Mönchengladbach: Vandalismus hat viele Gesichter

Denkanstoß: Der Tanz um das Goldene Ich

Letzte Woche erschrak ich über eine Meldung in der Rheinischen Post, in der über den Vandalismus in unserer Stadt berichtet wurde. Zwar weiß die neuere Forschung, dass man dem Volk der Vandalen grobes Unrecht angetan hat, ihren Namen mit blinder Zerstörungswut zu verknüpfen, denn auch sie waren auf ihren Kriegszügen nicht viel schlimmer als andere Völker.

Gleichwohl bleibt mit ihnen anscheinend auf immer dieses rätselhafte Phänomen verbunden, wenn ohne Sinn und Gewinn etwas zerstört wird.

Vandalismus ist gewiss keine neue Erscheinung, allerdings scheint er sich in unserer Gesellschaft zu häufen. Man sollte dies als Indiz nehmen, dass in unserer Zeit viele Werte ihre Kraft verloren haben. Früher war natürlich nicht alles besser, aber ich kann mich nicht erinnern, als Kind oder Jugendlicher mein Fahrrad je abgeschlossen zu haben. Nicht, weil das Fahrradschloss sowieso mit einem kräftigen Ruck zu öffnen war, sondern weil das Eigentum Anderer in der Regel geachtet wurde. Das galt auch für das Eigentum aller! An Blumen und Pflanzkübeln wurde sich erfreut, Abfallkörbe und Parkbänke wurden benutzt, mit Schildern den Weg gefunden, aber mutwillige Zerstörungen gab es kaum. Es brauchte schon die Verwegenheit der Liebenden, um ein kleines Herz mit den Initialen in das Brett einer Bank zu schnitzen. Heute kann man an Brückenpfeilern und Wänden unübersehbar lesen, wer wen liebt; wobei man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass die Farbe bedeutend länger hält als die verkündete Liebe. Und Holz hat bei den meisten Sitzbänken ausgedient, weil es nicht robust genug ist, dem Demolieren zu entgehen.

Aber ist damit erklärt, warum oft mit einem großen Energieaufwand ohne jeden erkennbaren Nutzen Dinge kaputt gemacht werden? Warum in dunklen Ecken oder in öffentlichen Abfallkörben Hausmüll und mitunter Hausrat entsorgt wird? Warum Kinderspielplätze verunreinigt werden und Kirchenmauern sich in Bedürfnisanstalten verwandeln? Warum nachts mit laut aufgedrehter Musik durch die Stadt gefahren wird und Schilder beschmiert werden? Vandalismus besitzt unzählige Gesichter. Wo Werte schwinden, da wächst die Egomanie! Denn in den Köpfen mancher Zeitgenossen scheint sich ein desaströser Freiheitsbegriff etabliert zu haben. Freiheit wird verstanden, immer der eigenen Lust und Laune folgen zu dürfen; was einem gerade in den Sinn kommt, das wird gemacht. Wut darf fremdes Gut zerstören, Bedürfnisse grenzenlos befriedigt werden; damit beginnt „der Tanz um das Goldene Ich“! Dass damit die Freiheit des Anderen abhanden kommt, ist nicht von Belang, denn die ganze Welt hat sich um das eigene Ego zu drehen. Doch eine Gemeinschaft von Egomanen löst sich selber auf.

  • Gastbeitrag Hermann Strasser : Der Wert der Anwesenheit

So weit sind wir hoffentlich nicht, doch sollten wir die Warnzeichen ernst nehmen. Eine freiheitliche Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch in Freiheit seine Grundentscheide treffen kann. Aber es bleibt wahr, was wir in Goethes Faust lesen: „Das erste steht uns frei, im zweiten sind wir Knecht“. Denn jede Entscheidung hat Auswirkungen, jeder Wert Konsequenzen. Und wenn wir in Freiheit leben wollen, steht an erster Stelle, dass wir die Freiheit des Anderen achten. Damit an den Grenzen zwischen Du und Ich keine Reibungen entstehen, sind uns die Heilmittel Anstand und Höflichkeit geschenkt. Es ist ein bedenkliches Zeichen, dass beide Begriffe einen altmodischen Beiklang erhalten haben. Für mich steht fest, Gott will für uns die Freiheit, und er liebt auch weiterhin keinen Tanz um Goldene Götzen, welche Gestalt sie auch immer haben.

Klaus Hurtz ist Pfarrer von St. Marien und vom Trostraum St. Josef Grabeskirche

Mehr von RP ONLINE