Mönchengladbach: Stephan Grünewald referiert im Haus Zoar

Im Haus Zoar : Vortrag zur Lage der deutschen Gesellschaft

Der gebürtige Mönchengladbacher Autor Stephan Grünewald erörterte im Haus Zoar die Frage: „Wie tickt Deutschland?“

Es wurde viel gelacht an diesem Abend. Dabei ging es um eine schwierige Frage: „Wie tickt Deutschland?“ Schwierig und hochkomplex. Der Diplompsychologe Stephan Grünewald ist angetreten, diese Frage zu beantworten. Am Donnerstag erschien sein gleichnamiges Buch. Aus diesem Anlass hatte der Bundesverband mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands den Autor ins Mönchengladbacher Haus Zoar eingeladen.

Vor gut 80 Gästen referierte Grünewald die Ideen seines Buches und beantwortete anschließend, moderiert von Stefan A. Wagemanns, Leiter der Wirtschaftsregion Metropolregion Düsseldorf, die Fragen aus dem Publikum. Grünewald wurde 1960 in Mönchengladbach geboren, studierte Psychologie in Köln und gründete das Institut für qualitative Markt- und Wirkungsanalysen, das seit über 20 Jahren Rheingold Institut heißt.

Die besondere Vorgehensweise des Instituts ist, dass Grünewalds Mitarbeiter jährlich mehr als 5000 sogenannte Tiefeninterviews von zwei Stunden führen. Das, so erklärte Grünewald nicht ohne Stolz, führe dazu, dass sein Institut beispielsweise den Ausgang von Bundestagswahlen besser prognostizieren könne als die klassischen Meinungsforschungsinstitute.

In Grünewalds Vortrag im Haus Zoar ging es nun allerdings um die Lage der Nation. Der Referent charakterisierte diese mit drei Begriffen: Auenland – Grauenland – Trauenland. Den Menschen in Deutschland gehe es „eigentlich“ gut – sie lebten in einem Tolkien’schen Auenland. Nur: „Wir wollen in einem Zustand permanenter Gegenwart bleiben“. Was utopisch ist. Denn die Menschen erleben die Bedrohung von außen – so wird aus dem Auenland ein Grauenland.

Die Bedrohungsfaktoren liegen laut Grünewald in der Flüchtlingskrise, der Digitalisierung und Globalisierung. Die Flüchtlingskrise, analysiert Grünewald, habe zur Folge, dass diffuse Ängste, die immer schon da waren, zu konkreten Probleme wurden, auf die man reagieren konnte und die ein Handeln erforderten. Nach dem Motto: Flüchtlingskrise gelöst, alle Krisen gelöst. Ein weiterer Aspekt der Flüchtlingskrise läge darin, dass Menschen ins Land kommen, die kein „Auenland“ kannten, die todesmutig alles hinter sich lassen, um vollständig neu anzufangen.

Und damit, das konstatiert der Psychologe, die geheimen Sehnsüchte vor allem der Jugend tangiert, für die „alles da“ ist. So stellten sich die Jugendlichen die Frage: „Wofür soll man noch kämpfen?“ Die mangelnde Abgrenzung der Generationen ist neben der Saturiertheit der Jugend ein weiterer Stolperstein im Grauenland. Den Jugendlichen fehle es an Reibungsflächen und damit an Entwicklungsmöglichkeiten. Und schließlich gebe es noch das Stichwort „AppSolutismus“, die Abhängigkeit von einer digitalen Welt sowie das Eintauchen in die künstliche Welt von Online-Serien.

Die Fragen des Publikums liefen im Grunde auf eine zentrale Frage hinaus: Was können wir tun, um ein Umdenken zu bewirken? Grünewald plädiert vor allem für eine neue Streitkultur, aus der neue Entwicklungen wachsen können. Voraussetzung dafür: einen klaren Standpunkt annehmen, mit dem man auch anecken könne. Zuhören, seine Perspektiven ändern, die „Kraft des Gesprächs“ nutzen, nur so könne eine Änderung herbeigeführt werden. Bei aller Flapsigkeit mancher Formulierung, bei allem Witz, bei allem, was längst nicht mehr unbekannt ist: Grünewald regte zum Nachdenken an.

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