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Mönchengladbach: Wie Omas und Opas die Rolle des Beobachters genießen können

Opa-Kolumne aus Mönchengladbach : Wie Omas und Opas die Rolle des Beobachters genießen

Wie unterschiedlich Kinder lernen, erlebt unser Kolumnist beinahe täglich. Und er hat auch erkannt, auf welch zum Teil recht eigenwillige Art sich seine Enkelinnen die Welt der Zahlen und Buchstaben erschließen.

Vielleicht lag es an meinem zeitintensiven Beruf als Journalist, dass ich bei der Schullaufbahn meiner Kinder oft am Rande gestanden habe. Wenn es um Hausaufgaben und Vorbereitungen für Klassenarbeiten ging, war ich meist nicht da. Das ist bei meinen Enkelinnen nicht viel anders. Aber die Situation ist dennoch grundlegend anders: Ich genieße heute die Rolle als Beobachter, der gelassen und abgeklärt auf das schulische Lernen blickt.

Meine Enkelinnen haben sich Buchstaben, die ersten geschriebenen Worte und Sätze unterschiedlich erschlossen. Hannah (12) war immer kritisch, reflektierte viel, wollte wenig Fehler machen und fragte lieber zweimal nach, wenn sie unsicher war. Sie, die Gewissenhafte, speichert wie ein Computer ab, was sie lernt und gelernt hat. Elisa (5) hat zwar noch ein gutes Jahr, bis sie in der Schule die ersten Buchstaben üben wird. Sie freut sich aber schon wie Bolle, dass sie die ersten Worte in großen Lettern schreiben kann. Wobei sie beim Schreiben ihres Namens darauf beharrt, dass das „I“ immer einen Punkt haben muss – sie beschriftet alles mit „ELiSA“.

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Matilda (8) ist mit großer Zuversicht in den Schul-Alltag eingestiegen und hakt Lernfortschritte mit einem bemerkenswerten Selbstvertrauen ab. Als Zweitklässlerin kennt sie alle Buchstaben und die vier Grundrechenarten. Und sie macht sich keinen Kopf darum, ob ein Wort auf Anhieb richtig geschrieben ist. Meine jüngst verstorbene Mutter wird im Himmel vermutlich über ein von Matilda gemaltes Bild herzlich lachen, das die Achtjährige ins Grab gelegt hat und das mit „Liebe Uhr Oma Elisa Bett“ überschrieben ist.

Die Welt der Zahlen hat sie sich auf eigenwillige Art und Weise erschlossen. Ausgerechnet sie, die Analytische, schien mit Rechenoperationen zu fremdeln. Doch plötzlich machte es Klick bei ihr, und seitdem ist Mathe ihr Lieblingsfach. Zeitweise klebten im Wohnhaus viele Post-Its mit Rechenaufgaben. Kam ich an einem Haftzettel vorbei, musste ich die Aufgabe laut in den Raum rufen. „6 mal 4“ etwa, und irgendwo aus dem Off kam „24“ zurück. Ihr Vertrauen in das eigene mathematische Können war zeitweise grenzenlos. Das ging am Ende so weit, dass sie am Mittagstisch die Klage ihrer älteren Schwester über zu viel Mathe-Hausaufgaben im Gymnasium mit dem Angebot konterte: „Soll ich Mathe für dich machen? Ich bin gut in Mathe!“

 Ihr unerschütterliches Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit bekomme ich zu spüren. Matilda hasst es, Aufgaben zu machen, die sie als unter ihrem Niveau ansieht. Rechenkästchen korrekt auszumalen zum Beispiel. Oder Linien einzuhalten, wenn es vorrangig um das richtige Schreiben geht. „Ich habe eine 1 in Deutsch“, sagt sie, hält mir das Testblatt vor die Nase und deckt mit dem Daumen die letzte Zeile ab. Über dem Finger steht in grüner Lehrerinnenschrift „sehr gut“. Ich muss lachen, als ich den mühsam abgedeckten Text entziffere: „Halte bitte das nächste Mal die Schreiblinien ein!“

Stattdessen liebt Matilda Herausforderungen. Etwa kunstvoll gezeichnete und sich über mehrere Ebenen erstreckende symmetrische Gebilde, die sich spiegelverkehrt wiederholen. Als ich da irrtümlich auf einen vermeintlichen Fehler hinweise und nach der selbstkritischen Analyse „Was bin ich dumm!“ rufe, beruhigt sie mich: „Nee, Opi, dumm bist du nicht.“ Um dann hinzuzufügen: „Nur ein bisschen schusselig!“

 Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (12), Matilda (8) und Elisa (5). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig vom Opa-Leben.