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Mönchengladbach: Stadt schließt Altenheim des Altensportvereins

„Gravierende Mängel in der Pflege“ : Stadt schließt Altenheim in Mönchengladbach

47 alte Frauen und Männer, die im Alten- und Pflegeheim in Mönchengladbach leben, müssen die Einrichtung in der kommenden Woche verlassen. Die städtische Heimaufsicht kritisiert gravierende Mängel in der Pflege. Angehörige müssen nun binnen weniger Tage Ersatz finden.

Die schockierende Nachricht kam für Wolfgang Krude und seinen Bruder völlig überraschend: Am heutigen Freitag erfuhren sie, dass sie bis nächsten Donnerstag einen Heimplatz für ihre 83-jährige Mutter finden müssen. „Das kam ganz plötzlich. Niemand hat uns vorher gesagt, dass die Situation so prekär ist“, empört sich Krude. Ein Aushang im Käthe-Stroetges-Haus an der Brückenstraße „An die Nutzerinnen und Nutzer ... sowie deren Angehörigen, gesetzlichen Betreuer und Bevöllmächtigten“ sorgte in dem privat betriebenen Altenheim am Freitag für riesige Aufregung. Darin ordnet die städtische Heimaufsicht mit Schreiben vom 7. September 2018 an, den Betrieb der Einrichtung zu untersagen. Die Gründe: zu wenige Fachkräfte, mangelhafte Pflege, unzureichende Dokumentation der Pflegeakten. Betroffen sind 47 alte Frauen und Männer.

Das Altenheim wird betrieben vom Verein Sport für betagte Bürger, der an der Aachener Straße ein Altensportzentrum betreibt, das 1983 das erste seiner Art in Deutschland und Vorbild für andere war. In dieser Einrichtung gaben sich hochrangige Politiker und Altenforscher die Klinke in die Hand. Die Vorsitzende Käthe Stroetges wurde mehrfach für ihre Verdienste ausgezeichnet und wird oft als „Erfinderin des Altensports“ bezeichnet. 1976 bekam sie das Bundesverdienstkreuz, 1985 wurde sie Deutschlands „Breitensportlerin des Jahres“, 1997 erhielt sie den Landesorden NRW, überreicht vom damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau. Stroetges, mittlerweile über 80 Jahre alt, war für unsere Redaktion  gestern nicht zu sprechen. Auch eine Stellungnahme wollte der Verein nicht abgeben. „Dazu sagen wir jetzt nichts“, teilt ein Mitarbeiter auf Anfrage mit.

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Deutlicher wird da die städtische Heimaufsicht. Erste Mängel seien bereits im Mai 2017 festgestellt worden. Nicht ausreichend sei schon damals die gesetzlich geforderte Anzahl an Fachkräften gewesen. Man habe, so die Stadt, den privaten Betreiber mehrmals aufgefordert, dies zu korrigieren. Der Träger konnte offenbar die Mängel nicht beheben, was dann Juli dieses Jahres zu einem Belegungsstopp führte. Dieser sollte wieder aufgehoben werden, sobald der Trägerverein alle personellen Anforderungen erfüllt hätte. Dies geschah offenbar nicht. Die Situation muss in den vergangenen Wochen eskaliert sein. Denn in ihrer Erklärung spricht die städtische Heimaufsicht davon, dass es „gravierende Mängel in der Pflege“ und bei der Führung der Pflegeakten gab. Die Heimaufsicht hat eigens den Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingeschaltet, der die Einschätzung der Stadt teilt. „Es ist Aufgabe der Heimaufsicht, Hinweisen nachzugehen und dafür zu sorgen, dass Missstände abgestellt werden“, sagt Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners. „Wenn dies nach bestimmten Fristen nicht passiert, muss das Konsequenzen haben.“

Die Angehörigen und gesetzlichen Betreuer stehen vor der schwierigen Aufgabe, die 47 Bewohner in anderen Heimen unterzubringen. Das ist meist erst ab Montag möglich, weil zahlreiche Einrichtungen die alten Menschen ohne Pflege- und ärztliche Dokumentation nicht aufnehmen. Die Stadt, so teilte der OB mit, wird den Betroffenen bei der Vermittlung helfen. Dazu habe man auch Kontakt zu Heimen außerhalb der Stadt aufgenommen. Für die alten Frauen und Männer, die ihr Zuhause an der Brückenstraße verlieren, wird dieser unerwartete Umzug ein harter emotionaler Einschnitt im Leben sein. „Viele verlieren ihren Bekanntenkreis, den sie sich wieder neu aufgebaut haben“, sagt Angehöriger Wolfgang Krude.

(web)