Mönchengladbach: Ralf Seidel gibt Vorsitz der Jonas-Gesellschaft ab

Hans-Jonas-Gesellschaft Mönchengladbach : Auf der Seite des „echten Lebens“

Der Arzt und Philosoph Ralf Seidel gibt nach 22 Jahren den Vorsitz der Hans-Jonas-Gesellschaft ab. Den berühmten Gladbacher Philosophen kannte er persönlich. Seidel war als Psychiater ärztlicher Direktor der LVR-Klinik in Rheydt.

Für seinen Beruf als Psychiater hätte er das Fach Philosophie an seinen Studienorten München, Innsbruck und Genf nicht gebraucht. Doch Ralf Seidel weiß, dass die „ethische Selbstvergewisserung“ bei allem Tun für ihn „von existentieller Bedeutung“ war. „Ich hatte mich schon als junger Mann mit der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus beschäftigt“, erzählt Seidel. Im Zuge seiner Studien stieß der gebürtige Dresdner auf einen Aufsatz des jüdischen Philosophen Hans Jonas. „Darin ging es um das Verhältnis von Natur und Ethik“, erinnert sich der 77-jährige Arzt, der seit 1984 in Mönchengladbach lebt. Der von Jonas vertretene Ansatz einer Verantwortungsethik mit Zukunftsperspektive für die Menschheit faszinierte den in München und Regensburg aufgewachsenen Mediziner. Seidel schrieb Jonas einen Brief – Auftakt einer regen Korrespondenz mit dem berühmten Philosophen, der am 10. Mai 1903 in einem Haus an der Mozartstraße in Mönchengladbach geboren war und 1933 nach London, dann nach Palästina emigrierte. Seidel las die Schriften des Philosophen, der bis 1976 als Professor an der New School for Social Research in New York lehrte. Darunter Jonas‘ Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“.

Als Hans Jonas 1987 wieder nach Gladbach kam, traf Seidel mit ihm zusammen. Als Vermittler wirkte Pfarrer Rudi Vitus, der lange vor Jonas‘ Exil mit dessen Familie befreundet war. Jonas erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ralf Seidel war begeistert von der Persönlichkeit. „Er konnte sich wunderbar mit Leuten unterhalten, die gar nicht viel mit Philosophie zu tun hatten“, erinnert er sich. „Er hat damals mit unserem zwölfjährigen Sohn Roman philosophiert. Jonas konnte sein wie ein großer Junge, der sich über alles Mögliche freute.“ Als der Philosoph 1989 erneut Gladbach besuchte, weil ihm die Stadt die Ehrenbürgerwürde verleihen wollte, kam es zu weiteren Begegnungen.

„Bei Hans Jonas ist das Leben wirklich lebendig“, beschreibt Seidel den Kern der Verantwortungsethik des jüdischen Philosophen. Diese unterscheide sich „sehr angenehm von der kühlen analytischen Richtung im Gefolge Wittgensteins“, ergänzt er. Jonas hatte in seinem zentralen Postulat, das vom kategorischen Imperativ Kants abgeleitet ist, von „der Permanenz echten menschlichen Lebens“ geschrieben. „Seine Haltung zur Freiheit hat mich berührt. Jonas hat mir damit für meine Arbeit in der Rheinischen Klinik, wo den Patienten notwendigerweise Freiheitsrechte eingeschränkt werden mussten, eine ethische Leitlinie gegeben.“

In der Folge reifte in ihm die Idee, eine Gesellschaft zu gründen, die sich um das Andenken des Verantwortungsethikers kümmern sollte. Als wichtigste Quelle der Inspiration nennt Ralf Seidel die Witwe Lore Jonas, mit der ihn bis zu deren Tod im Jahr 2012 eine Freundschaft verband. Anlässlich des bevorstehenden 90. Geburtstages von Hans Jonas wurde Anfang Mai 1993 in Hofgeismar eine Tagung zum Wirken des bekannten Philosophen veranstaltet. Nur wenige Wochen zuvor war Hans Jonas in New Rochelle verstorben.

Drei Jahre später, am 17. Juni 1996, schlug die Geburtsstunde der Hans-Jonas-Gesellschaft. „Wir haben die Gesellschaft bewusst in Jonas‘ Heimatstadt verankert“, sagt Seidel. Prominentester Mitgründer war der deutsche Philosoph Vittorio Hösle. Den Vorsitz übernahm Ralf Seidel, seine Stellvertreterin wurde die Buchhändlerin Helga Hollmann. Heute zählt die Gesellschaft rund 40 Mitglieder. In den zurückliegenden 22 Jahren veranstaltete die Gesellschaft drei Symposien, die sich der Philosophie von Jonas widmeten.

Prominenteste Autoren bei der ersten Tagung, 2003 im Museum Abteiberg und im Humanistischen Gymnasium ausgerichtet, waren der Mainzer Bischof Lehmann und der Amerikaner Eric Cassell, Mitglied der Bioethik-Kommission unter Präsident Clinton. Kardinal Lehmann hielt die Festrede bei der Feier zum 100. Geburtstag von Jonas. Ein weiteres Symposium folgte im Dezember 2014 im Haus Erholung, das dritte im Januar 2018. „Diese Tagung haben wir mit der Hochschule Niederrhein gemacht“, berichtet Seidel. Sein Stellvertreter, der Professor für Ethik, Sozialphilosophie und Kulturtheorie an der Hochschule, Andris Breitling, hatte bislang Ralf Seidel im Vorsitz der Hans-Jonas-Gesellschaft vertreten.

Nach nunmehr 22 Jahren hat Ralf Seidel den Vorsitz an Breitling abgegeben. Künftig wird Ralf Seidel also mehr Zeit für seine Hobbys wie Reisen, Lesen, Schreiben haben, denen er sich gerne widmet.

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