Mönchengladbach: Student Marian Scheffner Dritter bei Shrimpzucht-WM

Marian Scheffner ist Shrimp-Züchter : Mönchengladbachs Mann bei der Garnelen-WM

Mit seiner Ghost-Fishbone-Garnele hat Marian Scheffner bei der Zucht-WM in Kalkar den dritten Platz erobert. Für einen solchen Erfolg braucht man Erfahrung, Geduld und gut geplanten Shrimp-Sex.

Die erste Frage beantwortet Marian Scheffner, bevor sie gestellt ist. „Nein, ich züchte Shrimps nicht, um sie zu essen. Das muss ich immer als erstes erklären.“ Beginnen wir also mit der zweiten Frage: Wie um Himmels Willen kommt ein Mensch mit Anfang 20 auf die Idee, sich der Shrimpzucht zu widmen? Und zwar so intensiv, dass er fünf Jahre später den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft der Shrimpszüchter belegt. Wie konnte es dazu kommen, dass Scheffner bei seinem anstehenden Umzug von der Marienkirchstraße in Eicken in eine Wohnung in Waldhausen den Transport von 17 Aquarien mit mehr als 1000 Garnelen bewältigen muss?

Nun, angefangen hat es auch bei Scheffner ganz normal. Schon als Knabe mochte der heute 26-Jährige Tiere – Hunde, Katzen, das übliche Programm. Aquarien fand er erstmal langweilig. Als der Berliner dann mit seiner Freundin zusammenzog, wurde alles anders. „Die Mutter meiner Freundin hat uns ein Aquarium mit Garnelen geschenkt“, berichtet Scheffner. Mütter denken halt praktisch: Garnelen – auch Shrimps genannt – sind genügsame Hausgenossen, die nicht ständig Aufmerksamkeit beanspruchen und nicht dreimal täglich gefüttert werden müssen. „Etwas Laub ins Aquarium, dann kommen die schon eine Weile über die Runden“, sagt Scheffner. Ideale Haustiere also, wenn man jung ist und in Berlin wohnt.

Eine Musterung wie Klavier-Tasten: eine rote Piano-Garnele. Foto: Marian Scheffner

Aber alsbald ging die Beziehung zu den Shrimps tiefer. Die geschenkten Tierchen waren zwar hübsch, aber den Besitzer verlangte nach Abwechslung. „Ich wollte neue Farben“, sagt Scheffner. „Anfangs hatte ich Orangefarbene, dann wollte ich Rote, dann Blaue...“ Wie das halt so ist mit der Leidenschaft. Und die ließ sich in der Hauptstadt auch leicht befriedigen, dank eines Fachgeschäftes für den ambitionierten Shrimpszucht-Freund. Als Scheffner im September vorigen Jahres aus Berlin nach Mönchengladbach zog, um an der Hochschule Niederrhein Soziale Arbeit zu studieren, war eine Fahrt von der Spree an die Niers allein für den Transport seines Aquarienparks reserviert.

Klingt imposant, ist aber überschaubarer als der Laie denkt. Denn die Shrimps, die Scheffner und andere Meister dieser Kunst züchten, sind Zwerggarnelen. Durchschnittsgröße: drei Zentimeter. „Manche werden vier Zentimeter lang, vielleicht auch 4,5 Zentimeter – aber das sind dann auch richtig große“, sagt Scheffner. Womit auch geklärt wäre, warum der Kenner von Garnelen in Knoblauchöl oder Curry-Sauce das vielbeinige Gewusel in Scheffners Aquarien zunächst für eine Unterwasser-Krabbelgruppe hält, deren erwachsene Betreuer sich gerade zum Mittagsschlaf unter einer der grünen Wasserpflanzen zurückgezogen haben. Appetit kommt da jedenfalls nicht auf.

Mit dieser Ghost-Fishbone-Garnele holte Scheffner den dritten Platz. Foto: Marian Scheffner

Allerdings ist die Neugier des Auges schnell geweckt. Fast durchsichtige Exemplare staken auf dünnen Beinchen über den Aquarienboden oder tummeln sich freischwebend im Wasser, blaue, blau-schwarz gemusterte, feuerrote, rot-weiß gestreifte – keine Frage: Garnele ist nicht gleich Garnele. Das beweist nicht nur ein Blick in Scheffners bunten Aquazoo. Wenige Mausklicks genügen, um sich im Internet auf fachkundigen Seiten schnell schwindlig zu lesen. „Wichtig zu wissen“, heißt es da beispielsweise: „Red Fire Garnelen, Sakura Garnelen, Bloody Mary Garnelen und Green Jade Garnelen gehen allesamt auf ein und dieselbe Garnelenart zurück – auf die Neocaridina davidi (zu deutsch auch Rückenstrichgarnele genannt).“ Ballaststoff fürs Hirn des Laien. Doch selbst Scheffner scheint es mitunter zu gelingen, all das auszublenden. „Manchmal sitze ich nur da, und gucke denen zu“, sagt er jedenfalls.

Ohne tief in die Kunst der Haltung und Zucht von Shrimps einzudringen, hätte es der 26-Jährige freilich nicht geschafft, im Mai bei der Züchter WM in Kalkar mit einer Garnelenart namens „Ghost Fishbone“ den dritten Platz zu belegen. Eine Garnele durch geschickte Kreuzung so designen, dass sie vor den Augen einer kritischen Fachjury besteht, dazu gehört neben Wissen auch Geduld. Denn manchmal braucht es mehrere Generationen und Paarungen, bis der richtige Farbton getroffen ist, bis ein Shrimp durchs Becken schwimmt, dessen Rückenmuster schön scharf gezeichnet ist oder eben herangezüchtet ist, was Juroren und vielleicht auch Shrimps sexy finden.

Rot wie ein Feuermelder: eine Red Nanashi Garnele. Foto: Marian Scheffner

Apropos Sex. Der ist für den Zuchterfolg nötig und findet bei Garnelen umständehalber unter Wasser statt. Bevor es zwischen Herr Shrimp und Frau Shrimp richtig zur Sache geht, setzt das Weibchen Duftstoffe ab, die Männchen anlocken sollen. Diese begeben sich nun „wild, aber kontrolliert“ auf die Suche nach Weibchen, klärt www.garnelenhaus.de auf. Klingt ziemlich vertraut, heißt bei Garnelen aber anders: Paarungsschwimmen. YouTube liefert dazu übrigens explizite Videos.

Ähem – zurück zu Züchter Scheffner. Der bewahrt zwar einen WM-Pokal neben seinen Aquarien auf. Aber fast noch stolzer als auf diesen dritten Platz ist der 26-Jährige auf den vierten Platz, den er bei dem Turnier in einer anderen Wertungsgruppe gemacht hat. „Da war ich der einzige Europäer unter den ersten vier“, sagt er. Die übrigen Kollegen auf den Spitzenplätzen waren allesamt Taiwanesen.

Blau steht ihr auch: eine Blue Bolt Garnele. Foto: Marian Scheffner

Dazu muss man wissen: Taiwan ist in Sachen Shrimpszucht so etwa das, was Brasilien im Fußball ist. Dort gibt es viele professionelle Züchter, werden Top-Garnelen zu Top-Preisen gehandelt. Das teuerste Exemplar, das Scheffner bislang gesehen hat, sollte über 6000 Euro kosten. Ein Preis, der jedoch meilenweit von der Durchschnittsgarnele entfernt ist, und allenfalls in kundigen Zirkeln gezahlt wird. Hinzu kommt: Auf nichts ist Verlass, Inflation ist auch unter Wasser möglich. Es gab schon Fälle, in dem ein Züchter für ein schickes Exemplar zunächst 550 Euro bekam. Da sich diese Schönlinge aber zügellos vermehrten, waren einzelne Exemplare bald nur noch fünf Euro wert. „Das ist wie an der Börse“, sagt Scheffner.

So weit, so interessant. Aber die Standardfrage lässt einen dann doch nicht los. Also doch mal nachgehakt: „Essen Sie denn überhaupt schon mal Garnelen oder sind auch die großen, für den Verzehr gedachten Exemplare grundsätzlich tabu?“ Scheffner hält einen Moment inne. „Grundsätzlich bin ich kein großer Freund von Meeresfrüchten. Ein Krabbenbrötchen essen, das geht gelegentlich mal“, sagt er, „aber Krabbenpulen find’ ich nicht schön.“

Mehr von RP ONLINE