Mönchengladbach: So klappt die Einstellung von Arbeitnehmern mit Behinderung

Beschäftigung in Mönchengladbach : Arbeitnehmer trotz Behinderung

Die erblindete Karina Scheulen arbeitet seit Juni als kaufmännische Mitarbeiterin beim Verein Kulturlöwen in Mönchengladbach. Hilfe bekamen sie und ihr neuer Arbeitgeber dabei von der Agentur für Arbeit.

Bürostuhl, Bildschirm, Tastatur – eigentlich die Dinge, die an den meisten Arbeitsplätzen stehen, findet man auch an Karina Scheulens Arbeitsplatz. Dennoch gibt es einige Besonderheiten beim genaueren Hinschauen. Am auffälligsten ist die Tastatur: Neben den üblichen Tasten gibt es unten eine Zeile mit Brailleschrift, mit der Karina Scheulen über den Bildschirm scrollen kann und die so die Funktion der Maus ersetzt. Zehn-Finger-Tippen kann sie aber wie jeder Andere auch: „Niemand guckt beim Tippen auf die Finger – das macht man einfach automatisch,“ erklärt Scheulen. Der Computer ist außerdem mit einer Sprachsoftware ausgestattet, die Karina Scheulen vorliest, was sonst auf dem Bildschirm zu sehen ist. Karina Scheulen ist blind, aber für ihre Arbeit beim Verein Kulturlöwen ist das kein Problem.

Unterstützung für die technischen Hilfsmittel bekamen die Kulturlöwen von der Agentur für Arbeit. „Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, Karina Scheulen einzustellen. Die Frage war nur, wie das möglich gemacht werden kann. Ich habe dann einfach mal bei der Agentur für Arbeit nachgefragt“, sagt Miriam Colonna, Geschäftsführerin der Kulturlöwen. Richard de Maria Cano von der Arbeitsagentur sei schon kurze Zeit später vorbeigekommen. „Wir dachten immer, da kommen jetzt sehr komplizierte und aufwendige Prozesse auf uns zu, aber nach jedem Treffen wurde uns bewusst: Das ist überhaupt nicht so schlimm und lohnt sich“, so Colonna. Auch Karina Scheulen bestätigt: „Ich war wirklich positiv überrascht, wie unkompliziert das alles ging.“

Neben den technischen Voraussetzungen sei es unter anderem wichtig gewesen, jegliche Geräte in dem Büro, wie Scanner und Drucker, mit Brailleschrift zu beschriften, erklärt Colonna. Außerdem hätten die Mitarbeiter erst einmal lernen müssen, wie man überhaupt Dinge für jemanden verständlich erklärt, der nicht sehen kann. Colonna beschreibt das als ,learning by doing‘: „Wir machen natürlich immer noch nicht alles perfekt. Man muss manche Sachen aber einfach mit Humor nehmen – und das können wir alle hier ziemlich gut.“

Auch ein sogenanntes „Mobilitätstraining“ gehörte zu den Hilfestellungen, die Scheulen bekam. Eine Trainerin übte mit ihr den Weg zur Arbeit und zurück nach Hause, damit sie auch dies möglichst selbstständig hinbekommt. Dabei habe sie sich aber ziemlich leicht getan, so Scheulen. Zu wirklichen Problemen käme es nur beim Busfahren: „Es gibt nur sehr wenige Haltestellen in Mönchengladbach, die eine Sprachfunktion, oder Fahrpläne in Brailleschrift haben.“ Und selbst wenn sie die Fahrzeiten vorher nachschaue, kämen oft mehrere Busse gleichzeitig an, sodass sie dann nicht wisse, in welchen Bus sie einsteigen müsse. „Das betrifft ja nicht nur mich, sondern zum Beispiel auch ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr gut lesen können.“

Insgesamt betont Miriam Colonna die Zufriedenheit mit der Entscheidung, Karina Scheulen eingestellt zu haben. Auch mit der Hilfestellung von der Agentur für Arbeit sei sie sehr glücklich und appelliert an andere Arbeitgeber: „Es ist wirklich empfehlenswert, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Man bekommt Hilfe und steht nicht alleine da. Die Prozesse sind alle nicht so schlimm, wie man vielleicht vorher befürchtet.“ Alle Arbeitgeber sollten den Mut haben, einen schwerbehinderten Menschen einzustellen: „Jeder hat das Recht, aktiv am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben und Veränderungsprozesse mitzugestalten.“ Richard de Maria Cano bestätigt: „Wenn man das Lächeln von Karina Scheulen am Ende des Tages sieht, weiß man, man hat etwas richtig gemacht.“

In Mönchengladbach leben rund 31.500 Menschen mit einem festgestellten Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent. „Wir bieten technische Hilfe und Beratung an, damit sie eingestellt werden können. Dazu braucht es aber auch engagierte Arbeitgeber“, sagt Peter Lippsmeier von der Arbeitsagentur.