Mönchengladbach: Stadtarchivar, Biker und Metal-Fan

Interview: „Wissen muss zugänglich sein“

Der neue Stadtarchiv-Leiter Helge Kleifeld ist seit Kindheitstagen Borussia-Fan, fährt Motorrad und hört Heavy Metal. Als Stadtarchivar beschäftigt ihn nach dem Umzug des Archivs ins Vituscenter vor allem die Einführung der E-Akte.

Sie sind seit dem 1. Februar 2018 Leiter des Mönchengladbacher Stadtarchivs. Sind Sie schon in der Stadt angekommen?

Kleifeld Beruflich auf alle Fälle. Ich habe so gute Mitarbeiter und so tolle Chefs wie noch nie im Leben. Bisher hat alles reibungslos funktioniert.  Mein Umzug nach Mönchengladbach steht auch an. Im Augenblick pendele ich noch, aber ich habe mir eine Wohnung im Gründerzeitviertel gesucht. So kann ich zu Fuß zur Arbeit gehen und brauche kein Auto.

Sie haben kein Auto, aber Sie sind ein begeisterter Motorradfahrer.

Kleifeld Ja, ich bin im Urlaub viel mit dem Motorrad unterwegs, einmal zum Beispiel 10.000 Kilometer rund um die Ostsee. Jetzt plane ich eine Tour rund um das Schwarze Meer und nach Baku, aber das ist aufgrund der politischen Situation im Augenblick schwierig, weil man von Russland aus nicht in die Ukraine einreisen kann. Also muss man einen 2500 Kilometer weiten Umweg über Weißrussland machen. Das wird vermutlich nicht klappen.

Sie gelten auch als Musikfan. Auf Ihrem Schreibtisch steht ein Wacken-Trinkbecher. Welche Musikrichtung mögen Sie?

Kleifeld Ich bin Heavy-Metal-Fan. Iron Maiden, Judas Priest, AC/DC – ich bin mit meinem Musikgeschmack in den Neunzigern hängen geblieben. Aber in Wacken (legendäres Metal-Open-Air-Festival im Dorf Wacken in Schleswig-Holstein, Anm.d.Red.) bin ich schon gewesen und habe auch Kontakt zu den beiden Organisatoren. Ich habe ihnen mal ein Wacken-Archiv vorgeschlagen. Hinter dem Festival steckt nämlich inzwischen eine ganze Kultur:  Es gibt Leute, die haben sich dort kennengelernt, später eine Familie gegründet und kommen jetzt mit ihren Kindern.

Motorradfahren und Heavy Metal – ist das ein Kontrastprogramm zur Tätigkeit eines Archivars, die gemeinhin eher als langweilig gilt?

Kleifeld Die Arbeit eines Archivars ist ganz und gar nicht langweilig. Ich bin eigentlich schnell gelangweilt, aber bei dieser Tätigkeit gibt es sehr viel Abwechslung. Vor allem aber kann man sich aussuchen, womit man sich längere Zeit beschäftigen will. Es gibt natürlich auch Dinge, die man tun muss, aber es ist immer etwas Neues dabei. Gerade ein Stadtarchiv mit seiner vielfältigen Überlieferung ist spannend.

Wie erleben Sie Mönchengladbach?

Kleifeld Zur Stadt kann ich noch gar nicht so viel sagen, weil ich ja meine Freizeit noch nicht hier verbringe. Aber ich war von klein auf Borussia-Fan. Als ich jetzt bei Borussia Mönchengladbach meinen Antrittsbesuch gemacht habe, kam Rainer Bonhof herein, ein Held meiner Jugend. Großartig. Bisher hat mir hier alles Spaß gemacht.

Werden Sie etwas an der Arbeit des Stadtarchivs ändern? Gibt es neue Aufgaben? Oder andere Ansätze?

Kleifeld Es gibt sehr erfolgreiche Programme, mit denen Zielgruppen eingebunden werden, zum Beispiel die Schulprogramme, mit denen die Archivpädagogin Schüler an die Archivarbeit heranführt. Es gibt eine Kooperation mit dem Hugo-Junkers-Gymnasium, eine weitere mit dem Stiftisch-Humanistischen Gymnasium ist geplant. Das funktioniert gut. Auch für die Heimatvereine sind wir der Partner und können jetzt in den neuen Räumen auch ein Forum für Veranstaltungen bieten.  Und natürlich bereiten wir Themen der Stadtgeschichte auf, wie jetzt bei der Stolpersteinverlegung die Familiengeschichten der Betroffenen. Das wird alles so bleiben. Aber heute haben wir eigentlich den Wandel im Fokus. Es gibt eine ganz neue Aufgabe, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, nämlich die Einführung der E-Akte.

Inwiefern ist das für Sie wichtig? Es geht doch erst einmal nur um elektronische Akten, die die Verwaltung für ihre Arbeit anstelle der Papieraktien anlegt.

Kleifeld Zum einen hat das Stadtarchiv den gesetzlichen Auftrag, die Verwaltung bei dieser Umstellung zu beraten. Zum anderen müssen wir in der Lage sein, Unterlagen in elektronischer Form zu übernehmen, zu speichern, zu authentifizieren und sicherzustellen, dass sie dauerhaft lesbar bleiben. Das heißt, wir müssen jetzt völlig neue Verfahren entwickeln und Fachpersonal akquirieren. Das Ganze bedeutet tatsächlich einen großen Bruch, den wir jetzt managen müssen. Das ist meine erste und wichtigste Aufgabe.

Ist die digitale Form Ihrer Meinung nach dauerhafter als die bisherige, papiergebundene?

  • Mönchengladbach : Helge Kleifeld ist neuer Leiter des Stadtarchivs

Kleifeld Nein, digital heißt nicht haltbar. Die Dokumente in lesbarem Zustand zu erhalten, wird nicht einfach. Das wird viel Geld kosten, mehr als  bei Papierakten.

Werden die vorhandenen Papierakten denn auch digitalisiert?

Kleifeld Nach und nach schon, aber das ist ein völlig anderer Vorgang.

Ihre Vorgänger an der Spitze des Stadtarchivs, Wolfgang Löhr und Christian Wolfsberger, haben die Stadtgeschichte aufgearbeitet und Schriftreihen ins Leben gerufen. Werden Sie diese Arbeit fortsetzen?

Kleifeld Ja, natürlich, diese Schriftreihen werden weitergeführt. Wir werden  uns auf jeden Fall die Zeit nehmen, sie zu pflegen und auszubauen.

Wie würden Sie Schülern, die Geschichte meist eher langweilig finden, den Wert der Beschäftigung mit Geschichte erklären? Oder den eines Archivs?

Kleifeld Man kann niemanden zwingen, sich für Geschichte zu interessieren. Das Interesse an Geschichte wächst im Allgemeinen mit zunehmendem Alter. Am besten ist es, Menschen über den Lokalbezug anzusprechen. Für die eigenen Familie, den Ort oder die Freunde interessieren sich eigentlich alle. Aber auch wenn man Entscheidungen treffen will, muss man die Vergangenheit und Gegenwart kennen, um zu wissen, wie der aktuelle Zustand entstanden ist. Und dafür muss Wissen zugänglich sein. Zum Beispiel in einem Archiv.

Welchen Aspekt der Gladbacher Geschichte finden Sie bislang am interessantesten?

Kleifeld Ich hatte noch nicht Zeit, mich in die Stadtgeschichte einzuarbeiten, aber ich hatte neulich Gelegenheit, das JHQ zu besichtigen. Das war wirklich sehr interessant. Ein ganzer Stadtteil fällt hier wüst, so wie früher Dörfer nach Pestepidemien zu Wüstungen wurden. Sehr faszinierend für einen Historiker.

Welche geschichtliche Epoche ist Ihr Spezialgebiet?

Kleifeld Die Zeitgeschichte. Man kann über die Definition von Zeitgeschichte streiten, aber grob gesprochen beginnt sie mit dem Ersten Weltkrieg.

Bekommt das Stadtarchiv auch Sammlungen oder Erinnerungsstücke von Bürgern angeboten?

Kleifeld Ja, und wir sind dankbar, wenn man sie uns anbietet. Die Sachen müssen natürlich gesichtet werden. Wir können nicht zehnmal das gleiche Foto aufbewahren. Also müssen wir auch Dinge ablehnen. Aber wir freuen uns, wenn sie nicht einfach weggeworfen werden. Neulich brachte ein Gesangverein alte Fahnen. Die sind eher fürs Museum. Aber wir bewahren sie erst mal auf.

Das Gespräch führten Christian Lingen, Denisa Richters, Angela Rietdorf, Luca Samlidis und Dieter Weber.

(arie, cli, dr, luca, web)
Mehr von RP ONLINE