Mönchengladbach: "Wir helfen auch in Mönchengladbach den Ärmsten"

Redaktionsgespräch : „Wir wollten auch in Mönchengladbach den Ärmsten helfen“

Gabi Brülls, Mitgründerin der christlichen Gemeinschaft Sant’ Egidio in Mönchengladbach spricht über die Katastrophe in Mosambik, die Anfänge der Mönchengladbacher Regenbogenschule und warum ein Mittagstisch mehr als nur Nahrungsaufnahme ist.

In den Medien hört man nur hin und wieder von den Überschwemmungen und Zerstörungen, die der Zyklon in Mosambik und Malawi angerichtet hat. Frau Brülls, Sie rufen zur Hilfe für die betroffene Region auf, weil Sie Kontakte vor Ort haben und aus erster Hand von Opfern und Hilfsaktionen hören. Wie kommt es dazu?

Brülls Ich bin Mitglied der christlichen Gemeinschaft Sant’ Egidio, die sich ehrenamtlich dem Dienst an den Armen als gelebtes Evangelium verschrieben hat. Sant’ Egidio hat ein besonders enges Verhältnis zu Mosambik, weil die Gemeinschaft bei der Beendigung des Bürgerkriegs und den Verhandlungen zum Friedensvertrag 1992 auf Wunsch der Bürgerkriegsparteien vermittelt hat. Nach dem Friedensschluss hat Sant’ Egidio Gesundheits- und Ernährungszentren in Mosambik aufgebaut, die einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung leisten, insbesondere durch die Behandlung von Aids-Kranken. Ich selbst war 2013 vor Ort. Damals stand das Gesundheitszentrum von Beira kurz vor der Einweihung.

Die Stadt Beira liegt in der am stärksten betroffenen Region. Steht das Gesundheitszentrum noch?

Brülls Es ist stark beschädigt, das Dach wurde weggerissen, Wasser konnte eindringen. Vieles ist nicht mehr zu benutzen. Die vorhandenen Medikamente wurden direkt verteilt, damit sie nicht verderben. Trotz der Beschädigungen haben 450 Obdachlose dort Zuflucht gefunden. Das Zentrum liegt nicht weit von der Küste entfernt in der Nähe eines Armenviertels, das komplett weggespült wurde. Kinder und alte Menschen wurden mitgerissen. Es müssen schreckliche Szenen gewesen sein. Die Katastrophe macht uns sehr betroffen, weil wir die Gesichter hinter den Opferzahlen kennen.

Wie ist die gegenwärtige Lage in Mosambik? Was hören Sie von den Sant’ Egidio-Mitarbeitern?

Brülls Da jetzt das Wasser zurückgegangen ist, wird erst das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Die Infrastruktur ist weitgehend zerstört. Es gibt die ersten Cholera-Toten, weil es kein sauberes Trinkwasser gibt. Die Kinder trinken zum Teil aus Pfützen. Es fehlt an allem. Die Menschen hungern. Ich höre aber auch von meinen Freunden in Mosambik, die selber alles verloren haben und rund um die Uhr im Einsatz sind, um mit den ersten Spenden die Menschen, vor allem die Kinder, mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen und in die entlegenen Dörfer Grundnahrungsmittel zu verteilen.

Mosambik verschwindet immer wieder schnell aus den Schlagzeilen. Ärgert Sie das?

Brülls Es tut weh, denn es sind tapfere Menschen in Mosambik, die nie klagen. Sie brauchen jetzt Hilfe. Papst Franziskus hat einmal gesagt, dass die größte Tragödie die Gleichgültigkeit sei.

Wie kann man helfen? Geld? Sachspenden? Patenschaften?

Brülls Am ehesten durch Geldspenden. Mit dem Geld können Hilfsgüter vor Ort gekauft und verteilt werden. Der Transport von Sachspenden ist teuer und aufwendig. Von Patenschaften sind wir auch ein wenig abgerückt, weil es sinnvoller ist, durch ein Gesundheits- oder Ernährungszentrum eine größere Zahl an Kindern zu unterstützen, als einzelne Personen. Täglich kommen bis zu 1000 Kinder ins Ernährungszentrum.

Wie sind Sie überhaupt zu Sant’ Egidio gekommen? Sie haben 1985 mit Ihrer Schwester und einigen Mitstreitern den Mönchengladbacher Ableger der Gemeinschaft gegründet.

Brülls Es war eigentlich ein Zufall. Ich hatte von einer Reise gehört, die Pfarrer Edmund Erlemann organisierte und die zu jungen Christen nach Rom führte, die in den Elendsvierteln arbeiteten. Meine Schwester und ich haben einige Zeit in Italien gelebt, als mein Vater dort als Fußball-Profi war, hatten aber Rom nicht gesehen. Deshalb sind wir mitgefahren. Wir waren nicht christlicher als andere. Aber die Arbeit, die die jungen Leute in den Elendsvierteln leisteten, wo vor allem Menschen aus Süditalien lebten, die weder lesen noch schreiben konnte, hat uns tief beeindruckt. Sie haben das Evangelium gelebt. Und sie haben etwas bewirkt. Das wollten wir in Mönchengladbach auch machen. Not gibt es schließlich überall.

Wie haben Sie begonnen?

Brülls Wir waren eine kleine Gruppe von Freunden. Angefangen haben wir in Rönneter. Die Bauten sind inzwischen abgerissen, aber damals lebten dort wirklich die Ärmsten. Man hat uns gewarnt, dort bloß nicht hinzugehen. Aber genau da wollten wir hin. Wir sind von Tür zu Tür gegangen und haben Hausaufgabenhilfe für die Kinder angeboten. Jede Tür hat sich uns geöffnet. Die Menschen waren sehr bewegt, dass sich jemand für sie interessierte. Wir haben dann einen Raum in einem Jugendheim bekommen und angefangen, die Regenbogenschule aufzubauen. Erst in Venn, jetzt im Franziskanerkloster an der Franziskanerstraße. Jeden Samstag kommen die Kinder zur Hausaufgabenhilfe, anschließend werden Spiele gespielt, es wird gemeinsam erzählt und gegessen. Wir haben viele jugendliche Helfer, das ist für die Kinder besonders schön. Jetzt kommen auch viele geflüchtete Kinder zu uns.

Sie bringen auch Kinder und alte Menschen zusammen.

Brülls Ja, wir besuchen Menschen im Altenheim. Das ist total schön. Gerade die Kinder, die selbst Probleme haben, sind besonders herzlich und offen den alten Menschen gegenüber. Und die geflüchteten Kinder haben oft keine Großeltern mehr, jedenfalls nicht in Deutschland. Es ist schön zu sehen, wie sich alle als neue Familie finden.

Sie sind vor einiger Zeit aus Räumen in Venn in das Franziskanerkloster am Bunten Garten gezogen und haben nun mehr Platz. Können Sie den Bedarf decken?

Brülls Nein, der Bedarf ist groß, in Mönchengladbach ist jedes dritte Kind arm. Wir würden gern noch eine Regenbogenschule an der Burgmühle in Odenkirchen aufmachen, wo wir viele Familien kennen. Das wäre ein Traum. Aber die Räumlichkeiten im Franziskanerkloster sind wunderbar. Wir fühlen uns dort sehr zu Hause. Die Mütter, die ihre Kinder in die Regenbogenschule bringen, können dort in einem eigenen Raum die Zeit verbringen. Dabei können sie auch Kontakte aufbauen. Gerade die geflüchteten Frauen sind begeistert, wenn sie mit Deutschen Deutsch reden können.

Wenn man die Kinder in der Regenbogenschule erlebt, merkt man, wie gern sie kommen. Wie schaffen Sie das?

Brülls Der Schlüssel ist die Freundschaft, die sich zwischen den Kindern und den jugendlichen Helfern entwickelt. Die Kinder sind stolz darauf, einen großen Freund zu haben.

Haben Sie genug jugendliche Helfer?

Brülls Es sind 15 bis 20 Jugendliche dabei, das ist eine schöne Gruppe. Aber es gehen natürlich auch immer wieder junge Leute aus Gladbach weg. Zum Beispiel, wenn sie mit dem Studium anfangen. Deswegen freuen wir uns immer über neue Helfer.

Sant’ Egidio besteht aber nicht nur aus der Regenbogenschule. Was machen Sie noch?

Brülls Wir bieten noch einen Mittagstisch an, zu dem bis zu 60 Menschen kommen. Meist sind es ältere Leute, die nicht mehr regelmäßig kochen und allein sind. Unsere Helfer, zu denen auch viele Geflüchtete gehören, setzen sich nach der Essensausgabe mit an den Tisch. Das ist für die meisten das Wichtigste: die Gespräche und die Zuwendung. Zu all diesen Aktivitäten gehört aber bei Sant’ Egidio immer auch das Abendgebet. Es ist die Quelle, aus der wir Kraft schöpfen und die uns zu den Menschen hinausführt. Das gehört zusammen: Arbeit und Gebet.

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