Mönchengladbach: "Viele glauben, die Arbeit im Handwerk sei dreckig"

Interview mit Kreishandwerkerschaft Mönchengladbach : „Viele glauben, Handwerk sei Arbeit mit Dreck“

Stefan Bresser, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Mönchengladbach, erklärt, warum man oft lange auf einen Installateur warten muss. Er spricht auch über Vorurteile, Preissteigerungen, Fachkräftemangel und die Chance der Selbstständigkeit.

Wann haben Sie zuletzt zu Hause einen Handwerker benötigt? Und weswegen?

Bresser Das war vor acht Jahren. Da habe ich die Wohnung renovieren lassen, in der ich jetzt lebe. Es waren Maler und Lackierer dabei beschäftigt, und es gab viele Tischlerarbeiten.

Und wie lange haben Sie gewartet?

Bresser Da ich die Gewerke gut kannte, ging es bei mir natürlich flott. Aber ich hatte auch einige Wochen Vorlauf eingeplant.

Sie ahnen, warum wir gefragt haben. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Handwerker beträgt laut Handwerkskammer im Bezirk 8,8 Wochen. Im Bau sind es sogar 14 Wochen. In welchen Gewerken ist es besonders schlimm?

Bresser Man muss tatsächlich nach Gewerken unterscheiden. Lange Wartezeiten gibt es im Baugewerbe und im Baunebengewerbe, vor allem bei Sanitär/Heizung/Klima und im Elektrogewerbe. Das liegt zum einen daran, dass aufgrund der immer noch niedrigen Zinsen das Geld in Immobilien investiert wird. Es gibt viele Aufträge, aber – und das ist der zweite Punkt – es gibt zu wenig Fachkräfte. Es fehlt schlicht und einfach an Manpower.

Der Fachkräftemangel wird seit Jahren beschworen. Was tun Sie dagegen?

Bresser Das Handwerk wirbt massiv für die duale Ausbildung. In Mönchengladbach kommen jedes Jahr 1000 Schüler ins Berufsbildungszentrum der Kreishandwerkerschaft, und wir versuchen, ihnen die duale Ausbildung näher zu bringen. Wir brauchen schließlich die Fachkräfte von morgen.

Gelingt das?

Bresser Mehr oder weniger gut. Die Zahl der Auszubildenden im Handwerk steigt in Mönchengladbach seit einigen Jahren an, jedes Jahr um ein bis zwei Prozent. Dieses Jahr gehe ich davon aus, dass mindestens 455 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen werden. Das ist gut so, aber das eigentliche Problem liegt in den zurückgehenden Bewerberzahlen. Ein Beispiel: Ein renommiertes mittelständisches Unternehmen in Mönchengladbach hat jedes Jahr sechs Ausbildungsplätze zum Elektroniker zu besetzen. Vor zehn Jahren bewarben sich zwischen 170 und 190 Jugendliche um diese Plätze. In diesem Jahr sind es genau sechs gewesen. Das passt rein rechnerisch, aber wir wissen alle, dass nicht jeder Bewerber in jeden Betrieb passt. In den letzten 15 Jahren gab es im Bereich Elektrotechnik einen Rückgang um 90 Prozent bei den Bewerberzahlen.

Die Nachfrage nach Handwerkern ist jedenfalls hoch. Steigen damit auch die Preise?

Bresser Klar bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Außerdem steigen auch die Löhne. Aber es gibt keinen Bereich, in dem die Preise so signifikant nach oben geschossen wären, dass es Beschwerden gegeben hätte.

Gerade bei öffentlichen Auftraggebern werden Preissteigerungen oft auf das Handwerk geschoben. Zu Recht?

Bresser Die öffentliche Hand muss sich nach dem Vergaberecht richten und das wirtschaftlichste – nicht das billigste – Angebot auswählen. Eigentlich gibt es in diesem Zusammenhang keine Probleme mit der Preisgestaltung. Die Stadt ist wegen zu hoher Preise jedenfalls noch nie auf uns zu gekommen. Umgekehrt gibt es aber Handwerksbetriebe, die sich nicht um Aufträge der Stadt bewerben, die freihändig vergeben werden. Die Preise, die die Stadt in diesen Fällen zahlt, sind für einige nicht auskömmlich, so höre ich. Das kommt vor allem im Bereich Sanitär/Heizung/Klima vor.

Wie ist die Zahlungsmoral bei Privatkunden und bei öffentlichen Auftraggebern?

Bresser Sie ist im allgemeinen gut. Die Stadt zahlt normalerweise der Höhe nach korrekt und rechtzeitig. Auch bei Unternehmen und Privatleuten gibt es keine großen Probleme mit der Zahlungsmoral. Bei uns als Inkassostelle laufen pro Jahr über alle Gewerke etwa 300 Fälle auf. Das ist wirklich nicht viel.

Eigentlich müssten doch die Handwerksbetriebe gerade so richtig zufrieden sein. Das legt jedenfalls Ihr Frühjahrsgutachten nahe.

Bresser Wenn wir auf das Bauhaupt- und -nebengewerbe schauen, stimmt das natürlich auch. Aber es ist nicht in allen Bereichen so positiv. Im Lebensmittelhandwerk beispielsweise läuft es nicht so toll. Es gibt immer weniger inhabergeführte Bäckereien und Konditoreien. Auch im Friseurbereich sehen wir Probleme.

Im Friseurbereich? Es machen doch überall Herrenfriseure und Barbershops auf.

Bresser Das liegt daran, dass sich jemand, der sich auf Herrenschnitte spezialisiert, auch ohne Meistertitel selbstständig machen kann. Das macht es einfacher, derjenige darf aber beispielsweise nicht färben.

In einigen Bereichen macht Schwarzarbeit dem Handwerk zu schaffen.

Bresser Ja, in erster Linie sind das Aufträge, die in den eigenen vier Wänden abgewickelt werden. Maler sind betroffen, aber auch Friseure. Aufträge gehen zurück, weil schwarz gearbeitet wird.

Kommen wir auf den Fachkräftemangel zurück. Gibt es Gewerke in Mönchengladbach, die besonders betroffen sind?

Bresser Sanitär/Heizung/Klima und Elektrotechnik haben die meisten Probleme, interessierten Nachwuchs zu finden. Da kommen noch größere Schwierigkeiten auf uns zu, weil in diesen Bereichen viele Fachkräfte über 50 Jahre sind und bald in den Ruhestand gehen werden.

Jeder zehnte neue Auszubildende stammte 2018 aus einem der acht Haupt-Asylherkunftsländer. Kann Zuwanderung den Fachkräftemangel lindern?

Bresser Das Handwerk ist jedenfalls ein Integrationsmotor. Jeder vierte Azubi im Handwerk hat einen Migrationshintergrund. Allerdings sind das Menschen, die schon lange in Deutschland sind. Bei den Flüchtlingen reichen die Deutschkenntnisse noch nicht aus. Da brauchen wir noch etwas Zeit, ehe sie sich in den Arbeitsmarkt integrieren lassen.

Warum wollen eigentlich so wenige junge Leute ins Handwerk?

Bresser Ich glaube, dass die Jugendlichen oft falsche Bilder im Kopf haben. Sie glauben immer noch, Arbeit im Handwerk sei dreckig und werde schlecht bezahlt. Gleichzeitig ist die Akademisierungswelle nicht aufzuhalten. Man kann auch von einem Akademisierungswahn sprechen. Dabei brechen 38 Prozent der Studierenden ihr Studium ab.

Sie haben einmal den Versuch gestartet, um die sogenannten Studienzweifler zu werben. Hat das funktioniert?

Bresser Es ist schwierig, an sie heran zu kommen, sie verschwinden einfach von den Unis. Aber ich kenne drei Fälle in Mönchengladbach, wo Studenten während eines Betriebspraktikums festgestellt haben, dass ihnen die praktische Arbeit viel mehr Spaß macht. Sie sind in den Betrieben geblieben.

Machen Sie doch mal Werbung. Warum sollten junge Leute ins Handwerk kommen?

Bresser Zum einen hat jeder, der eine Ausbildung abschließt, eine Arbeitsplatzgarantie. Zum anderen werden gute Löhne gezahlt. Ein Maurer-Azubi zum Beispiel bekommt fast 1000 Euro, Gesellen steigen mit 2500 bis 2700 Euro ein. Die Berufe sind sehr vielseitig. Sowohl Elektroniker als auch Sanitär/Heizung/Klima beschäftigen sich zum Beispiel auch mit erneuerbaren Energien. Es gibt Möglichkeiten der Weiterbildung zum Meister, Techniker oder Ingenieur. Und schließlich stehen viele Handwerksbetriebe zur Übergabe an. In den nächsten acht Jahren wird jeder achte Betrieb übergeben. Wer sich selbstständig machen und sein eigener Chef sein will, findet im Handwerk enormes Potenzial.

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