Mönchengladbach: Sabine Rütten:„Flächenfraß ist das drängendste Problem der Stadt“

Interview Sabine Rütten : „Flächenfraß ist das drängendste Problem der Stadt“

Die Vorsitzende des BUND Mönchengladbach über ökologische Sünden und Schottergärten, Autofreundlichkeit und die Rote Liste.

Wenn in Mönchengladbach Bäume gefällt werden, regt sich immer Protest. Haben die Mönchengladbacher also ein ausreichend ausgeprägtes Bewusstsein für Naturschutz?

Rütten Ein Großteil der Bürger ist umweltbewusst und die Bereitschaft, sich mit dem Thema Natur- und Umweltschutz auseinanderzusetzen, wächst. Dazu kommt bei Baumfällungen, dass Bäume einen Mythos haben. Sie werden als wertvoll und ästhetisch schön empfunden. Deshalb reagieren Menschen sehr emotional auf das Fällen von Bäumen.

Bringen Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung Ihnen Zulauf? Wie steht der BUND in Mönchengladbach da?

Rütten Der BUND ist einer der größten und ältesten Umweltverbände. In Mönchengladbach haben wir rund 400 Mitglieder. Während die Mitgliedergewinnung in den vergangenen Jahren eher schleppend war, verzeichnen wir im letzten halben Jahr mit 40 neuen Mitgliedern steigende Zahlen. Das ist sicher auf die „Fridays for Future“-Bewegung und die damit einhergehende Sensibilisierung zurückzuführen. In unserer Arbeit setzen wir stark auf Fachkompetenz und Sachlichkeit. Das bringt uns manchmal den Vorwurf ein, zu lieb zu sein. Aber dieser Ansatz ist uns wichtig.

Kommen wir noch einmal auf die Baumfällungen zurück. Die Mitarbeiter der Mags, die dafür zuständig sind, werden häufig scharf angegangen. Gibt es Fälle, wo Sie die Baumfällungen befürworten?

Rütten Natürlich. Man sieht einem Baum nicht immer an, wenn er krank ist. Wir sind neulich auf geplante Fällungen an der Landwehr in Pesch aufmerksam gemacht worden und haben uns dort umgesehen. Ahorn und Buchen dort sind krank und stehen zudem nah an Fußweg und Straße. Da muss man sicher eingreifen. Allerdings gehören solche Bäume auch gar nicht an eine Landwehr. Dafür sind kleinwüchsige Bäume und Sträucher wie Schlehen und Ebereschen geeignet. Es gibt auch noch andere Fälle, wo wir Fällungen befürworten würden. Im Bresgespark zum Beispiel soll die Niers renaturiert werden. Dazu müssten die dortigen Pappeln gefällt werden, damit ein Auenwald nachwachsen kann. Darauf wird aber aus finanziellen Gründen verzichtet.

Wie ausgeprägt ist das ökologische Bewusstsein bei Politikern und Verwaltung in der Stadt?

Rütten Es gibt viele nette Lippenbekenntnisse, die aber unverbindlich bleiben. Wir führen freundliche Gespräche mit den Verantwortlichen, aber sobald wir einen Antrag stellen, wird er abgeschmettert. Wir haben zum Beispiel einen Bürgerantrag zum Bestandsschutz für konventionelle Gärten und zur Förderung der Umwandlung von Schottergärten eingebracht. Der war wasserdicht recherchiert, ist aber von der Verwaltung abgelehnt und vom Rat an den Umweltausschuss verwiesen worden.

Schottergärten sind ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Sind Sie für ein Verbot?

Rütten Früher habe ich Verbote immer abgelehnt, aber inzwischen glaube ich, dass Verbote notwendig sind, wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gibt. Die Schottergärten werden oft auf Empfehlung der Architekten angelegt. Die Eigentümer glauben, sie seien pflegeleicht. Sie sind keine Naturfeinde, sondern sie haben keine Zeit für die Gartenarbeit. Ich glaube, dass man hier mit Öffentlichkeitsarbeit viel erreichen kann, denn Schottergärten sind keineswegs pflegeleicht. Aber auch ein Verbot kann sinnvoll sein, dann empfehlen die Architekten diese Variante gar nicht erst.

Stadtweit werden von der Mags immer mehr Wildblumenwiesen angelegt. Reicht das?

Rütten Staudenflächen und Wildblumenwiesen sind ein begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sind die Flächen oft zu klein, um ökologischen Nutzen zu bringen. Sie werden auch oft zu früh gemäht, so dass Insekten keine Nahrung mehr finden. Richtiger wäre es, später und abschnittsweise zu mähen. Das ist übrigens bei Hecken genauso. Auch hier sind Radikalschnitte zwar am billigsten, aber die Lebewesen haben keinen Ort, wohin sie abwandern können. Ein abschnittsweises Vorgehen wäre sinnvoller. Insgesamt wäre ein Grünordnungsplan, wie ihn etwa Düsseldorf hat, gut. Mönchengladbach hat einen Landschaftsplan, der aber kaum umgesetzt wird, was Bepflanzungen in der freien Landschaft angeht.

Was würde ein Grünordnungsplan bringen?

Rütten Er regelt, an welchen Orten eine naturnahe Entwicklung vorgesehen ist, wo die Erholungsfunktion überwiegt oder wo neue Grünflächen angelegt werden. Außerdem muss er dringend Aussagen dazu machen, mit welchen Pflanzen zukünftig auf den Klimawandel reagiert werden kann.

Stadtplaner plädieren gerne für große freie Plätze wie den Marktplatz in Rheydt. Ist das noch zeitgemäß?

Rütten Freie, begrünte Plätze sind für Klima, Stadtbild und als Veranstaltungsort wichtig, gar keine Frage. Gesunde alte Bäume sollten erhalten bleiben. Da ist das Stadtgrün wichtiger als die Sichtachse. Insgesamt sollten mehr Flächen entsiegelt werden, zum Beispiel, indem man alte Gewerbeflächen zurückbaut.

Stadt und Politik haben sich entschieden, in Mönchengladbach nicht den Klimanotstand auszurufen. Kritiker der Idee sagen, das sei nur Symbolpolitik. Hätte es Ihrer Meinung nach einen konkreten Nutzen gehabt, den Notstand auszurufen?

Rütten Es wäre vom Bewusstsein her sinnvoll gewesen. Dann hätte bei jeder Ratsvorlage die Klimawirksamkeit mitbedacht und auch Planungsalternativen gefunden werden müssen. Warum zum Beispiel sind überall Enzis und Blumentöpfe aus Plastik aufgestellt worden? Es hätte auch nachhaltige Alternativen aus Holz gegeben.

Was war Ihrer Meinung nach die größte ökologische Sünde der Stadt?

Rütten Dass sich Mönchengladbach zur autofreundlichen Stadt erklärt hat. Zu viel Fläche nimmt der motorisierte Individualverkehr ein. So wurde auch lange versäumt, den Rad-, Fuß- und ÖP-Verkehr zu fördern.

Und was ist das drängendste aktuelle Umweltproblem?

Rütten Der Flächenfraß ist das drängendste Umweltproblem in der Stadt. Freiflächen werden nicht erhalten, Ackerflächen zu Gewerbeflächen umgewandelt. Und bei den vorgeschrieben Kompensationsflächen fehlt völlig der Überblick. Wir haben das Kompensationsflächenkataster ewig angemahnt. Nun liegt es vor, ist aber unvollständig und intransparent. Es ist auch völlig unklar, was mit Ausgleichszahlungen passiert ist.

Stadtverwaltung und GroKo haben sich auf die Fahnen geschrieben, dass die Stadt an Einwohnern wachsen soll. Ist das mit Blick auf die Umwelt die richtige Strategie?

Rütten Mehr Einwohner brauchen auch mehr Fläche, aber wenn man nach innen verdichtet, kann es funktionieren. Allerdings braucht man ein Nachhaltigkeitskonzept. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut, die Stellflächenregelung geändert werden. Das Geld, das für den ÖPNV gebraucht wird, muss man sich bei den Autofahrern holen. Wir brauchen einen Wertewandel, der dann auch zu mehr Lebensqualität führt.

Das Artensterben, besonders das Bienensterben, bewegt die Menschen. Wie sieht es in Mönchengladbach aus? Stehen Arten auf der Roten Liste?

Rütten Rote-Liste-Arten sind oft auf großflächige Naturräume und spezielle Standorte angewiesen, die man in einer Großstadt eher selten findet. Aber auch in Mönchengladbach gibt es noch einige Kleinode, auf denen sich beispielsweise Eisvogel, Kammmolch, Kreuzkröte und Königsfarn finden. Viel wichtiger ist aber, dass ehemalige „Allerweltsarten“ wie Feldsperlinge, Rebhühner, Hasen und Lerchen immer mehr zurückgehen, weil ihnen geeigneter Lebensraum fehlt.

Der BUND hat 2018 ein stadtökologisches Konzept zu vielen Themen für Mönchengladbach vorgelegt. Ist davon etwas umgesetzt worden?

Rütten Die Stadt ist Mitglied im Bündnis für ökologische Vielfalt geworden. Aber sonst ist nichts umgesetzt worden. Zum Beispiel könnte die Stadt Gewerbebetriebe verpflichten, Freiflächen naturnah zu gestalten. Das kann man im Bebauungsplan festschreiben.

In welchem Maße müssten wir Politik, Wirtschaften und unsere Lebensweise verändern, um einen globalen ökologischen Ruin zu verhindern?

Rütten Das lässt sich am besten unter der Überschrift Suffizienz fassen. Das bedeutet, sich zu beschränken. Statt zehn T-Shirts für je drei Euro zu kaufen, reichen fünf, die dann aber 30 Euro kosten. Landwirtschaftliche Produkte müssen teurer werden, Fleisch zum Beispiel, auch wenn’s weh tut. Wir müssen handeln, wenn wir wollen, dass unsere Enkel noch vernünftig auf dieser Welt leben können. Und wir werden feststellen, dass die Menschen nicht unglücklicher sind, wenn sie weniger konsumieren.

Eine letzte persönliche Frage: Wie sieht es in Ihrem Garten aus?

Rütten Ich lebe im Haus meiner Großmutter mit viel naturnahem Garten. Da baue ich zwar auch Nutzpflanzen an, aber das meiste fressen die Tiere. Ich mache das, weil es mir Spaß macht, nicht um die Welt zu retten. In diesem Sommer haben wir beschlossen, unter anderem die Rhododendren nicht mehr zu wässern. Wir müssen uns auf die Klimaveränderung einstellen: Pflanzen, die damit nicht klar kommen, werden auf Dauer nicht überleben.

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