Mönchengladbach Wirtschaft

Serie Junge Macher in MG: Im Blaumann für den Familienbetrieb

Lina Höttges ist 22 Jahre alt, ist ausgebildete Fahrzeuglackiererin und macht derzeit ein triales Studium an der Hochschule Niederrhein. Später möchte sie einmal die Werkstatt ihres Großvaters übernehmen. Und heute schon andere junge Menschen für das Handwerk begeistern.

Als Lina Höttges sich nach ihrem Abitur dazu entschieden hat, eine Ausbildung zur Fahrzeuglackiererin zu machen, hat sie damit erst einmal eine ganze Menge Leute überrascht. Ihre Freunde. Ihre Familie. Und ganz besonders auch sich selbst. Denn als Höttges 2014 immer mehr auf ihren Abschluss zusteuerte, wusste sie eigentlich noch gar nicht so recht, wo ihr Weg einmal hinführen sollte. In der zehnten Klasse hatte sie mal ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht. Vorstellen für die Zukunft konnte sie sich diesen Job aber nicht. Also überlegte sie weiter, dachte an die Schulferien, in denen sie ab und zu im Büro ihres Großvaters Rolf Sprenger ausgeholfen hatte. Dort, im Karosserie- und Lackierfachbetrieb, in dem auch ihre Mutter seit einigen Jahren in der Geschäftsleitung arbeitet, war ihr zweites Zuhause. Nach der Schule fuhr sie manchmal kurz in die Werkstatt, zum so geannten „Schätzchen“ ihres Großvaters, das er vor über 50 Jahren gegründet und seitdem mit großem Eifer aufgezogen hatte. Und in dem so auch Lina Höttges ein Stück weit groß wurde. Nach einiger Zeit wurde Höttges bewusst, wie viel ihr an dem Familienbetrieb lag. Und dann auch ganz schnell klar, dass sie den Betrieb – als einziges Kind in der Familie – übernehmen möchte. Ihre erste Idee war es, eine Büroausbildung zu machen, um dann später einmal die Werkstatt vom Schreibtischstuhl aus zu führen. Doch all das, ohne zu wissen, wie man überhaupt ein Auto richtig richtig lackiert oder worauf es nach einem starken Aufprall bei der Reparatur ankommt? Für Lina Höttges kam das nicht in Frage. Also beschloss die heute 22-Jährige, all das erst einmal in einer Ausbildung zu lernen. Und wurde so zur einzigen Frau unter den Arbeitern in der Werkstatt.

Der erste Tag als Lackiererin war aufregend. „Es war mir unangenehm, im Blaumann vor die Jungs zu treten. Das hat sich irgendwie fremd angefühlt“, sagt Höttges. Sich zwischen den Autos zurechtzufinden war eine Herausforderung. Hätte sie doch lieber wie ihre Freunde studieren oder eine Ausbildung bei der Bank machen sollen? Doch die Zweifel an ihrer Entscheidung brauchten nicht lange, da waren sie schon wieder verflogen: Es war der erste demontierte Stoßfänger, der Höttges wieder zum Strahlen brachte. Das ganze Gesicht schwarz und der Blaumann so verfärbt, als hätte sie mit dem ganzen Körper gearbeitet, lief sie voller Glücksgefühle zu ihrem Großvater, der Mutter und den anderen Arbeitern, verkündete stolz und laut „Der Stoßfänger ist jetzt demontiert“ und brachte mit ihrer Euphorie über den kleinen Sieg augenblicklich den ganzen Betrieb mit zum Lachen. Die Arbeit im Handwerk gefiel ihr immer mehr: die körperliche Arbeit, der lockere Umgang mit den Kollegen, die Ehrlichkeit und ganz besonders auch die vielen Erfolgserlebnisse, die man sammelt, wenn man nach Feierabend sehen kann, was man an diesem Tag wieder alles geschafft hat. Auch mit dem Blaumann hat Lina Höttges heute keine Probleme mehr: „Es ist wunderbar ungeschminkt und mit Zopf zur Arbeit gehen zu können und sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, was man anzieht“, sagt sie. „Und im Blaumann gehört man in der Werkstatt auch direkt dazu.“

2016 konnte Höttges ihre Ausbildung zur Fahrzeuglackiererin nach zwei Jahren verkürzt abschließen – als Jahrgangsbeste in der Berufsschule. Doch der Abschluss reichte ihr noch nicht. Je mehr Zeit sie in der Firma verbrachte, desto sicherer war sie sich, das sie ihren Platz in der Werkstatt gefunden hatte. Und hier wollte sie noch mehr lernen. Also entschied sich Höttges, an der Hochschule Niederrhein ein triales Studium dranzuhängen. Fünf Jahre dauert das Studium, anschließend hat man einen Bachelor in Hanwerksmanagement-Betriebswirtschaftlehre, einen Abschluss als Gesellin sowie als Handwerksmeisterin. Ihre zweite Ausbildung inklusive Meister wollte Lina Höttges ebenfalls im Familienbetrieb machen – diesmal als Karosseriebauerin. „Gerade als Frau ist es nicht vekehrt so eine Qualifikation zu haben. So wissen die Leute sofort, dass ich weiß, was ich tue“, sagt die 22-Jährige. Seitdem ist ihr Leben eng getaktet. Montags bis freitags steht Höttges um 7 Uhr morgens in der Firma, bereitet mit ihrer Mutter kurz alles vor, teilt um 8 Uhr die „Jungs“ ein und ist dann „als Mädchen für alles“ bis 17 Uhr immer abwechselnd in der Werkstatt, im Büro oder bei der Kundenannahme zu finden. Freitags hat Höttges eine Stunde früher Schluss – Wochenende ist damit aber noch lange nicht. Denn bis 21 Uhr geht es mit den Vorlesungen an der Hochschule weiter. Dort sitzt sie mit weiteren Studierenden – vom Bäcker bis zum Friseur – zusammen und lernt alles, was sie später einmal für die Geschäftsführung brauchen könnte. Samstags steht ebenfalls von 9 bis 17 Uhr die Hochschule auf dem Plan. Nur der Sonntag ist frei, um ihn entspannt mit Freunden oder der Familie zu verbringen oder für Prüfungen zu lernen. Ein Leben, das so schon genügend ausgefüllt ist. Doch weil Lina Höttges gefragt wurde, ob sie in der Handwerkskammer die Fachtheorie für auszubildende Fahrzeuglackierer unterrichten könnte, ist sie jetzt alle zwei Wochen vor der Arbeit  zusätzlich als Lehrerin in Düsseldorf unterwegs. Die passende Qualifikation hat sie im Januar erreicht, zusammen mit den ersten beiden Teilen ihres Meisters als Fahrzeuglackiererin, den sie – ganz nebenbei – auch noch macht. Für ihr Meisterstück sollte Lina Höttges aus einem alten Gegenstand etwas Neues zaubern. Höttges verwandelte eine alte Vespa in einen Bürostuhl, der heute stolz vor ihrem Schreibtisch steht. Ende des Jahres will sie dann auch mit ihrer Karosserie-Ausbildung fertig sein. Doch: die Werkstatt, das Lehren, der Meister, das Studium - wird ihr das nicht alles manchmal zu viel? „Es ist anstrengend, aber ich weiß ja, wofür ich es mache“, sagt Höttges. „Und meine Familie sorgt ja dafür, dass ich den Rücken frei habe.“

  • Mönchengladbach : Kleine Musikschülerin ganz groß

Den ganzen Tag über mit der Familie zusammen zu sein gefällt der 22-Jährigen. „Meine Mutter und ich ergänzen und sehr gut. Und mein Großvater ist hier im Betrieb so jemand wie ein Sheriff, der immer noch ein Auge auf uns hat“, sagt Höttges. Momentan wohnt die Fahrzeuglackiererin noch bei ihrer Mutter, Ende des Jahres wartet ein Umzug auf sie – und das gleich in das erste eigene Haus. Denn hier in Mönchengladbach möchte Lina Höttges ihr Leben verbringen. Mit ihrem alten Mini – einer, wie ihn „Mr. Bean“ in der gleichnamigen englischen Comedyserie lenkt – fährt sie gerne durch die Gladbacher Straßen. Generell liebt Höttges das Autofahren. So sehr, dass sie im letzten Jahr gleich noch ihren Motorradführerschein gemacht hat. Und nicht nur das: Nachdem die Firma sich neue Transportwagen zum Abschleppen gekauft hatte, wollte Lina Höttges nicht nur abschleppen lassen, sondern selbst mit dem Transporter zum Einsatz fahren können: Führerschein Nummer drei folgte. Wenn Höttges jetzt mit den Fahrzeugen zu einem Kunden fährt, erntet sie regelmäßg irritierte Blicke. Eine junge zierliche Frau am Steuer? Auch in der Werkstatt hat Lina Höttges hin und wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. „Wenn manche Menschen morgens mit ihrem Auto kommen, dann schauen sie mich erst einmal fragend an. Abends sind sie aber dann immer begeistert, wenn das Auto repariert ist“, sagt sie. Mittlerweile hat sich Lina Höttges aber durch ihre harte Arbeit Respekt erkämpft. „Ich bin stolz darauf, heute in der Firma so einen guten Stand zu haben. Es gibt kaum eine Herausforderung mehr, bei der ich gar nicht weiß, wie ich weiterkomme. Und wenn ich etwas tue, hinterfragt niemand mehr meine Leistung“, sagt sie.

In der Werkstatt kümmert die 22-Jährige sich nun auch um die anderen Auszubildenen. „Das ist aber schwierig momentan. Körperliche Arbeit scheint einfach nicht mehr das zu sein, was die Leute machen wollen“, sagt Höttges. Verstehen kann sie das nicht. Darum engagiert die junge Frau sich seit 2016 bei den Handwerksjunioren. Dort tauscht sie sich mit anderen Handwerkern aus, überlegt, wie man das Handwerk in Zukunft voranbringen kann und hilft bei der Entwicklung von Kampagnen mit. Lina Höttges wünscht sich, dass sich wieder mehr junge Menschen für ihren Beruf entscheiden – gerade auch Mädchen. Für die hat sie einen Rat: „Man muss einfach seinen Willen durchsetzen, über kritische Kommentare hinwegsehen und alles einfach mal ausprobieren. Man darf nur keine Angst  haben oder zu schnell aufgeben. Wenn man das nicht tut, dann ist alles möglich.“

Mehr von RP ONLINE