Mönchengladbach: Tobias Krack ist als Fechter erfolgreich

Junge Macher in MG : Schach mit kleinen blauen Flecken

Tobias Krack ist 17 Jahre alt und nimmt bereits an internationalen Fecht-Turnieren teil. Er wünscht sich für den Fechtsport vor allem zwei Dinge: mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit.

14 Meter Strecke. Ein klares Ziel. Und die Freiheit zu entscheiden, wie es erreicht werden soll. Das ist für Tobias Krack das Fechten. Ein Zweikampf in Weiß mit unzähligen Möglichkeiten. Bei dem nur Sieger sein kann, wer sich durch Individualität und reine Technik auszeichnet. Wer heraussticht, weil er nicht versucht, andere zu kopieren, sondern seine eigene Strategie wählt und diese dann mit hoher Genauigkeit ausführt. 

Die Strategie von Tobias Krack ist die Defensive. Immer mal wieder auf die Klinge des Degens schlagen, hin und her gehen, dem Gegner keine Zeit lassen, sich vorzubereiten. Nicht überlegen, was man macht, sondern was man auf keinen Fall macht. Den Gegner beobachten. Analysieren, was er besonders gut kann. Provozieren, bis der Konkurrent angreift. Und dann, wenn er am wenigsten damit rechnet, selbst den Angriff vorbereiten.

Tobias Krack  – geboren am 22. April 2002  – war acht Jahre alt, als er sich zur Turnierreifeprüfung für Anfänger anmeldete und damit seinen Fechtpass bekam: ein kleines blaues Heft, in dem alle Turniere eingetragen werden und das berechtigt, an einem Turnier teilnehmen zu dürfen. Seit diesem Tag füllt sich das Heft mit Unterschriften. Die Wochenenden füllen sich mit Reisen, und auf dem Körper sammeln sich kreisrunde Flecke an.

An den kleinen Abdrücken des gegnerischen Degens, sagt Krack, könne er ein bis zwei Tage nach einem Turnier die Treffer seines Konkurrenten nachzählen. Besonders wenn der Gegner kein Abstandsgefühl habe, seien blaue Flecke nach einem Turnier inklusive. Um Flecke zu verhindern, seien Konzentration und Taktik nötig. Fechten, das habe ein Trainer von Tobias Krack einmal gesagt, sei wie Schach – nur mit kleinen runden Wunden.

Wie Tobias Krack zum Fechten gekommen ist, weiß er nicht mehr so genau. „In der Grundschule haben alle immer nur Fußball gespielt. Meine Eltern haben mich aber glücklicherweise davon abgehalten“, sagt Krack. Stattdessen sei er mit seinen Eltern zum Probetraining nach Rheydt gefahren – und erst einmal geblieben. Warum? „Eigenlob stinkt. Aber im Endeffekt waren es die guten Ergebnisse“, sagt Krack. In seiner ersten Saison habe er jedes Mal auf dem Treppchen gestanden. Und bei seinem ersten Turnier sogar den ersten Platz belegt. Mit dem Fechten, sagt Krack, habe er eine Sportart gefunden, mit der er sich identifizieren konnte. So sehr, dass er mehr lernen wollte. Weil er langsam merkte, dass er in Rheydt nicht mehr weiterkam, wechselte er 2016 zum FC Krefeld.

Zwei bis dreimal die Woche trainiert Tobias Krack seitdem mit etwa neun weiteren leistungsorientierten Fechtern zusammen in Krefeld. Das Training dauert zwei Stunden. Etwa 20 Kilogramm wiegt die schwarze Tasche, die Krack bis Krefeld mitnehmen muss. Dahinein passen alle Waffen und weißen Textilien, die er braucht: ein Paar Fechtschuhe, eine Hose, eine Unterweste, ein Paar Socken, eine Jacke, zwei Kabel, zwei Degen und eine Maske mit einem Gittergeflecht aus Stahl. Die Kleidung ist schwer. Schließlich muss sie einer Kraft von 800 Newton pro Quadratzentimeter standhalten, wenn Krack kämpft. „Angezogen merkt man das Gewicht aber nicht mehr“, sagt er. Im Winter sei die dicke Kleidung super. Aber als es einmal während eines Turniers über 30 Grad Celsius in der Halle waren, weil es keine Klimaanlage gab, seien die Fechter wegen der Hitze der Reihe nach umgekippt.

Fechten ist in Deutschland ein Randsport. Um ihn leistungsmäßig auszuüben, muss man früh aufstehen und an den Wochenenden weit reisen können. Manchmal muss Tobias Krack für ein Turnier bis nach Itzehoe oder Friedrichshafen fahren. Dann geht es schon einen Tag vorher los, am Freitag nach der Schule – ab und zu muss auch der Schulsport ausfallen. Am Samstag muss Krack schließlich um 8 Uhr in der Halle stehen. Bis die Ergebnisse da sind, kann es manchmal bis 18 oder 19 Uhr dauern. Dann geht es erst am Sonntag wieder zurück.

Während der Saison, sagt Krack, sei er bestimmt an zwei von drei Wochenenden unterwegs. Dem Leben in Mönchengladbach und dem Fechten gleichermaßen gerecht zu werden, sei nicht immer leicht. Krack geht in die elfte Klasse der Marienschule. Seine Leistungskurse sind Mathe und Physik. Für die Klausuren musste er schon in den Pausen während der Turniere lernen.

Im November des vergangenen Jahres hat es Tobias Krack sogar bis zu einem Turnier in Budapest geschafft, im Januar konnte er am „Coupe du Danube“ in Bratislava teilnehmen. Krack mag die Atmosphäre auf den internationalen Turnieren. In Budapest konnte ihn sogar sein ungarischer Trainer nach dem Wettkampf in der Stadt herumführen. Aber Krack bekommt bei den Turnieren im Ausland nicht nur die unterschiedlichen Stile der Fechter aus den verschiedenen Nationen zu spüren. Er merkt auch, wie unterschiedlich der Stellenwert des Fechtsports in den einzelnen Ländern ist. Wenn etwa andere Mannschaften gemeinsam zu den Wettbewerben anreisen und die deutschen Fechter Hotel, Flug und Vereinskleidung selbst übernehmen müssen und ein Amerikaner in Bratislava erzählt, er bekomme pro Monat mehrere Hundert Dollar und seine gesamte Ausrüstung für das Fechten bezahlt.

„Deutschland ist für das Fechten einfach nicht so bekannt“, sagt Krack. Die richtig großen Vereine könne man an einer Hand aufzählen. Vorbilder wie im Fußball gebe es nicht. Und in den Medien sei die Sportart sowieso viel zu wenig vertreten. Mit zwölf Jahren habe Tobias Krack darum schon einmal an den Westdeutschen Rundfunk geschrieben und nachgefragt, warum die Turniere denn nicht im Fernsehen übertragen werden. Geändert hat sich seitdem nicht viel. Nur dass Krack sich die Gefechte heute einfach im Livestream auf YouTube anschauen kann. Leben könne man vom Fechten nicht. Tobias Krack plant darum Ingenieur zu werden. Seine Eltern unterstützen ihn und kaufen ihm regelmäßig neue Schuhe, Jacken oder Socken, die als einziger Teil der Ausrüstung nicht stoßfest sind und oft kaputt gehen.

Trotzdem hat Krack vor allem eine Forderung: „Gebt den Fechtern einfach mehr Geld“, sagt er. Für die Ausbildung von Trainern, für den Nachwuchs und für die Ausrüstung der Vereine. Als er noch in Rheydt trainiert habe, sei jedes Mal eine halbe Stunde der Trainingszeit dafür draufgegangen, die Meldegräte für die Treffer und die Kabelrollen für den Strom richtig aufzubauen. In Krefeld sei dagegen schon alles fertig in den Wänden installiert. Doch nicht jeder könne sich die Fecht-Ausrüstung leisten. „Im Moment wird man nur gefördert, wenn man extrem gut ist“, sagt Krack. „Aber man kann ja auch extrem gut werden, wenn man gefördert wird.“

Bei Tobias Krack scheint es mit dem Erfolg auch ohne Förderung geklappt zu haben. Im März hat er mit einem Team aus drei Fechtern und einem Auswechsel-Fechter den ersten Platz bei den Rheinischen Mannschaftsmeisterschaften in Düsseldorf belegt. Auf der Deutschen Rangliste ist er in der Disziplin Degen aktuell auf dem neunten Platz in der Altersklasse U17. Jetzt wechselt er in die Altersklasse U20. Und strebt das nächste große Ziel an: die Europameisterschaft. Um es dahin zu schaffen, muss er in der nächsten Saison mindestens den vierten Platz auf der Rangliste erreichen. Und noch viele Male den Sieg nach Hause bringen. Im Team – und allein.

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