Mönchengladbach: So geht es den Bären-Damen aus dem Tiergarten heute

Mary und Clara aus MG in MV : Ein bärig neues Zuhause

Bärenmutter Mary und ihre Tochter Clara haben die meiste Zeit ihres Lebens im Tiergarten in Odenkirchen verbracht. Vor sechs Jahren wurden sie aus Tierschutzgründen in den Bärenwald Müritz in Mecklenburg-Vorpommern gebracht. Die Eingewöhnung war nicht einfach. Mittlerweile fühlen sie sich aber bärig wohl.

Wir versuchen unser Glück. Je weiter wir kommen, desto leiser werden wir. Irgendwann flüstern wir nur noch und hören einzig unsere Schritte auf dem mit Laub bedeckten Boden, den Wind in den Bäumen. Ein Kilometer, zwei. Ob wir wirklich einen Bären sehen, ist ungewiss. Viele hielten bereits Winterruhe, sagt Bärenwald-Mitarbeiterin Maria Andresen. Doch da, am Ende eines Waldstücks: Zwei dunkelbraune, haarige Hintern. Es sind Sylvia und Pavle, zwei Bärengeschwister, die aus einem serbischen Zoo gerettet wurden. Sie sind schwer bei der Arbeit, graben sich eine Höhle für die Winterruhe. Eine Situation, die selbst die Bärenwald-Mitarbeiter nicht allzu oft zu Gesicht bekommen. Dann geht es weiter, zum Gehege von Mary und Clara.

Bären-Mama Mary will sich heute nicht zeigen. Womöglich bereitet sie sich derzeit auf die Winterruhe vor. Clara hingegen sei bereits seit Oktober in Winterruhe, sagt Maria Andresen. Ursprünglich kommen die beiden Braunbären aus dem Tiergarten Mönchengladbach. Mary, heute stolze 33 Jahre alt, wurde als junger Bär nach Odenkirchen gebracht, ihre Töchter Clara und Sonja wurden dort geboren. Gemeinsam lebte die Bärenfamilie in dem etwa 500 Quadratmeter großen Betongehege.

Im Tiergarten gehörten Mary, Clara und Sonja zur Hauptattraktion, zu den Lieblingen der Besucher. Trotzdem hatte es immer wieder Kritik an ihrer Haltung gegeben. Laura Zimprich, damals Vorsitzende des Düsseldorfer Tierschutzvereins „Animal Public“, hatte die Haltung beispielsweise als „nicht zufriedenstellend und nicht artgerecht“ bezeichnet. Die Bären hätten Verhaltensstörungen aufgewiesen, eine Folge nicht artgerechter Haltung.

Sonja, Clara and Mary im Tiergarten Mönchengladbach. Foto: Mihai Vasile

Der Ordenkirchener Tierpark reagierte aus eigenen Stücken heraus und bat den Bärenwald Müritz um Hilfe. „In dem Falle haben wir Weitsicht gehabt“, sagt Norbert Oellers, der damalige Leiter des Tiergartens. Im Frühjahr 2013 war es dann soweit: Die Bären konnten im Bärenschutzzentrum in Stuer aufgenommen werden. In einem Lkw mit drei großen Transportboxen reisten mehrere Mitarbeiter des Bärenwaldes und dessen Träger, die internationale Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, nach Mönchengladbach. Dort wurden die Bären betäubt, von einem Ärzteteam untersucht und schließlich in Transportboxen in den Nordosten Deutschlands gebracht.

In Mecklenburg-Vorpommern begann dann die schwierige Zeit der Eingewöhnung. Anfangs lebt jeder Neuankömmling im Bärenwald in einem der Vorgehege, um sich langsam an das neue Umfeld gewöhnen zu können und damit Tierpfleger ihre Reaktionen beobachten können. „Die Leute denken immer, alles ist super, wenn Bären aus einem Beton-Gehege ins grüne Gras kommen. Aber so ist es nicht“, sagt Bärenwald-Tierpflegerin Sabine Steinmeier. „Die Bären kennen uns nicht, und wir kennen die Bären nicht. Man muss also erst einmal beobachten und den Kontakt herstellen.“

Nur für kurze Zeit harmonisch: Clara und Balou, als sie vergesellschaftet wurden. . Foto: Bärenwald Müritz

Bei Mary, Clara und Sonja sei besonders ihre zwischen-bärige Beziehung ein großes Problem bei der Eingewöhnung gewesen, sagt Sabine Steinmeier. „Es war ziemlich schlimm. Sie haben sich gekloppt, haben gekämpft. Wir mussten sie anfangs auch trennen.“ Steinmeier schätzt, dass sich die Bären auch im Tiergarten in Mönchengladbach nicht allzu gut verstanden haben. Informationen über das Verhalten hatte es aus Odenkirchen allerdings nicht gegeben. „Die Eingewöhnung hat bei ihnen mehr als ein Jahr gedauert“, erinnert sich die Tierpflegerin. Das sei deutlich länger als bei den meisten anderen Bären.

2014 erleidet die Bären-Familie dann einen Schicksalsschlag. „Sonja ging es nicht gut, sie wurde immer dünner und lief komisch“, sagt Sabine Steinmeier. Die Diagnose der Tierärztin: Ein Lebertumor. „Die Ärztin sagte, dass Sonja vielleicht noch bis Herbst überleben könnte“, sagt Steinmeier. „Das war aber leider nicht der Fall.“ Die Bärendame musste im Sommer 2014 eingeschläfert werden. Nun erinnern ein Grabstein und eine Gedenktafel an Sonja; im Bärenwald gibt es für alle verstorbenen Bären einen solchen Gedenkplatz.

Mary und Clara leben mittlerweile in einem zwei Hektar großen Gehege mit Bären-Kollegin Sindi, die aus dem Schwarzwaldpark Löffingen stammt.

Der Weg in dieses Gehege war für Mary und Clara ein langer. Mehrere Male hatten die Tierpfleger des Bärenwalds versucht, Mary und ihre Tochter mit anderen Bären zu vergesellschaften, beispielsweise mit zwei männlichen Artgenossen.Doch nach mehreren Vorfällen zwischen den Bären entschieden die Tierpfleger im Mai 2018, Mary und Clara ins Gehege der 30-jährigen Bärendame Sindi zu verlegen – zu dominant waren die Bären-Männer.

Auch diese Eingewöhnung war nicht einfach. Zwei Wochen lang hatten die Pflegerinnen die Tiere von morgens bis abends beobachtet, um Vorfällen vorzubeugen. Und auch jetzt gebe es hin und wieder ein paar Streitereien, sagt Steinmeier. Bären seien nun mal von Natur aus Einzelgänger. „Wenn es nach Clara ginge, würde sie ein Gehege alleine haben.“ Zwei Wochen lang hatten Tierpflegerinnen die Tiere von morgens bis abends beobachtet, um sicherzustellen, dass sie sich verstehen.

Sabine Steinmeier ist trotz der kleinen Vorfälle aber sehr zufrieden mit Mary und Clara. „Ich finde, dass sie sich sehr gut gemacht haben“, sagt sie. „Ich glaube, dass sie ein besseres und glücklicheres Leben führen als früher.“

Mit Clara, die im Bärenwald oft als „kleines Blondchen“ bezeichnet wird, weil sie als schreckhaft und sensibel beschrieben wird, habe sie eine Zeit lang sogar trainiert. „Da hat sie mich sehr überrascht, sie hat sehr schnell Fortschritte gemacht und ich habe ein ganz anderes Bild von ihr bekommen“, sagt Steinmeier.

Im Tiergarten Mönchengladbach kommt die Haltung von Bären seit Abgabe der drei Bären nicht mehr in Frage. „Wir hätten gar nicht genug Platz. Es ist auch nicht mehr zeitgemäß“, sagt Katrin Ernst, Geschäftsführerin und Leiterin des Tierparks. „Der Anspruch der Besucher ist auch ein ganz anderer geworden. In den 1970er- und 1980er-Jahren hat man noch das Tier in den Vordergrund gestellt: Die Gehege waren funktional und nüchtern. Heute will man das Tier in einer schönen Umgebung sehen. Es soll emotional sein.“

Sowohl sie als auch ihr Vorgänger Norbert Oellers haben Mary und Clara im Bärenwald bereits persönlich besucht. Und Norbert Oellers könnte sich auch einen zweiten Besuch durchaus vorstellen. „Dort ist es wirklich schön.“