Mönchengladbach: Superintendent Denker beklagt "Trumpismus"

Interview mit Superintendent und Pfarrer Dietrich Denker: „Die Basis ist schneller als die Amtskirche“

Superintendent und Pfarrer Dietrich Denker über Widerstand und Vertrauen in den Rechtsstaat und eine sich aggressiver entwickelnde Streitkultur. Es gibt eine Polarisierung in vielen Bereichen, sagt Denker.

Die evangelischen Christen haben gerade den Reformationstag gefeiert. Was ist im Jahr 501 nach der Reformation übrig geblieben von den Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum?

Denker Die evangelischen Gemeinden haben im vergangenen Jahr das Fest und die damit verbundene Aufmerksamkeit sehr genossen. Die Feierlichkeiten haben auch neuen Schwung gegeben für Veränderungen, die schon im Gange waren. Umbrüche und Neuanfänge brauchen Zeit. Die Gemeinden haben verstärkt erfahren, dass sie die Menschen erreichen, wenn sie sich öffnen. Wir werden auf der kommenden Synode eine ganze Reihe von innovativen und nachhaltigen Projekten vorstellen, unter anderem, wie Kirche erfolgreich im Quartier arbeiten kann. Reformation muss man immer wieder neu wagen.

Können Sie ein Beispiel für ein innovatives Projekt nennen?

Denker In Neuss beispielsweise lesen Christen und Muslime gemeinsam Bibel und Koran. Auch die Pilgeraktionen des vergangenen Jahres werden fortgesetzt. Städtepilgern zum Beispiel. Dabei geht es durch die Stadt, an bestimmten Orten wird innegehalten zum Gebet. Das hat eine lange Tradition aus der Allianzgebetswoche, hat nun aber neuen Schwung erhalten. Der Glaube muss auch im Alltag präsent sein.

Der Protestantismus ist durch einen Akt des Widerstands entstanden – Martin Luther ist nicht der gehorsame Mönch geblieben. Wie stehen Sie zu Widerstandsaktionen wie im Hambacher Forst oder auch beim Kirchenasyl? Ist das in einem Rechtsstaat legitim?

Denker Als Kirche sind wir dem christlichen Menschenbild verpflichtet. Wir sind aufgerufen, die Schöpfung zu bewahren und für die Menschenwürde einzutreten. Das ist unsere Aufgabe – auch in Kontexten, in denen es nicht allen gefällt. Wenn sich etwas gegen die christliche Grundüberzeugung richtet, sind wir also zum Widerstand aufgerufen – zum gewaltfreien Widerstand. Der Protest im Hambacher Forst hat mit teilweise grenzwertigen Methoden eine wichtige Problemlage ins Bewusstsein gehoben und war damit erfolgreich. Jetzt allerdings sollte man auf den Rechtsstaat vertrauen. Wofür ich kein Verständnis habe und niemals Unterstützung äußern werde, ist die Bedrohung von Menschen.

Bürger protestieren auch in Mönchengladbach gegen das Abholzen von Bäumen. Vergangenen Mittwoch war eine Demo auf dem Martin-Luther-Platz in Odenkirchen. Da hat die Kirche dem Gestaltungskonzept der Stadtplaner zugestimmt und wird nun dafür kritisiert. Wie stehen Sie dazu?

Denker Das Presbyterium hat im vergangenen Jahr den Beschluss gefasst und dem Gestaltungskonzept zugestimmt. Anfang dieses Jahres wurde noch einmal darüber diskutiert und dann am Beschluss festgehalten. Das Presbyterium ist ein demokratisches Gremium, und der Superintendent hat eine Entscheidung nur zu monieren, wenn sie gegen Kirchenrecht verstößt, was hier nicht der Fall sein kann. Es gibt in der Gemeinde natürlich auch unterschiedliche Meinungen. Es gab auch einen Workshop der Stadt, an dem ich als Odenkirchener Bürger teilgenommen habe. Da ging es darum, den Platz heller und sicherer zu machen. Von den Bäumen war allerdings zumindest an meinen Gesprächstischen nicht die Rede.

Vor kurzem war Pfarrer Klaus Hurtz bei uns und hat sich kritisch und auch sorgenvoll zur Entwicklung der Gesellschaft geäußert: zunehmende Radikalisierung, mehr Brutalität, Ausgrenzung von Menschen. Sehen Sie die Entwicklung ähnlich problematisch?

Denker Gesamtgesellschaftlich gesehen nimmt der „Trumpismus“ sicherlich zu. Es gibt eine Polarisierung in allen Bereichen. Viele Menschen haben augenscheinlich das Gefühl, nur gehört zu werden, wenn sie sehr lautstark Position beziehen. Die Streitkultur wird immer aggressiver. Im historischen Kontext gesehen waren die Proteste gegen Gorleben oder den Nato-Doppelbeschluss aber auch polarisierend. Wir nehmen die Veränderung heute vielleicht noch stärker wahr, weil wir aus einer optimistischen Zeit kommen. Es gab nach 1989 das Gefühl, dass sich die Dinge zum Besseren wenden lassen können. Das scheint vorbei zu sein.

Was kann man tun? Muss die Gesellschaft zu einer neuen Achtsamkeitskultur finden?

Denker Es gibt immer noch das Bewusstsein, dass man aufpassen muss, wie man miteinander umgeht. Es ist unsere Aufgabe, die Menschen zu ermutigen, die achtsam miteinander umgehen. Wer auf Achtsamkeit setzt, aber nur auf Menschen trifft, die das nicht tun, wird irgendwann aufgeben. Achtsamkeit ist tatsächlich nicht sehr in Mode, eher das Gegenteil, die Selbstachtsamkeit. Menschen achten nur auf das, was für sie selbst wichtig ist. Auch das ist eine Variante von „America first“. Wir sehen gerade das Ergebnis einer Zeit, in der der Individualismus zur Maxime des Handelns erklärt wurde. Das wird auch auf politischer Ebene deutlich: Trump reißt alles ein, was Obama aufgebaut hat.

  • Serie Denkanstoss : Was vom Reformationsjubiläum bleibt

Die Rechtsprechung in Deutschland hat gerade ins kirchliche Arbeitsrecht eingegriffen. Nicht jeder Mitarbeiter muss Mitglied der Kirche sein. Ist das ein Problem für Sie?

Denker Wir sind in den meisten Bereichen längst konfessionsoffen unterwegs. In den Kitas können unter bestimmten Voraussetzungen auch Muslime arbeiten, zu den Honorarkräften bei der Kirchenmusik gehören selbstverständlich auch katholische Organisten. Das funktioniert längst gut. In dem konkreten Fall allerdings sollte die Mitarbeiterin bei der Diakonie eine Studie erstellen und dabei war die kirchliche Perspektive durchaus relevant. Ich finde es problematisch, dass die Entscheidung, wo ein christliches Profil verlangt wird, nicht mehr den Kirchen überlassen wird.

In der Öffentlichkeit wurde das Urteil als Beleg für die abnehmende Bedeutung der Kirchen gewertet. Ist das richtig?

Denker Das sehe ich ganz und gar nicht so. Die Bedeutung der Kirche lässt sich weder daran noch am Mitgliederverzeichnis festmachen. Man muss sehen, wo Kirche überall aktiv ist. Wir sind sehr breit aufgestellt: Telefon- und Notfallseelsorge, Krankenhaus- und Schulseelsorge. Und auch für viele Bildungs- und Kulturangebote sind wir verantwortlich.

Wie würde Mönchengladbach aussehen, wenn die Kirchen ihre Angebote einstellen würden?

Denker Für die Stadt wäre das der worst case. Es gäbe kein Café Pflaster für die Obdachlosen und keine Radstation für die Pendler, weniger Quartiersarbeit, viel weniger kulturelle Angebote, weniger Kitas, weniger Altenheime und Krankenhäuser. Viele der kirchlichen Angebote werden zwar refinanziert, aber wir haben doch überall einen Eigenanteil zu leisten. Die Stadt müsste massiv die Steuern erhöhen, und könnte trotzdem nicht auffangen, was wegbräche, wenn die Kirchen ihre diakonische Arbeit einstellen würden.

Wenn Leute aus der Kirche austreten, um Steuern zu sparen: Ärgern Sie sich dann?

Denker Die meisten stellen sich die Frage nicht, wie das Land aussähe, wenn es keine Angebote seitens der Kirche gäbe. Wir reden zu wenig von dem, was wir alles tun und sind eher wie eine graue Maus unterwegs. Wir haben es nicht mit einem Bedeutungsverlust, sondern mit einem Wahrnehmungsverlust zu tun. Ich ärgere mich nicht über den Austritt aus der Kirche, sondern über die Grundhaltung dahinter, die sehr kurzsichtig ist. Der Gedanke der Solidarität, bei dem der Starke für den Schwachen eintritt, gehört auch zum Prinzip der Kirchensteuer. Aber dieser Gedanke erreicht nicht alle.

Die evangelische Kirche hat eine Wiedereintrittsstelle in Rheydt. Ist sie erfolgreich?

Denker Durchaus. Die Leute treten nicht zu Hunderten wieder ein, aber allein im Presbyterium der Hauptkirche in Rheydt haben wir regelmäßig Meldungen über Wiedereintritte. Es wenden sich übrigens auch Flüchtlinge aus Syrien und dem Iran an uns. Sie wollen in die Kirche eintreten – nicht, weil das ihre Bleibeperspektive verbessert, sondern weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Christen ihnen geholfen haben. Auch die evangelische Kirche wird in Zukunft internationaler.

Die Ökumene hat in den letzten Jahren an Schwung verloren, die Vision der vollen Abendmahlsgemeinschaft scheint in weite Ferne gerückt zu sein. An der Basis gibt es wenig Verständnis für dieses Stocken. Ist die Ökumene bedroht?

Denker Die Frage des Abendmahls ist in der Tat kompliziert, die Probleme sind den Gemeinden nicht immer zu vermitteln. Es gibt Positionen, die auf mehr Orthodoxie, also mehr Rechtgläubigkeit setzen, um die eigene Kirche zu stärken. Ich finde das bedenklich, denn letztendlich vertreten Islamisten die gleiche Haltung. Ich glaube aber auch nicht, dass die Ökumene aufzuhalten ist. Sie funktioniert gerade in Mönchengladbach sehr gut, ist lokal verortet, eine unzerstörbare Gemeinschaft. Wir sind aber auch auf anderen Ebenen konkret im Gespräch. Wir haben uns mit Pfarrern und Pastoralreferenten zu einer ökumenischen Denkfabrik getroffen und uns zum Beispiel über das Ämterverständnis ausgetauscht. Außerdem hat der Bischof von Aachen die Superintendenten der Kirchenkreise zu einer ökumenischen Klausur eingeladen. Der Wunsch voranzukommen, ist auf allen Ebenen da. Aber die Basis ist schneller als die Amtskirche.

Mehr von RP ONLINE