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Mönchengladbach: Tagung mit Autismus-Experte Peter Vermeulen in Rheydt

Tagung in Rheydt : Autisten die Welt in Untertiteln erklären

Menschen mit Autismus-Störung interpretieren die Welt auf andere Weise – das verdeutlichte der Experte Peter Vermeulen gut 250 Teilnehmern einer Tagung in Rheydt. Darunter waren auch Angehörige von Autisten.

Den 100. Teil einer Sekunde – nicht länger erscheint ein Foto auf der Leinwand in der Stadthalle. Wer konzentriert hingeschaut hat, erkennt einen Tennisspieler am Werk. Das gefragte Detail des interaktiven Tests, dem der Referent, Peter Vermeulen aus dem belgischen Gent, das Publikum bei seinem Vortrag über „Autismus als Kontextblindheit“ unterzieht, ist ein Tennisball, auf den ein roter Pfeil weist. Reihenweise gehen im Tagungssaal Hände hoch, wird die Lösung – Tennisball  – dem  grauhaarigen Mann auf der Bühne zugerufen.

„Richtig“, lobt der Autismus-Experte, den das Katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung und das Mönchengladbacher Autismus-Therapie-Zentrum (ATZ) eingeladen haben. Doch dann folgen aufblitzende Bilder mit kürzeren Verschlusszeiten. Zwar schnappen die meisten noch eine Art Monitor in einem Wohnzimmerregal auf, danach eine Flasche auf einem Küchenbord. Doch der vermeintliche TV-Bildschirm ist die Glastür eines Backofens, und die vermutete Orangensaft-Flasche in einer Reihe Getränkeflaschen entpuppt sich als Gefäß mit Spülmittel. Passt da ja gar nicht hin. Raffiniert getäuscht!

Wahrnehmung, so Vermeulens Botschaft, ist abhängig von Erwartungen, die aus dem Kontext erwachsen. Und kann so zur Quelle von Irrtum und Fehlinterpretation werden. Für „Normalos“ gilt das ebenso wie für Menschen, die von einer Form des Autismus-Spektrums betroffen sind. Dinge in ihren Gesamtzusammenhang einzuordnen fällt dem „neurotypischen“ Menschen jedoch relativ leicht. Er weiß sofort, welche Art von Komplimenten beim Smalltalk sozial angepasst sind und welche nicht. Doch bei Autisten ist dieses fürs Miteinander so wichtige Unterscheidungsvermögen nicht vorhanden. Und so „erkennt“ ein Autist beim Besuch eines Puppentheaters auf einem Bild in einem Puppenspieler Ex-Palästinenserführer Arafat. Weil der Abgebildete ein Tuch trägt, das dem Palästinensertuch ähnelt.

„Diesen Menschen kann geholfen werden, wenn wir es verstehen, für sie den Kontext-Knopf zu drücken“, sagt Vermeulen. „Wenn Sie Autisten helfen wollen, müssen Sie herausbekommen, wie diese die Welt sehen“, ergänzt der Experte, der in seinem Buch „Autismus als Kontextblindheit“ Erkenntnisse über das angeborene Störungsbild bei Autismus oder Aspergersyndrom zusammengetragen hat. Mit „social stories“, die direkten Bezug auf die Situation der Klienten nehmen, lasse sich in vielen Fällen eine Entspannung im sozialen Verhalten angstgesteuerter Menschen erreichen.

Zwei Mütter, deren Söhne am Asperger-Syndrom bzw. einer anderen Variante von Autismus leiden, haben den Vortrag des Experten Vermeulen gebannt verfolgt. Sie möchten ihre Namen nicht veröffentlicht sehen, geben aber gern Auskunft. „Wenn ich mit meinem Sohn im Supermarkt einkaufe, kommt es manchmal zu Verhaltensauffälligkeiten“, sagt Tanja M. „Das kann sich zum Beispiel in einem Wutanfall äußern.“ Fremde würden dann schon mal Bemerkungen machen, neugierige Fragen stellen oder gar Vorwürfe erheben. „Das hilft uns überhaupt nicht“, sagt die Mutter, „es wäre besser, wenn Unbeteiligte sich aus solchen Situationen heraushalten und den Eltern nicht ins Handwerk pfuschen“, empfiehlt sie.

Eine ihrer Bekannten, die einen 23-jährigen autistischen Sohn hat, bestätigt: „Wir sind für unsere Kinder ein Stück weit die Kontext-Übersetzer. Ich kann meinem Sohn in schwierigen Situationen mit geeigneten Worten Zusammenhänge so erschließen, dass er sich beruhigt, das schaffen Fremde auf gar keinen Fall.“ Einmischung von außen sei kontraproduktiv.

Professionelle „Einmischung“ betreibt der Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Raéd-Peter Nasser. Der Sohn eines Neuwerker Kinderarztes sieht im situationsbezogenen Verhaltenstraining in Autismus-Therapie-Zentren eine „Chance auf Verbesserung der Lebensqualität“ für Betroffene. Wie hatte Peter Vermeulen es doch zuvor auf den Punkt gebracht? „Wir müssen Autisten Bedeutung anbieten, ihnen die Welt quasi in Untertiteln erklären.“