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Mönchengladbach: So hilft die Familienbildungsstätte Eltern

Interview : „Eltern haben den Anspruch, perfekt zu sein“

Geschäftsführerin Angelika Oberländer und Stellvertreterin Andrea Gestermann von der Familienbildungsstätte Mönchengladbach über die Familienfreundlichkeit der Stadt, die veränderten Bedürfnisse von Familien und die Stadtteilarbeit in Rheydt.

Wie familienfreundlich ist Mönchengladbach?

Oberländer Es ist viel passiert in den letzten Jahren und auch in letzter Zeit. Die Familienkarte zum Beispiel ist ein guter Ansatz. Aber im Freizeitbereich könnten wir noch mehr Angebote gebrauchen, die die Lebensqualität für Familien in den Quartieren steigern. Spielplätze zum Beispiel, die die Kreativität und die Motorik fördern und zum Verweilen einladen. Auch Verkehrsberuhigung ist ein wichtiges Thema, damit Familien sich den öffentlichen Raum zurückerobern können.
Gestermann Auf dem Rheydter Markt funktioniert das schon gut. Dort kann man abends oft Familien sehen, die Eltern unterhalten sich, die Kinder spielen Fußball.

Die Kinder von heute können kaum noch auf der Straße spielen.

Oberländer Ja, es gibt einfach deutlich mehr Autos als früher. Auch Spielstraßen werden zugeparkt. In meiner Kindheit gehörte die Straße abends uns.

Warum sind Familien wichtig für eine Kommune? Man könnte ja provokant sagen, sie kosteten vor allem viel Geld…

Gestermann Familien sind die Zukunft und das Fundament einer Gesellschaft. Kinder beleben unsere Stadt. Erfreulicherweise gibt es wieder mehr Kinder in Mönchengladbach.

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Welche Probleme haben Familien in Mönchengladbach?

Gestermann Ganz klar: Es fehlen Kita- und Ogataplätze. Wir sehen das natürlich aus Sicht der Familienbildungsstätte, und wir hören immer wieder, dass Bildungsangebote wie Deutschkurse oder Fortbildungen nicht angenommen werden können, weil die Kinderbetreuung nicht gesichert ist. Berufstätige haben Priorität bei der Vergabe von Kita- und Ogataplätzen, ein Deutschkurs zählt nicht.
Oberländer Es tut sich schon etwas in diesem Bereich. Die erweiterten Öffnungszeiten im Rahmen des Förderprogrammes KiTa Plus sind schon hilfreich, aber die Angebote sind nicht immer alltagskompatibel, die Wege sind unter Umständen einfach zu lang.

Der Ausbau der Kitas ist ein enormer Kraftakt. Ist es das wert?

Oberländer Es ist eine Investition in die Zukunft und bedeutet Wertschätzung und Unterstützung der Familien seitens der Kommune. Das Problem ist aber, dass oft die Wertschätzung für Familien im Alltag fehlt. Die Mitbürger müssen Einschränkungen wie Kinderlärm hinnehmen. Dazu sind viele aber nicht mehr bereit. Das führt immer wieder zu Konflikten, das merken wir auch in den Stadtteilgesprächen, an denen die Familienbildungsstätte beteiligt ist.

Müsste die Stadtverwaltung solche Konflikte entschärfen?

Oberländer Nein, ich glaube, hier sind alle gefragt. Jeder in der Gesellschaft muss Toleranz und Verständnis aufbringen. Die Kinder müssen das übrigens auch lernen.
Gestermann Ich glaube, dass die Digitalisierung unserer Gesellschaft zu einer Entgrenzung führt, die bewirkt, dass die Menschen weniger Toleranz aufbringen. Wir müssen dringend umdenken und mehr Angebote für ein Miteinander machen.

Familien stehen heute vor anderen Herausforderungen als früher. Welche Angebote macht die Familienbildungsstätte Eltern und Kindern?

Oberländer Wir arbeiten verstärkt dezentral und kooperieren mit über 40 Familienzentren in der Stadt. Wir machen vor Ort Angebote für die Eltern. Wie sie angenommen werden, hängt aber auch vom jeweiligen Sozialraum ab.
Gestermann Unsere Angebote im Bereich des Eltern-Kompetenz-Trainings decken die ganze pädagogische Bandbreite ab: es geht genauso ums Durchschlafen wie darum, Grenzen zu setzen.

Sind Eltern heute eher überfordert als früher?

Oberländer Das Familienleben erfordert heute viel Organisation. Das kann schon anstrengend sein. Aber Eltern haben auch verstärkt den Anspruch, perfekt zu sein. Ebenso den Wunsch nach dem „perfekten Kind“. Das erzeugt Druck. Eltern verlassen sich weniger auf ihr Bauchgefühl. In unseren Kursen unterstützen wir Eltern darin, die Individualität des Kindes zu sehen und statt auf Defizite auf Ressourcen und Fähigkeiten zu schauen.

Welche Kurse in Ihrem Programm sind bei Eltern besonders beliebt?

Gestermann Im Allgemeinen sind das die Kurse, bei denen Eltern Begegnung erfahren, Kontakt zu anderen Eltern bekommen und sich austauschen können. Es geht darum, Familien in vergleichbaren Lebenssituationen kennenzulernen, Netzwerke aufzubauen und konkrete Hilfestellung zu Entwicklungs- und Erziehungsthemen zu erfahren.

Die Familienbildungsstätte gibt es schon seit jetzt 62 Jahren. Wie ist sie eigentlich entstanden und was hat sich in den Jahren verändert?

Oberländer Der Ursprung der FBS Mönchengladbach liegt in den sogenannten Mütterschulen. Damals wurden in erster Linie die Frauen angesprochen. Die Angebote waren geprägt durch die drei großen Ks : Kinder, Küche, Kirche und sehr ergebnisorientiert ausgerichtet. Die Frauen nahmen Rezepte mit nach Hause, Selbstgebackenes oder Selbstgenähtes. Heute dagegen sind wir eine vom Land NRW anerkannte Weiterbildungseinrichtung, 75 Prozent unserer Kurse müssen im Bereich Familienbildung liegen. Auch die Themenbereiche Gesund Leben, Persönlichkeitsbildung, Interkulturelle Angebote und Beratung gehören heute mit zu unserem Angebotsspektrum, das für alle offen ist

Welche Tendenzen zeigen sich in Ihrer Arbeit?

Oberländer Die Arbeit der FBS orientiert sich seit jeher an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den daraus entstehenden Bedarfen für Familien. Für uns geht es immer mehr darum, die Balance zu finden zwischen flexiblen und kontinuierlichen Angeboten.

Gibt es neue Angebote, die besonders erfolgreich sind?

Gestermann Bei den interkulturellen Eltern-Kind-Gruppen ist der Andrang riesig. Café IdA findet einmal in der Woche statt. IdA steht für Integration durch Aktivität. Es gibt gemeinsame Besuche in der Stadtbücherei, die Polizei oder Pro Familia informieren und es gibt die Gelegenheit zum Austausch in einem geschützten Rahmen gekoppelt mit Kinderbetreuung. Der Bedarf ist hier offensichtlich groß.
Oberländer Auch der „Familienladen“ ist Neuwerk-Bettrath ist ein neuer Standort der FBS, der gut angenommen wird.

Wie bewerten Sie die Einführung der Familienkarte in Mönchengladbach?

Oberländer Es ist gut, dass damit Familien aller Schichten erreicht werden, so dass es keine Stigmatisierung gibt. Die Angebotspalette ist sehr breit. Wir beteiligen uns auch daran und bieten 10 Prozent Rabatt auf viele Kurse. Außerdem werden wir vier kostenlose Abende zu Erziehungsthemen für Eltern anbieten.

Die FBS ist auch an den Stadtteilgesprächen in Rheydt beteiligt.

Oberländer Die FBS ist Teil des Quartiersmanagement Rheydt im Rahmen des Projektes Soziale Stadt. Es gibt eine klare Aufgabenteilung. Der SKM stellt den Quartiersmanager, und die Aufgabe der FBS ist die Organisation und Durchführung der Stadtteilkonferenzen. Außerdem sind wir im Keplerquartier aktiv. Hier bieten wir Aktionen an, um das Quartier verstärkt zusammenzuführen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Zum Beispiel ist ein Filmabend geplant. In der Vorweihnachtszeit soll drei Mal zu einem offenen Singen eingeladen werden.

Haben die Aktivitäten in Rheydt im Rahmen der Sozialen Stadt Ihrer Meinung nach etwas verändert?

Oberländer Die Atmosphäre hat sich sehr zum Positiven verändert. Und kulturell hat sich viel getan. Ich nehme eine kulturelle Öffnung und viel bürgerschaftliches Engagement wahr.