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Mönchengladbach: Stadt als kontrollierbarer Konzern

Kolumne Mensch Gladbach : Die Stadt als fast kontrollierbarer Konzern

Zielvorgaben, Wachstumsprognosen, Change-Prozesse — das Rathaus setzt auf Strategien der freien Wirtschaft. Mit eingeplant werden sollte aber auch Raum fürs Unerwartbare.

Haben Sie schon einen Plan fürs Wochenende? Wir jedenfalls haben uns klare Zielvorgaben gesetzt: Zeitung lesen, dazu Kaffee trinken. Endlich die vor zwei Wochen gekauften Pflanzen in die Erde setzen. Kehren, staubsaugen und durchwischen, einkaufen. Das Buch anfangen, das seit Wochen auf dem Nachttisch liegt. Etwas Leckeres kochen. Entspannt die Zweisamkeit genießen. Ach, und dann noch das Projekt für nächste Woche vorbereiten. Welcher Tatort kommt eigentlich am Sonntagabend? Oder läuft wieder WM, die uns doch nur noch bedingt interessiert. Außer wenn die Schweiz spielt (“Unser Yann!“).

Wir können Ihnen auch gleich eine Prognose zu unserer Wochenend-Bilanz liefern: Am Sonntagabend werden wir mindestens 60 Prozent der Ziele nicht erreicht haben. Weil es, und das wissen wir inzwischen aus Lebenserfahrung, immer anders kommt. Deshalb wächst bei uns vor allem eins: Die Liste der gerne erledigten Aufgaben und die Gewissheit, mal ein paar Change-Prozesse einzuleiten. Wichtigste Regel: Plane unbedingt das Unerwartbare ein, dann wirst du nicht überrascht.

Drauf gebracht hat uns eine schöne, quadratische Broschüre, die der Stadtplanungsdezernent Gregor Bonin vor einigen Tagen den Mitgliedern des Hauptausschusses präsentiert hat und die jeder Interessierte im Internet durchblättern kann unter
www.mgplus.online Stichwort: Strategiebuch. Darin geht es um „mg+ – Wachsende Stadt“, was in Mönchengladbach längst zum geflügelten Motto geworden ist, weil es den überfälligen Aufbruch unserer Stadt beschreibt: Mönchengladbach soll wachsen – an Einwohnern, an neuen Baugebieten, an Wasserflächen, an Ansiedlungen und insgesamt an Attraktivität.

Dafür soll die Stadtverwaltung bald wie ein Konzern ticken. Dazu gehören sämtliche Töchter und Beteiligungen, aber auch Vereine und Initiativen von Relevanz fürs gesellschaftliche Leben. Klare Zielvorgaben sollen das behördliche Handeln planbar, messbar und kontrollierbar machen. Der Tanker soll wendiger und lenkbarer werden. Es gibt Zielvorgaben für die Stadtverwaltung und die von der politischen Mehrheit gewollten Projekte, es gibt Kennzahlen, die den Fortschritt markieren. Die Stadtentwicklung spielt eine zentrale Rolle – und wird als Produkt der Wachstumsstrategie geführt.

Klingt plausibel, spannend und professionell. Die Ambition ist hoch, manche träge Verwaltungsgewohnheit zu überwinden. Das ist wichtig, wenn es vorangehen soll (Change!). Doch ein essentieller Teil fehlt in der Planung: das Unerwartbare. In der Stadt leben Menschen, die mitgenommen werden müssen. Die manches anders sehen, die nicht linear, sondern über Umwege und in gemäßigtem Tempo die Stadt verändert sehen wollen. Investoren kommen, sie springen aber vielleicht auch wieder ab, wie bei Haus Westland, das in der Broschüre noch als Beispiel für „Best Practice“ aufgeführt wird. Eine Stadt darf auch mal unperfekt sein, das macht sie im Zweifel sogar lebenswerter und besonders.

In diesem Sinne: Ein unerwartet ungeplantes Wochenende!