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Mönchengladbach: Zwischen Seestadt und wüster Steppe

Kolumne Mensch Gladbach : Zwischen Seestadt und wüster Steppe

In der City Ost wird bei einem Großprojekt ein künstlicher See angelegt. Seestadt soll Mönchengladbach aber vor allem durch das Ende des Tagebaus werden. Oder wird es doch eine Wüste?

Urlaub in der Heimat liegt ja wegen der Pandemie gerade im Trend. Und die Wetterkapriolen der vergangenen Tage bringen eine Vielfalt wie sie Ferien am Mittelmeer nur selten bieten:  Erst Dauer-Dürre wie im Zentrum Spaniens, von der sich die Natur noch immer nicht erholt hat. Dann brachte Sturm echtes Nordsee-Flair, gefolgt von Regen in solchen Mengen in so kurzer Zeit, dass ganz Mönchengladbach wie ein einziger See schien. Zeit, um das Gummiboot aufzublasen, blieb nicht. Denn es wurde wieder mediterran. Der Klimawandel lässt grüßen.

Zwischen Wüste und Seestadt bewegen sich auch die Prognosen für Mönchengladbachs Zukunft. Mit Letzterem ist nicht das Großprojekt nahe des Gladbacher Hauptbahnhofs gemeint, dessen Bau zwar noch immer nicht begonnen hat, bei dem sich aber in einigen Jahren Gebäude mit bis zu 2000 Wohneinheiten um einen künstlich angelegten See gruppieren sollen.

Zur Seestadt soll Mönchengladbach durch ein viel, viel größeres Gewässer werden, das nach dem Ende des Braunkohle-Tagebaus an der Grenze zu Wanlo geplant ist. Ab dem Jahr 2030 soll Wasser in das verbleibende Restloch geleitet werden. 60 Millionen Kubikmeter jedes Jahr – und das über sieben Jahrzehnte. Am Ende, also ungefähr im Jahr 2100, soll ein See mit einer Größe von 23 Quadratkilometern und einer Tiefe von fast 200 Metern entstanden sein. Nur der Bodensee und der Starnberger See wären in Deutschland größer. Dann braucht kein Mönchengladbacher mehr sein Boot mühsam ans IJsselmeer transportieren, es reicht ein Platz im edlen Wanloer Jachthafen von Wanlo.

Falls es denn so weit kommt. Denn das Wasser soll aus dem Rhein in das Tagebau-Restloch gepumpt werden. Was problematisch werden könnte, wie die Leiterin der städtischen Umweltbehörde in dieser Woche unserer Redaktion dargelegt hat. Denn das Wasser, mit dem das Restloch befüllt wird, soll aus dem Rhein kommen. In dem längsten Fluss Deutschlands wird das Wasser in Zeiten des Klimawandels aber knapper und damit umkämpfter. Bei der Rheinschifffahrt regt sich bereits Protest gegen die voluminösen  See-Pläne im Südwesten von NRW. Gefährdet sind dadurch aber nicht nur die Pläne, ganze Feuchtbiotope könnten austrocknen, wenn nach dem Ende des Tagebaus nicht ausreichend Wasser zugeführt wird.

Also triste Steppe statt fruchtbares Gewässerhinterland? Wüstentour statt Beach-Freizeit? Die Gefahr ist da. Deshalb ist es wichtig, dass die Pläne nicht nur an die klimatischen Gegebenheiten angepasst werden. Die Region muss sich als Einheit dafür einsetzen nach Jahrzehnten mit dem Tagebau, der nicht nur Arbeitsplätze und Energie zu günstigen Preisen gebracht hat, sondern für viele auch den Verlust von Heimat, nicht ins Hintertreffen zu geraten. Der Strukturwandel ist eine Chance. Eine neu gestaltete, lebenswerte Landschaft ist ein Teil davon.

Dann wird der Urlaub vor der Haustür selbstverständlich.

In diesem Sinne: Ihnen ein wirklich ferienhaft entspanntes Wochenende!