Mönchengladbach: Wechselwirkungen von Medikamenten unterschätzt

Vollständige Liste mitführen : Arzneimittel-Nebenwirkungen führen oft in die Notaufnahme

Wer mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen muss, sollte eine vollständige Liste mit sich führen, raten Ärzte.

Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten seien ein riesengroßes Thema, sagt Tobias Strapatsas, Chef der Notaufnahme des Elisabeth-Krankenhauses in Rheydt. Zum einen, weil Nebenwirkungen in der Natur der Sache liegen. „Wer einen Blutverdünner nimmt, hat beispielsweise im Fall eines Darmtumors ein höheres Blutungsrisiko“, erklärt der Mediziner. Die Gerinnungshemmung ist ja gerade erwünscht, stellt aber eben auch ein Risiko dar. Der zweite Grund: Bei der Einnahme mehrerer Medikamente können Wechselwirkungen auftreten. Und dann kann es gefährlich werden.

Ein Beispiel: Eine Patientin wurde mit akutem Nierenversagen in die Notaufnahme gebracht. Der Grund für die Erkrankung war unklar, bis die Mediziner einen Blick auf die Medikamente und deren Zusammensetzung warfen. „Drei der Medikamente enthielten die gleiche Substanz“, erklärt Strapatsas. Die Wirkung verstärkte sich derartig, dass die Nieren ihre Arbeit einstellten. Der Mediziner rät daher Patienten, die verschiedene Arzneimittel einnehmen, eine vollständige Medikamentenliste bei sich zu führen und sie den behandelnden Ärzten vorzulegen. Nur mit diesem Wissen sei es Ärzten möglich, die richtigen Entscheidungen bezüglich der Medikamente zu treffen.

Auch Marc Deußen, Leitender Notarzt in Mönchengladbach, stößt auf solche Schwierigkeiten. „Patienten nehmen teilweise unglaublich viele Medikamente“, sagt er. „Weil jeder direkt zu einem Facharzt gehen kann, wissen die Kollegen oft nicht voneinander.“ Die Folge sind Medikamente, die nicht aufeinander abgestimmt sind, es nicht sein können. Auch die Überdosierung von Medikamenten ist ein Problem. „Schmerzpflaster sind sehr leicht zu verwenden“, stellt der Notarzt fest. „Die Patienten bedenken nicht, dass ein zweites Pflaster bereits zur Ateminsuffizienz führen kann, die lebensbedrohlich wird.“ Die Rettungsdienste entkleiden inzwischen regelmäßig entsprechende Patienten, um nach Schmerzpflastern zu suchen, die auf den Armen oder Beinen, auf dem Rücken oder am Po zu finden sein können.

Das Ganze ist kein Mönchengladbacher Phänomen. Die bundesweiten Zahlen sind erschreckend. Laut Untersuchungen landet jeder 15. Patient wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen in der Notaufnahme. Bei Patienten, die nicht nur eine Arznei, sondern mehrere Medikamente nehmen, kommen noch die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Mittel hinzu. Die Risiken sind vielen Patienten nicht bewusst. Nach Schätzungen sterben durch Arzneimittel-Nebenwirkungen pro Jahr etwa 30.000 Menschen in Deutschland, sagt die Kaufmännische Krankenkasse (KKH). „Ich kann verstehen, dass Patienten Beipackzettel nicht lesen, weil sie zu kleingedruckt sind oder weil sie das Wissen um Nebenwirkungen beunruhigt“, sagt Sven Seißelberg, Apotheker der KKH. Er rät jedoch unbedingt dazu, sich zu informieren, weil sich so mitunter unerklärliche Beschwerden erklären lassen. Zu den Nebenwirkungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sowie Antidepressiva gehören Schwindel, aber auch Aggressivität. Antiallergika können zu Kopf- und Bauchschmerzen oder Übelkeit führen. Antibiotika lösen unter Umständen Allergien, Pilzinfektionen sowie Leber- und Lungenkrankheiten aus.

Wenn Patienten unerwünschte Nebenwirkungen bei sich beobachten, sollten sie ihren Arzt oder Apotheker um Rat fragen. Informieren können sich zudem beim  Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (www.bfarm.de/uawmelden) oder beim Paul-Ehrlich-Institut (www.pei.de).

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