Mönchengladbach: Serie Denkanstoß: Auszeit

Serie Denkanstoß : Auszeit

Vergangene Woche durfte ich in die alljährlichen Exerzitien aufbrechen. Es kann nicht verwundern, dass ich diese Tage gerne in der weiteren Umgebung meiner Studienstadt Innsbruck verbringe. Dabei ist mehr im Spiel als nur nostalgische Gefühle; schenkt jeder Blick auf die Bergwelt doch die Erfahrung, dass in den rasanten Veränderungen unserer Zeit auch das Beständige existiert.

Nun ist es guter Brauch geworden, dass am Schlusstag der Seelen-Auszeit ein Gnadenort in Nord- oder Südtirol aufgesucht wird.

Zugegeben war die Anreise nicht kurz, wir mussten fast das ganze Vinschgau-Tal durchfahren. Doch dann sah man schon in der Entfernung unser Ziel, gleichsam an den Berg geschmiegt erhebt sich leuchtend weiß das mit 1350 Metern in Europa höchstgelegene Benediktinerstift Marienberg. Weit schaut es über das Land, und bereits im Näherkommen wächst das Gefühl von Geborgenheit und Schutz. Der letzte Anstieg muss zu Fuß bewältigt werden; doch wenn man an der Pforte angekommen einen Blick zurückwirft, meint man drunten im Tal das Chaos der Welt hinter sich gelassen zu haben. Und beim Betreten des Klosterhofes beginnen dann die alten Mauern, die Gebete der Jahrhunderte zu atmen.

Abt Markus selbst erwartete uns, um durch das Kloster zu führen. So stark das Gebäude nach außen wirkt, so bescheiden, fokussiert auf das Wesentliche, präsentiert es sich im Inneren. Schon der erste flüchtige Eindruck zeigt, dass an diesem Ort Vergangenes und Heutiges in eine wunderbare Harmonie gebracht worden sind.

Natürlich kamen wir ins Gespräch und stellten viele Fragen, doch gelassen und klar kamen die Antworten des Abtes. Für ihn gehören Ästhetik und Ethik zusammen, und wo beides mit Leben gefüllt wird, da entwickeln sie eine Anziehungskraft, der sich kaum jemand entziehen kann. Mir kam ein tiefgründiges Diktum von Martin Walser in den Sinn: „Mehr als schön ist nichts.“ Es wurde auch von Bauplänen gesprochen, denn um den Fortbestand seines Klosters machte sich der Abt keine Sorgen. Im Gegenteil war er sich sicher, dass selbst in unserer säkularisierten Welt es immer wieder junge Menschen geben wird, die eine Berufung für diese Form der Spiritualität erfahren und so das benediktinische „Bete-und-arbeite“ in die Zukunft tragen werden. Es tut gut, solche hoffnungsstarke Gewissheit zu erleben.

So stiegen wir zuletzt zum ältesten Ort des Klosters hinab, die romanische Krypta wurde um 1150 gebaut, auch die wunderbar erhaltenen Fresken datieren aus dieser Zeit. In der Wölbung der Rundnische über dem Altar thront in einer Mandorla Christus als Pantokrator, als Allherrscher der Welt; in seiner Linken hält er das aufgeschlagene Evangelienbuch, seine Rechte zeigt den Segensgestus. Wir stimmten ein Danklied an, und mir wurde die Krypta zur Zeitkapsel. Wie die Erde gleich einem Raumschiff durch die Eiseskälte des Alls reist nur geschützt durch den Hauch der Atmosphäre, so segeln wir Menschen durch die Zeit, letztlich allein behütet und beschützt durch Gottes Segen. Aber er ist wirkmächtig, und wir können ihm wie die Generationen vor uns vertrauen! Denn allein Gott ist der wahre Herrscher über Zeit und Raum, und genau das dürfen wir am kommenden Sonntag mit dem Schlussfest des Kirchenjahres feiern: Christus-König!

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