1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Mönchengladbach: Polizeipräsident Mathis Wiesselmann berichtet von weniger Einbrüchen

Interview mit Polizeipräsident Mathis Wiesselmann : Deutlich weniger Einbrüche in Corona-Zeiten

Der Polizeipräsident Mathis Wiesselmann erklärt, was Vermummung von Mundschutzmasken unterscheidet und berichtet von unappetitlichen Einsatzlagen. Zudem hat sich das Verhalten von Verkehrssündern signifikant verändert.

Corona hat auch die Polizeiarbeit verändert. Gibt es bei Ihnen eigentlich auch Beamte im Homeoffice?

Wiesselmann Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir Arbeitsplätze nach Hause verlagert. Das betrifft etwa 20 bis 25 Kollegen aus Verwaltung und Kommissariaten. Aber wir können das natürlich nur sehr begrenzt einsetzen. Streifendienst kann nicht in Heimarbeit erledigt werden.

Gab oder gibt es in Ihrem Präsidium schon einen Infizierten oder Verdachtsfälle?

Wiesselmann Zu Infektionsfällen  gibt die Polizei landesweit keine Auskunft, aber Verdachtsfälle sind hier ausgeräumt worden. Die Lage ist sehr erfreulich.

Was würde passieren, wenn eine ganze Abteilung in Quarantäne müsste?

Wiesselmann Wir haben zu Beginn der Corona-Krise sehr schnell reagiert und die Dienstpläne umgestellt. Ziel war es, den Kontakt zwischen den Kollegen möglichst zu reduzieren. Im Streifendienst haben wir vier Dienstgruppen gebildet, die im Wechsel  in Zwölf-Stunden-Schichten im Einsatz sind. Es arbeiten nach Möglichkeit nur dieselben Kollegen miteinander. Selbst im Streifenwagen soll das Zweierteam nicht verändert werden, so dass wir im Verdachtsfall nur wenige Ausfälle hätten. In den Dienststellen haben wir die Arbeitszeiten erweitert: Es kann von 6 bis 14 Uhr und von 14 bis 22 Uhr gearbeitet werden, so gewährleisten wir  Einzelbüros. All diese Maßnahmen sind kein Spaß, aber sie werden von den Kollegen sehr loyal mitgetragen. Darauf bin ich sehr stolz.

Es liegt im Wesen der Polizeiarbeit, dass die Distanz nicht immer gewahrt bleiben kann. Wie können sich die Beamten schützen?

Wiesselmann Alle Fahrzeuge sind mit hochwertigen Masken, Handschuhen und Schutzkleidung ausgestattet, aber in einem eskalierenden Einsatz ist natürlich nicht immer alles griffbereit. Ja, es gibt eine Gefahr für die Kollegen. Es kommt auch  vor, dass jemand die Beamten anspuckt oder anhustet und behauptet, Corona zu haben. Diejenigen, die das tun, werden im Einzelfall in Gewahrsam genommen und der Sache wird nachgegangen, aber bisher war es stets ein Fehlalarm.

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen hat auch die Polizei den Publikumsverkehr im Polizeipräsidium und in den Wachen eingeschränkt. Klappt das?

Wiesselmann Ja, die Menschen halten sich klaglos an die Vorgaben. Es gibt wenige, die vor der Tür stehen. Die Hotline wird sehr gut angenommen, sie gibt auch Hilfestellung bei Online-Anzeigen. Wir hatten jetzt die Online-Anzeige eines 83-jährigen, die dieser mit telefonischer Unterstützung problemlos geschrieben hat. Als Behördenleiter tut es mir allerdings in der Seele weh, dass wir uns so verbarrikadieren müssen. Aber es ist notwendig.

Wie funktioniert das bei Vernehmungen?

Wiesselmann Zeugen und Beschuldigte werden schriftlich vernommen oder auch telefonisch. Bei schweren Straftaten gelten die üblichen Spielregeln: Sie werden vor Ort, aber mit Abstand vernommen. Bei Corona-Verdacht könnte man sie auch hinter einer Glasscheibe vernehmen. Das müsste man situativ lösen, es ist aber noch nicht aufgetreten.

Wir haben gehört, dass die Polizei zurzeit jede Menge Anrufe bekommt. Stimmt das?

Wiesselmann Über die Anrufe über die Amtsnummer oder die Einsatzleitstelle liegen keine Statistiken vor, aber die Anrufe, die zu Anzeigen führen, sind nicht dramatisch angestiegen. Sie bewegen sich zwischen 12 und 43 am Tag.

Hat Corona das Kriminalitätsgeschehen verändert? Hat die Polizei mehr Einsätze?

Wiesselmann  Wir haben weniger Einsätze. Die Zahl ist um 15 bis 20 Prozent zurückgegangen. Es gibt schlicht weniger Anlässe für Einsätze. Das korrespondiert mit der Entwicklung bei den Straftaten. Wir hatten im April 46 Prozent weniger Anzeigen.

Wie sieht es beim Thema häusliche Gewalt aus?

Wiesselmann Da hatten wir befürchtet, dass es zu einem Anstieg kommt, aber den sehen wir nicht. Wir haben in diesem Monat 29 Fälle von häuslicher Gewalt verzeichnet, im Vergleichsmonat des vergangenen Jahr waren es 32 Fälle. Das ist schwer erklärbar, möglicherweise gibt es eine hohe Dunkelziffer.

Beschäftigen Sie Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung?

Wiesselmann Im Allgemeinen ist die Stadt für diese Verstöße zuständig, denn meist werden Bußgelder fällig. Wir werden manchmal von Bürgern, manchmal von der Stadt im Zuge der Amtshilfe gerufen. Es gab 22 Einsätze mit Pandemiebezug im April.

Gibt es weniger Wohnungseinbrüche, weil die Menschen zu Hause bleiben, dafür mehr Geschäftseinbrüche, weil die im Moment verwaist sind?

Wiesselmann Insgesamt sind Einbrüche im April um 30 Prozent zurückgegangen. Auch in jetzt leer stehende Gebäude wie Schulen oder Gaststätten wird nicht vermehrt eingebrochen. Sagen wir mal so: Viel Beute machen Einbrecher im Moment nicht.

Wie sieht es in der Drogenszene aus? Im besten Fall fehlt es den Dealern ja an Nachschub.

Wiesselmann Nein, dieser Markt funktioniert auch zu Corona-Zeiten. Wir haben den Hauptbahnhof immer im Blick. Wir sind auch Teil der Sicherheitskooperation Vitus und gehen gemeinsam mit der Bundespolizei  und dem Kommunalen Ordnungsdienst Streife. Das tun wir selbstverständlich auch weiterhin. Dabei ahnden wir gegebenenfalls auch Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung, die in diesem Milieu häufiger vorkommen und leider auch zu unappetitlichen Einsatzlagen führen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Ordnungsdienst?

Wiesselmann Großartig. Wir arbeiten in Strukturen, die kurze Wege gewährleisten. Das läuft super.

Momentan gibt es keine Demonstrationen. Wenn sie aber wieder genehmigt werden, gelten Mund- und Nasenschutz dann als Vermummung?

Wiesselmann Es gibt dazu eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Wuppertal: Mund- und Nasenschutz aus Gesundheitsgründen bei einer Demonstration gelten nicht als Vermummung. Sobald aber eine Sonnenbrille oder eine Kopfbedeckung hinzukommen, ist es eine Vermummung. Das gilt im Übrigen auch für das Autofahren. Man kann einen Mundschutz tragen, aber der Kopf muss erkennbar sein.

Hat sich eigentlich das Verhalten von Verkehrssündern in der Corona-Krise geändert?

Wiesselmann Ja, es gibt einen signifikanten Rückgang an Verkehrsunfällen. Zwischen dem 15. und dem 31. März sank die Zahl um 44 Prozent. Das liegt sicher am geringeren Verkehrsaufkommen und auch an der zeitlichen Entzerrung. Für die Unfallstatistiken haben wir gerade großartige Zeiten.

Was halten Sie von der neuen Straßenverkehrsordnung? Vernünftig?

Wiesselmann Das beantworte ich am besten als Bürger, als der ich sowohl Fußgänger als auch Radfahrer und Autofahrer bin. Als Fußgänger bin ich zufrieden, weil die lästigen Radfahrer von den Gehwegen verschwinden. Als Radfahrer bin ich zufrieden, weil die Autofahrer jetzt 1,5 Meter Abstand beim Überholen halten müssen. Und als verständiger Autofahrer begreife ich, dass das Auto nicht das einzige Verkehrsmittel auf den Straßen ist.

Wird die Polizei erst einmal Rücksicht walten lassen?

Wiesselmann Es gibt keine Karenzzeit. Ich kann nur jedem Verkehrsteilnehmer raten, sich nach den Regeln zu richten. Geschwindigkeitsüberschreitungen beispielsweise werden schneller teuer: Wer mit 51 km/h durch eine Tempo-30-Zone fährt, ist jetzt seinen Führerschein los.

Was ist eigentlich aus der Bande Jugendlicher geworden, die den Bereich rund um den Marienplatz terrorisiert hat?

Wiesselmann Die Kollegen sind mit mehr Kompetenzen ausgestattet worden und  haben zahlreiche Kontrollen durchgeführt. Die Szene hat schnell erkannt, dass der Druck zunahm. Die Fallzahlen in der gesamten Rheydter Innenstadt sind signifikant zurückgegangen – von 27 in der letzten Januarwoche auf jetzt 4 bis 11 pro Woche. Zum Teil wirkt da auch ein Corona-Effekt. Wir bleiben auf jeden Fall dran.