. Und die Befragungen im Vorfeld führen nicht selten zu einer Re-Traumatisierung der Betroffenen. Umso wichtiger ist die Arbeit des Mönchengladbacher Vereins; er gilt als beispielhaft für ganz NRW. „Sie bestärken sich gegenseitig, obwohl Sie als Kinder nie bestärkt worden sind oder Zuneigung erfahren haben“, würdigt die Sozialdezerntin die Arbeit des Vereins.

Zwei Dinge treiben die ehemaligen Heimkinder im Augenblick besonders um: zum einen die Tatsache, dass etliche derjenigen, die die 9000 Euro aus dem Heimfonds erhalten haben, nicht darüber verfügen können, weil gesetzliche Betreuer das Geld zuteilen. „Wir wollen keine Fremdbestimmung mehr“, erklärt Werner. Zum anderen geht es um Gelder, die voraussichtlich 2019 noch im Heimfonds zur Verfügung stehen, weil die Betroffenen es nicht geschafft haben, sie abzurufen. „Es werden Millionen drinbleiben. Damit sollten die Selbsthilfeorganisationen finanziert werden.“

Derweil wächst im Schmölderpark der Taschentuchbaum zur Erinnerung und Mahnung und wird im Frühling mit vielen weißen Blüten, die an Taschentücher erinnern, den Park bereichern.