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Mönchengladbach: Wohnprojekt für psychisch Kranke

Wohnprojekt in Mönchengladbach : Psychisch krank – und doch selbstständig

Eine Alternative zum Leben im Wohnheim soll ein Projekt des Vereins zur Rehabilitation psychisch Kranker bieten. Er errichtet ein Haus mit 13 Apartements für Betroffene und einem Café, das auch Nachbarn offen steht. Der Bedarf ist groß.

Ein Beratungscafé, 13 Apartments, eine Krisen- und eine Probewohnung, neun Büros – diese Angebote sollen psychisch Kranke ab Sommer 2020 an der Hovener Straße finden. „Es gibt einen hohen Bedarf“, sagt Sozialdezernentin Dörte Schall, „es liegt im Interesse der Stadt, Einrichtungen für Menschen mit psychischen Behinderungen vor Ort zu haben, damit sie an ihrem Heimatort bleiben können.“

Das Haus entsteht derzeit an einem Platz, wo ein thailändisches Restaurant stand. Ein Bagger schaufelt Sand und Erde zur Seite, um Platz für das Fundament und die Tiefgarage des Wohn- und Bürohauses zu schaffen, das der Verein zur Rehabilitation psychisch Kranker dort errichtet. Vier Millionen Euro kostet das Wohnprojekt, das eine Alternative zu einem Wohnheim bieten soll. Finanziert wird es mit Mitteln der Stiftung Wohlfahrtspflege, der Aktion Mensch, der NRW-Bank und zu 20 Prozent aus Eigenmitteln des Reha-Vereins. Es soll Menschen, die unter chronischen psychischen Krankheiten leiden, ein möglichst selbstständiges Leben ermöglichen.

„Es wird auch weiter gemeinsame Angebote wie ein Mittagessen geben“, erklärt Dieter Schax, der Vorstandsvorsitzende des Reha-Vereins, den veränderten Ansatz an einem Beispiel. „Aber unsere Mieter können sich stattdessen auch entscheiden, an die nächste Pommesbude zu gehen. Wie jeder andere auch.“ Neben den Apartments gibt es Büros für die verschiedenen Dienste des Reha-Vereins. Das Beratungscafé ist auch für Menschen aus der Nachbarschaft offen. Die Lage des Gebäudes in einem gewachsenen Wohnumfeld eröffnet Möglichkeiten, die Inklusion von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen positiv zu beeinflussen. „Gegenüber psychisch kranken und behinderten Menschen bestehen die Barrieren zur Teilhabe am sozialen Leben nicht in baulicher Art, sondern in Unwissenheit, Ängsten und Vorurteilen“, erläutert Schax. Nähe hilft.

Mit dem Wohnprojekt an der Hovener Straße nimmt der Reha-Verein die Ziele des Bundesteilhabegesetzes vorweg, das im kommenden Jahr in Kraft tritt und der Selbstbestimmung einen hohen Stellenwert einräumt. „Menschen mit chronischer psychischer Erkrankung haben oft die Fähigkeit verloren, ihren Alltag zu strukturieren“, erläutert Silvia Schöller, Chefärztin der LVR-Klinik und Vorsitzende des Aufsichtsrats des Reha-Vereins. Früher habe das „Einmal Wohnheim, immer Wohnheim“ bedeutet, ergänzt Dieter Schax. Heute wird versucht, diesen Automatismus aufzubrechen und den Betroffenen Verantwortung für ihr Leben zurückzugeben, in einem betreuten Rahmen.

Die Anzahl der Menschen mit schweren und chronischen seelischen Krankheiten sei in Mönchengladbach relativ konstant, meint Schax. Aber die Zahl der jungen Leute, die Hilfe in der Psychiatrie suchen, steigt. Die Familie leiste heute nicht mehr das, was sie vor 30 Jahren geleistet habe, stellt der Vorstandsvorsitzende fest. Die ambulanten Angebote des Reha-Vereins werden von immer mehr Menschen in Anspruch genommen, vor allem das ambulant betreute Wohnen. „Wer im Wohnheim bleiben möchte, kann dort selbstverständlich bleiben“, betont Schax. Aber für die, die mehr Selbstbestimmung suchen, stehen im Sommer kommenden Jahres die neuen Angebote in Bettrath bereit.