Mönchengladbach: So sieht es in Haus Westland ein Jahr vor dem Abriss aus

Berühmte Schrottimmobilie in Mönchengladbach : Haus Westland – Gladbachs hässliche Schönheit

Gestank, Dreck, wunderbare Aussichten: Wie es sich anfühlt, ein letztes Mal vor dem für 2020 geplanten Abriss durch die Schrottimmobilie Haus Westland zu laufen – vom Keller bis zum Dach. Von Andreas Gruhn

Der Weg zur frischen Luft ist beschwerlich und steil. Aber als Artenschützer Manfred Henf die rund 15 letzten Sprossen der in die Wand eingelassenen Leiter erklommen hat und die Dachluke aufschlägt, atmet er tief durch. Zehn Stockwerke über dem Erdboden weht ein leichtes Lüftchen, das Sonnenlicht spiegelt sich in den Pfützen, die sich auf der Dachpappe gesammelt haben. Der Blick sucht das Weite, in alle vier Himmelsrichtungen, nur unterbrochen von ein paar Handyfunkmasten und der riesigen Tuborg-Werbung. Hier oben auf dem Dach des Büroturms von Haus Westland ist endlich vorbei, was man in den zehn Stockwerken darunter alles durchlaufen hat.

Haus Westland, diese dunkelbraune Trutzburg gegenüber des Hauptbahnhofs, die sich ganz Mönchengladbach seit Jahrzehnten weit weg wünscht, diese bis auf ein paar Läden leerstehende Schrottimmobilie hat auch seine schönen Seiten. Nämlich überall dort, wo man weit wegschauen kann. Vom Dach, aus großen Bürofenstern. Im Haus selbst aber haben die Jahre erst Abnutzung und später der Leerstand den einstigen Prachtbau aus den 1950er Jahren in einen desolaten Zustand verkommen lassen. „Man braucht schon eine Vision hier“, sagt Stephan Pütz, Projektleiter vom Investor Bema, der Haus Westland abreißen und dafür „19 Häuser“ bauen wird. „Für mich ist das eine Wiederbelebung hier. Das Haus ist 15 Jahre tot.“ Doch auch ein totes Gebäude arbeitet noch.

Als Hausmeister Norbert Quack seinen Schlüsselbund zückt und die schwere Tür am Treppenabgang auf dem Hinterhof aufschließen will, springen zwei Junkies auf. Hastig packen sie ihren Kram zusammen, beteuern „das war alles schon so“ und eilen vom Hinterhof. Quack, der mehrmals die Woche nach dem Rechten sieht rund um Haus Westland, schimpft: „Eine große Schweinerei. Die dreckigen Ecken sind hier das Hauptproblem. Essensreste locken Ratten an, und die Menschen machen hier überall in die Ecken.“ Wenn er nicht permanent aufräume und sauber mache, „dann hätten wir hier bald einen zweiten Rheydter Müllberg“. Schädlingsbekämpfer sind fast täglich unterwegs und erneuern Dutzende Rattenfallen rund um das Gebäude.

Als er die Tür aufschließt, stehen Quack und Artenschützer Manfred Henf, der nach Tieren und deren Nestern sucht, mitten im alten Bürgerservice. Viele Jahre haben die Gladbacher in dem Flur gesessen und darauf gewartet, in eines der Büros eingelassen zu werden, um dort ihre Adresse zu ändern. Oder den neuen Personalausweis zu beantragen. Die Luft ist abgestanden, es ist muffig, feucht. In den ehemaligen Büros des Bürgerservice zeugen Spuren davon, dass es sich Eindringlinge hier schon mal bequem gemacht haben. Die fernzuhalten, das ist auch Quacks Aufgabe.

Weiter geht es Richtung Treppenhaus. Hier ist es stockfinster. Henf wirft mit seinem Strahler etwas Licht in den Flur. Die Hausmeisterloge ist voller Spinnweben, an der Wand hängen Schlüssel am Haken. Alle beim Auszug abgegeben, Ordnung muss sein. Ein Zettel am Fahrstuhl verkündet: „Aufzug stillgelegt, Benutzung nicht möglich.“ Norbert Quack und Manfred Henf nehmen ohnehin lieber die Treppe. Sie gehen vorbei an braunen Flecken, möglicherweise getrocknetes Blut. In allen Etagen gehen sie von Büro zu Büro, Artenschützer Manfred Henf, der Erkenntnisse für das Artenschutz-Gutachten sammelt, schaut nach möglichen Einfluglöchern für Vögel, findet aber nichts. Auf einer Fensterbank haben sich Hunderte tote Insekten angesammelt. „So viel zum Insektensterben“, murmelt er. Und Quack sieht überall nach dem Rechten. Vom Bürgerservice geht es über das Sozialamt, das Kulturamt, das Büro des Stadtdirektors Rombey, das Schulamt und das Amt für Freizeit, Sport und Bäder bis ganz nach oben zum Sozialamt, so verrät es die Tafel im Erdgeschoss. Alles ist leer. Doch die Luft drückt. Gestank kommt aus der Kanalisation hoch geweht.

Nach dem Besuch auf dem Dach des Büroturms geht es weiter in die Nebengebäude, dort, wo einst Wohnungen waren. Im Keller riecht es nach abgestandener Luft. Aber Artenschützer Henf nickt zufrieden. „Überall hängen Spinnweben-Gardinen. Das ist ein gutes Zeichen: Es gibt keine Fledermäuse hier drin“, sagt er und nickt zufrieden.

Dann geht es zwei Etagen in die Höhe und hinaus auf einen der Laubengänge mit den Zugängen zu den alten Wohnungen. Tauben haben diese Gänge erobert und Berge von Kot hinterlassen, in denen tote Tiere liegen. An einer der fest abgeschlossenen Wohnungen sind auf das stumpfe Glasfenster von innen Bilder gemalt, Cartoon-Figuren lächeln, hier war ein Kinderzimmer. Doch seit 15 Jahren hat kein Mensch mehr diese Wohnungen betreten. Und das bleibt auch so, bis die Bagger 2020 anrücken und Haus Westland ein Ende bereiten. Bei aller Schönheit beim Blick vom Dach auf die Stadt – der Abriss ist die beste Aussicht, die dieses Haus noch zu bieten hat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sieht es in Haus Westland heute aus

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