Prozess in Mönchengladbach um verwahrloste Kinder Vor dem Urteil zitierte der Angeklagte aus der Bibel

Mönchengladbach · Knapp vier Monate lebte die Familie isoliert im Wald. Der Vater züchtigte die kleinen Kinder regelmäßig und ließ sie verwahrlosen. Deshalb wurde er angeklagt. Am letzten Prozesstag sagte der 50-Jährige, dass er sich über eine harte Strafe freue, „denn umso größer wird Gottes Belohnung ausfallen“.

Am letzten Verhandlungstag hielt der Angeklagte selbst den Schlussvortrag und beantragte für sich einen Freispruch.

Am letzten Verhandlungstag hielt der Angeklagte selbst den Schlussvortrag und beantragte für sich einen Freispruch.

Foto: Eva-Maria Geef

Ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Prozess ist am Mittwoch mit einer Verurteilung des 50-jährigen Angeklagten aus Mönchengladbach zu Ende gegangen. Nicht nur die Vorgeschichte, auch das Auftreten des Angeklagten während der insgesamt fünf Verhandlungstage selbst war nicht alltäglich. Am ersten wie auch am letzten Tag betrat der Familienvater, dem die Misshandlung seiner drei Kinder (geboren 2014, 2015 und 2017) sowie die Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht zu Last gelegt wurde, den Gerichtssaal mit einer Bibel in der Hand, bezog sich inhaltlich mehrfach auf die Heilige Schrift. Im Verlauf des Prozesses wollte er erst den Richter und später seinen Verteidiger austauschen lassen. Beides wurde ihm verwehrt.

Am letzten Verhandlungstag hielt der Angeklagte selbst den Schlussvortrag und beantragte für sich einen Freispruch. Dem folgte das Schöffengericht am Mittwoch nicht: Der Mann wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Abweichend zur Anklage nicht wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung zum Nachteil jedes der drei Kinder. Die Staatsanwältin hatte drei Jahre Haft für den Familienvater gefordert.

Laut Urteilsbegründung entspreche der für die Verurteilung angenommene Sachverhalt dem der Anklage. Demnach sei der Mann im Jahr 2020 mit seiner Familie aus der seiner Meinung nach mit Umweltgiften verseuchten Wohnung ausgezogen. Zunächst an eine nicht bekannte Stelle, schließlich in ein Waldstück um die ehemalige Niederrheinkaserne in Mönchengladbach. Dort soll die Familie knapp vier Monate in einem Zelt gewohnt haben, bis sie im Oktober 2020 von der Polizei entdeckt wurde. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Kinder nicht temperaturgerecht gekleidet gewesen sein und einen verwahrlosten und verängstigten Eindruck gemacht haben. Bereits zuvor seien die Kinder isoliert gehalten, nicht regelmäßig einem Kinderarzt vorgestellt und der älteste Sohn nicht eingeschult worden. „Sie lebten nach Ihren biblischen und christlichen Maßstäben“, so der Richter in der Urteilsbegründung, wozu auch das Schlagen der Kinder mit dem Gürtel gehört habe.

Vor Gericht hatte der Mann eingeräumt, seine Tochter und die beiden Söhne teilweise wöchentlich bei vermeintlichem Ungehorsam gezüchtigt zu haben. Als Begründung hatte er angeführt, dass dies so in der Bibel stehe. Laut Richter sei das „mehrfache Schlagen mit einem Gürtel geeignet, eine erhebliche Körperverletzung hervorzurufen“, zudem bestehe die Gefahr einer psychischen Schädigung. Dass die Kinder die Vorgänge laut einem psychiatrischen Gutachten bis auf den zweitgeborenen Sohn, der eventuell weitere psychische Behandlung benötige, relativ gut verarbeitet hätten, sei nicht der Verdienst des Angeklagten.

Für den Mann spreche sein Geständnis, auch wenn dieses weder von Reue noch Einsicht getragen gewesen sei. Gegen ihn seine Vorstrafen, die ebenfalls durch die fragwürdigen Erziehungsmethoden entstanden und somit einschlägig seien. Eine erste Verurteilung habe keine Wirkung gezeigt, bereits einen Monat danach habe er genauso weitergemacht wie zuvor. Die Kammer sehe eine Gefahr zukünftiger Rechtsbrüche.

In seinem Plädoyer hatte der Angeklagte die Gefährlichkeit der Schläge zurückgewiesen. Sie seien „besser als eine Psychostrafe, bei der Kinder stundenlang alleine in einem Zimmer sitzen müssen“, da sie „nur einen kurzen Schmerz, der vorbeigeht, hinterlassen“. Bereits mehrfach in diesem Verfahren hatte er darauf hingewiesen, dass er die Kinder gemäß der Bibel züchtige, um ihnen die richtige Orientierung zu geben. Anschließend zitierte der Angeklagte aus der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Daher befolge er erst Gottes Gesetze, dann weltliche. Abweichend von seiner Forderung, vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen zu werden, schloss er sein Plädoyer mit den Worten: „Ich erachte es als Ehre, wenn ich hier verurteilt werde. Ich freue mich, wenn ich hart bestraft werde, denn umso größer wird Gottes Belohnung ausfallen.“ Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte ihn im Verfahren als „an der Grenze zu einer wahnhaften Störung“ stehend bezeichnet und in seiner religiösen Überzeugung als „auffällig intensiv“. Eine Beeinträchtigung oder sogar Aufhebung seiner Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit sah der Gutachter aber nicht.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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