Mönchengladbach: Verzicht – das Schlüsselwort der Zukunft

Kolumne Denkanstoß: Verzicht – das Schlüsselwort der Zukunft

Unser Autor hat Verständnis für die Schüler, die sich bei „Fridays for Future“ um ihre Zukunft sorgen.

Selbst unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sie lobend erwähnt, die Schülerproteste für Klimaschutz (Rheinische Post vom 9. März 2019); denn es geht um viel mehr als um Schnee zu Weihnachten und um Narzissen zu Ostern. Will die Menschheit ein Morgen haben, dann braucht sie eine Landwirtschaft, die sie ernährt, und Städte, in denen es sich leben lässt. Dann braucht sie dieses wunderbare Zusammenspiel der Natur, wo alles und jedes seine Zeit und seinen Platz hat und zum Gesamtganzen beiträgt. Dann braucht sie diesen scheinbar so robusten Blauen Planeten, der doch in Wirklichkeit so verletzlich wie wir Menschen ist. Auf diesem Hintergrund versteht jeder die Not der Schülerinnen und Schüler, die um ihre Zukunft fürchten. Vielleicht wäre „Fridays for Future“ in schulfreien Zeiten noch gewichtiger, weil das Anliegen nicht durch die Verdächtigung des Schuleschwänzens überschattet werden kann.

Gleichwohl wissen wir alle, dass Demonstrationen zwar wichtige, doch immer nur erste Schritte sind. Soll sich die Welt verändern, müssen wir Menschen uns ändern. Bei der Komplexität und Kompliziertheit des Themas Klimaschutz mag man hier schon fast verzweifeln. Unsere Gesellschaft hat mit ihrer Produktivität und Mobilität, ihrer Wegwerfmentalität und ihrem Lebensstil einen Energiehunger entwickelt, den die Erde kaum mehr erfüllen kann. Wann, womit, wie beginnen? Denn wo immer Menschen leben, verbrauchen sie Ressourcen, selbst alltägliche Gewohnheiten wie die morgendliche Dusche haben ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Sicherlich konnten und können Technik und Wissenschaft helfen, doch wollen wir wirklich etwas gegen den ungeheuren Energieverschleiß unserer Zeit unternehmen, muss etwas anderes wieder stärker in den Fokus kommen, vielleicht ist es das Schlüsselwort, das Zukunft aufschließt: Verzicht. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, aber müssen wir wirklich alles haben und machen, was uns möglich ist? Muss jeder Zeit an jedem Ort uns alles zur Verfügung stehen? Erdbeeren im tiefen Winter und Ski laufen im Hochsommer?

Verzicht markiert den Unterschied zwischen dem vielfältigen Möglichen und dem wirklich Nötigen! Das bestätigt der Wortbefund, denn „verzichten“ kommt von „zeihen“, was ursprünglich „sagen“ bedeutete. Sich etwas versagen, Ansprüchen entsagen, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen, gelingt uns diese Haltung noch? Dass sie uns nicht durch Geburt mitgegeben ist, sondern immer wieder neu eingeübt werden muss, dies wussten bereits unsere Ahnen, und so kennen alle Religionen Fastenzeiten. Es sind die Trainingsräume, in denen wir lernen sollen, das Ich zurückzunehmen, damit die Verantwortung für die Anderen wachsen kann.

Seit Aschermittwoch stehen wir Christen in der Fastenzeit, sie ist gewiss kein alter Zopf, sondern scheint mir wichtiger und aktueller denn je. Denn es geht nicht um ein Bonbon, das man nicht nascht, sondern um unsere Zukunft. Werden wir fähig, immer mehr dem Egoismus zu entsagen und unsere Lust und Laune zu beherrschen oder werden wir von ihnen beherrscht? Der Egoismus der französischen Adligen kreierte den Slogan: „Nach uns die Sintflut!“ und führte dann direkt in den eigenen Untergang. Heute steht mehr auf dem Spiel, als das Verschwinden einer gesellschaftlichen Klasse; Klimawandel produziert Sintfluten! Nutzen wir also die vor uns liegenden Wochen, lernen wir verzichten, dann wird uns Gott das schenken, was wir alle nötig haben und was das Schwesterwort ausdrückt: verzeihen.

Der Autor ist Pfarrer von St. Marien und vom Trostraum St. Josef Grabeskirche.

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