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Mönchengladbach: Stolperschwelle erinnert an 107 ermordete jüdische Bürger

Gedenken in Mönchengladbach : „Stolperschwelle“ erinnert an 107 Ermordete

Nach mehr als 300 „Stolpersteinen“ hat die Stadt jetzt ihre erste „Stolperschwelle“ – die Gedenktafeln sind jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet.

Mit Berta Albersheim beginnt die Liste, mit Max Zorn endet sie – die Namen von 107 Menschen, die im jüdischen Altenheim an der Friedrich-Ebert-Straße 82-84 wohnten. Sie wurden, im Sommer 1941 beginnend, in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Der letzte Transport von Rheydt nach Theresienstadt, heute Tschechien, war am 24. Juli 1942 mit 62 Senioren zugleich der größte. Seit Montag erinnert die erste „Stolperschwelle“ in der Stadt an dieses Grauen. Der Künstler Gunter Demnig verlegte sie am frühen Morgen vor der ursprünglichen Fabrikantenvilla; im Rahmen einer Feierstunde verlasen Schüler des Maria-Lenssen-Berufskollegs anschließend alle Namen der damaligen Opfer.

Rund 60 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung drängten sich unter grauem Himmel auf dem regenfeuchten Bürgersteig, als Demnig die „Stolperschwelle“ mit Maurerkelle und Wasserwaage glatt in den Bürgersteig einfügte – straucheln sollen die Passanten schließlich darüber nur symbolisch, um sich an Deutschlands düstere NS-Vergangenheit zu erinnern. Leah Floh, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, legte eine weiße Rose neben der Gedenktafel ab. Musikalisch begleitet vom Sopransaxophonisten Jürgen Löscher wurde dann in Reden und einem Gebet der Opfer gedacht. Gunter Demnig war da längst wieder gefahren. Große Worte sind nicht seine Sache. Er versteht sich als „Erinnerungshandwerker“.

 Die Stolperschwelle erinnert an 107 Bewohner eines jüdischen Altenheims an der Friedrich-Ebert-Straße, die von den Nazis deportiert wurden.
Die Stolperschwelle erinnert an 107 Bewohner eines jüdischen Altenheims an der Friedrich-Ebert-Straße, die von den Nazis deportiert wurden. Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)
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Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude, 1861 für einen Textilfabrikanten erbaut, hatte vor seiner Nutzung als Altenheim jüdischen Mädchen aus dem Rheinland als Unterkunft gedient, die die Rheydter Handels- und Gewerbeschule besuchten, das heutige Maria-Lenssen-Berufskolleg. Mit der Schließung jüdischer Schulen durch die Nationalsozialisten wurde das Haus ab 1936 als jüdisches Altenheim genutzt. Heute befindet sich das große Haus in Privatbesitz, zwölf Mietparteien sollen dort wohnen, hieß es.

Das Entsetzliche nicht zu vergessen, das war auch das Anliegen aller Redner. Auch diese erste „Stolperschwelle“ solle helfen, das schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte für kommende Generationen erreichbar zu halten, betonte Oberbürgermeister Felix Heinrichs. „Können wir uns die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit der Verschleppten vorstellen?“, fragte Pfarrer Hans-Ulrich Rosocha, der Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die die Patenschaft über die „Stolperschwelle“ übernommen hat. „Die Bevölkerung ahnte und wusste von den Deportationen. Alle haben damals geschwiegen.“ Dies dürfe sich nicht mehr wiederholen.

  „Wir wollen auch in Zukunft, dass das für immer Vergangenheit bleibt“, ergänzte Bezirksvorsteher Ulrich Elsen. Er schlug ebenfalls mahnend die Brücke zur Gegenwart: Fast täglich würden jetzt in Deutschland Übergriffe auf jüdische Mitbürger gemeldet. Die neue „Stolperschwelle“ sei eine eindringliche Mahnung, diesen Auswüchsen entschieden entgegenzutreten.