Mönchengladbach: Tony Cragg erzählt im Kunstwerk Wickrath von seiner Arbeit

Pionier zu Gast in Mönchengladbach : Ein Bildhauer als Philosoph

Der Künstler Tony Cragg erzählte im Kunstwerk Wickrath von seiner Arbeit. Eingeladen hatte der Initiativkreis Mönchengladbach.

Bevor er sich künstlerisch zu betätigen anfing, hat der Mann in einem biochemischen Labor gearbeitet. „Das war langweilig“, befindet Tony Cragg lakonisch. Doch die kurze Etappe des gebürtigen Liverpoolers auf seinem beruflichen Werdegang lässt ihn auch mit 70 nicht los. So schwärmt Sir Anthony von der „unfassbaren Vielfalt molekularer Prozesse“, die sich in „totem, lebendem oder denkendem Material“ ausdrücken. Wobei für ihn das Gehirn der Ort atemberaubendster Molekularverbindungen ist.

In seiner Vortragsreihe „Pioniere der Welt“ hatte der Initiativkreis Mönchengladbach den international gefeierten Bildhauer zu Gast. Ausnahmsweise trafen sich Mitglieder und Besucher im Wickrather „Kunstwerk“, denn die Kaiser-Friedrich-Halle befindet sich noch immer im Umbau. Cragg, der sich ungern als „Künstler“ definieren lässt, begeistert sich für  Materialien, physikalische Räume und die Geometrie, er sieht die Gattung Skulptur im Kern seines Interesses. Sein anspruchsvoller Exkurs entlang dem Entwicklungsweg der skulpturalen Kunst seit dem 19. Jahrhundert war durch eingebaute Pointen aufgelockert, die trockenen britischen Humor verrieten. Das ermutigte den Schirmherrn des Abends, den Kunstsammler Eugen Viehof, dem berühmten Kunstphilosophen unter tosendem Applaus „ein molekulares Hemd“ (von der Gladbacher Firma van Laack) als Geschenk zu überreichen.

Tony Cragg, der seit 2009 bis zur Pensionierung 2013 als Nachfolger des Rheydter Malers Markus Lüpertz die Kunstakademie in Düsseldorf geleitet hat, fühlt sich als britischer Bildhauer, der Ehrenbürger der Stadt Wuppertal ist, in guter Nachbarschaft mit Koryphäen wie Henry Moore oder Kenneth Armitage. Stärker geprägt in seinem Schaffenskonzept haben ihn jedoch Marcel Duchamp mit seinen Readymade-Objekten und  Constantin Brancusi. „Duchamp hat gezeigt, dass alles, was um uns ist, Wirkung auf uns hat“, erklärte Cragg. Daher rührt die Dynamik seiner in Wirbeln gleichsam rotierenden, tatsächlich jedoch starren Skulpturen aus Stein. Einem allein über die Sinne beglaubigten Realitätsbegriff verweigert sich der Bildhauer. „Die Oberfläche vermittelt nur Vorspiegelungen unseres Gehirns, die Realität heute ist unglaublich arm an Formen und langweilig“, befand er nach dem Vortrag im Gespräch mit dem TV-Moderator Max Moor („ttt“).

Der Bildhauer, der mit seiner Frau gern durch die Natur spaziert, sagte zum Abschluss seines einstündigen Vortrags „Warum Bildhauerei?“: „Ich würde gern Werke schaffen, die dieselbe intensive Energie ausstrahlen, die ich empfinde, wenn ich die Natur betrachte.“ Eine radikale Position. Seine Erfolge in der Kunstwelt bezeugen, dass Tony Craggs Arbeiten solche Energie tatsächlich freisetzen. Wer sich davon überzeugen möchte, kann sich eine Skulptur von Cragg im Garten der Villa Hecht anschauen – oder den öffentlichen Skulpturenpark am Viersener Kreishaus aufsuchen. Auch dort stehen Werke dieses Pioniers.

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