Mönchengladbach: Traumberuf Pfarrerin

Serie Junge Macher in MG: Ein ganzes Leben für den Glauben

Josy Wichards ist 20 Jahre alt, studiert evangelische Theologie und möchte als Pfarrerin später einmal eine Gemeinde leiten. Der Zukunft der Kirche sieht sie optimistisch entgegen. Was treibt sie an?

Es ist 10 Uhr morgens an einem Frühlingssonntag, als im Karl-Immer-Haus in Bettrath der Gottesdienst beginnt. Etwa 30 Leute sitzen – vereinzelt oder in kleien Gruppen verteilt – auf den Stühlen vor dem Altar. Viele Plätze sind unbesetzt, anders als bei großen Festen wie zu Ostern oder Weihnachten, bleibt ihr roter Stoffbezug an diesem Tag frei. Typisch für unsere Zeit – wer geht denn heute noch an einem normalen Sonntag in die Kirche, könnte man bei diesem Anblick zunächst denken. Doch sieht man genauer hin und betrachtet die Menschen, die sich hier zusammengefunden haben, dann sieht man auf einmal Familien, Rentner und Jugendliche, denen es eben doch wichtig ist, genau in diesem Moment zusammen zu sein. Gemeinsam singen sie Lieder, lauschen in Gedanken versunken den Worten des Pfarrers und finden Ruhe im Gebet.

Unter den Menschen in der Kirche ist auch Josy Wichards. Die 20-Jährige ist im Karl-Immer-Haus keine Unbekannte. Hier in der Gemeinde wurde sie getauft, hat seit ihrem dritten Lebensjahr im Kinderchor gesungen, ist zur Konfirmation gegangen, war bei Segelfahrten und Sommerlagern dabei, hat im Gottesdienst Klavier gespielt und singt heute noch mit Freundinnen im Jugendchor. Kirche – das ist für sie ein Zufluchtsort, ein Ort der Gemeinschaft und vor allem eines: Alltag. Hier in der Kirche ist sie aufgewachsen, hier möchte sie ihr Leben verbringen. Denn Josy Wichards hat ein für junge Frauen in ihrem Alter ungewöhnliches Ziel: Sie möchte Pfarrerin werden, eine Gemeinde leiten, Predigten vortragen, Beerdigungen und Hochzeiten begleiten.

Auf dem Weg dahin befindet sich Wichards bereits. Seit Oktober studiert sie evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. 25 weitere junge Menschen sind mit ihr in das Studium gestartet, darunter mehr Frauen als Männer. Mit einigen von ihnen wohnt sie im theologischen Zentrum. Das Studium dauert zwölf Semester. Nach dem ersten Examen bei der Landeskirche folgt das zweieinhalb Jahre lange Vikariat, ein mit dem Referendariat bei Lehrern vergleichbarer Vorbereitungsdienst. Danach steht das zweite Examen mit anschließender Verbeamtung auf Probe an. Dann darf Wichards selbst auf dem freien Arbeitsmarkt entscheiden, welche Gemeinde gut zu ihr passen könnte.

Bis es soweit ist und Wichards als Pfarrerin arbeiten kann, liegt jedoch noch einiges an Lernstoff vor ihr. Das alte und das neue Testament sowie die Kirchengeschichte müssen studiert werden, ebenso wie Missions- und Religionswissenschaft und Ökumenik. Dazu kommen Kurse zum Umgang mit Konflikten und moralischen Dilemmata, praktische Übungen oder auch das Planen von feministischen Veranstaltungen. Und natürlich Latein, Altgriechisch und Althebräisch – drei Sprachen, ganz neu gelernt. Übersetzt heißt das momentan jeden Tag Latein-Unterricht: Denn das Latinum muss innerhalb der ersten beiden Semester nachgeholt werden. Am Wochenende fährt Wichards dann oft nach Hause. Die Heimat ist ihr wichtig: Seit kurzem tanzt sie in der Karnevalsgesellschaft Schwarz-Gold-Rheydt mit, samstags hilft sie so oft wie es geht beim Konfirmandenunterricht. Da man sein Vikariat nicht in der Heimatgemeinde machen darf, wird Wichards zwar nicht als auszubildende Pfarrerin in das Karl-Immer-Haus zurückkehren können. In einer Stadt im Rheinland möchte sie aber auf jeden Fall ihr neues Zuhause finden. Warum aber als Pfarrerin in einem Pfarrhaus?

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Der Entschluss stand nicht von Beginn an fest. Eine ganze Zeit lang wollte Josy Wichards zur Kriminalpolizei. „Das kann ich mir aber heute überhaupt nicht mehr vorstellen“, sagt sie. Stattdessen entschied sie sich 2015 dazu, ihr Praktikum bei Pfarrer Till Hüttenberg zu machen. „Er war überhaupt die Inspiration dazu, mir den Beruf einmal anzuschauen. Er schafft es, dass in der Kirche viele Jugendliche sind, sorgt aber gleichzeitig für einen guten Umgang mit den älteren Gemeindemitgliedern“, sagt sie. Also begleitete Wichards Pfarrer Hüttenberger zwei Wochen bei seiner Arbeit, lernte bei Taufgesprächen die Familie des Kindes und bei Trauergesprächen die Hinterbliebenen kennen, ging mit einem Seelsorger in das Krankenhaus und tauschte sich mit anderen Pfarrern aus dem Kirchenkreis aus. Sogar ihre erste Predigt zum Thema Gerechtigkeit hielt sie im Gottesdienst, angelehnt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Nach ihrem Praktikum war Josy Wichards sicher: Sie will Mehrgenerationenarbeit leisten, eigene Ideen vorstellen und bei all dem ihren Glauben weitergeben können. Viele ihrer Freunde waren erst einmal überrascht. „Die meisten können sich den Beruf einfach nicht vorstellen“, sagt Wichards. Und auch mit Vorurteilen hat die 20-Jährige hin und wieder zu kämpfen. „Viele differenzieren nicht zwischen der Kirche und dem Glauben, sagen, dass der Glaube Schwachsinn sei und die Kirche allen etwas vorschreiben möchte. Dabei ist der Glaube für mich etwas sehr Persönliches und Freies. Die Kirche sollte lediglich ein Ort sein, an dem Gläubige zusammenfinden und ein Lehrer, der Anstöße geben kann“, sagt sie. Dazu kommen Fragen, die vor allem jüngere Menschen oft stellen: Darf sie als Pfarrerin überhaupt Alkohol trinken? Oder feiern gehen?

Eines aber stimmt: Der Beruf der Pfarrerin ist kein Job wie jeder andere. Seine Stellung in der Gemeinde legt man nach dem Gottesdienst nicht einfach mit dem Talar (schwarzes Gewand) und dem Beffchen (weiße Halsbinde) ab. Als Pfarrer muss man ständig ansprechbar sein: Wenn jemand sich in einer Notlage an die Kirche wendet, soll er nicht vor geschlossenen Türen stehen. „Die Herausforderung ist es, den Draht zu den Menschen nicht zu verlieren, immer ein offenes Ohr für die Gemeindemitglieder zu haben und ihnen niemals das Gefühl zu geben, dass man gerade etwas Wichtigeres zu tun hat“, sagt Wichards. „Trotzdem wünsche ich mir, immer die nötige Privatsphäre für meine Familie bewahren zu können“, sagt sie. Ändern würde sie an der Evangelischen Kirche im Rheinland, die durch ihre Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zu anderen Religionen als besonders liberal gilt – nicht viel. „Mir wäre es nur wichtig, dass sich mehr Jugendliche vom Gottesdienst angesprochen fühlen. Ich möchte vermitteln, dass die Kirche nicht veraltet sein muss, sondern lebendig sein kann und den Fokus auf die Nächstenliebe statt auf die Gottpreisung legen.“

Bereitet ihr der Blick auf leere Stühle in der Kirche Sorgen? „Es wird immer Christen geben, und die Kirche kann für diese ein Ort der Gemeinschaft sein. Solange es noch das Ehrenamt gibt und Menschen, die diese Arbeit schätzen, wird auch die Kirche bestehen. Die Kirche ist schließlich mehr als Gottesdienst und Pfarrer. Und wenn man mit den Kindern arbeitet und ihnen zeigt, was Kirche sein kann, dann sehe ich optimistisch in die Zukunft.“

(mcv)