Mönchengladbach: Pilates Heritage Congress 2019 in Pilates Geburtsstadt

Kongress in Mönchengladbach : Pilates-Jünger üben in der Heimat des Meisters

250 Männer und Frauen aus 40 Nationen praktizieren bei einem Kongress in der Geburtsstadt von Joseph Pilates dessen Methode.

Der Mann aus Amerika lässt es entspannt angehen. Zwar spricht Brett Howard durchaus etwas Deutsch. Aber mit den 90 Siebtklässlern, die in der Aula des Stiftisch-Humanistischen Gymnasiums auf blauen Gummimatten vor ihm hocken, wird er sich schnell einig: Er darf Englisch sprechen. Das ist nun mal die Muttersprache des US-Amerikaners, den ein Kongress von fast 250 Pilates-Praktizierenden und Trainern in die Geburtsstadt von Joseph Pilates gebracht hat. Während Kollegen nebenan im Haus Erholung bei Trainingseinheiten schwitzen, bringt Howard an diesem Freitagmorgen den Gymnasiasten die Methoden des Meisters aus Mönchengladbach näher. Erste Übung: Rhythmisch in die Hände klatschen: Clap, clap, clapapap... Klappt prima – aber klingt so Pilates?

Wohl kaum. Doch das gemeinsame Klatschen macht Laune und ist anscheinend eine gute Methode, die 90 Schüler wieder einzufangen, wenn über den Spaß an der Bewegung die Konzentration zu entgleiten droht. Zweite Übung: Linkes Bein anheben, rechtes Bein anheben, linkes Bein. . . „Wir wollen erst einmal für Wohlbefinden sorgen und ein bisschen Balance trainieren“, hat Howard vor dem Start erklärt. Dann wolle er nach und nach tiefer in Pilates-Übungen einsteigen. Howard und sein Kollege Tetsuo turnen vor, die 90 Siebtklässler machen’s nach. Was anfangs nicht ohne Kichern abgeht, als sie sich auf alle Viere niederknien sollen. Doch dann heißt es: Rechten Arm strecken, rechtes Bein strecken, linken Arm strecken. . . Brett macht’s vor, die Schüler machen’s nach. Jetzt kichert niemand mehr.

Pilates in der Schule? „Wir haben sofort zugeschlagen, als die Anfrage kam. Das ist doch ein gutes zusätzliches Angebot für unsere Schüler“, sagt Thomas Hollkott. Der Huma-Rektor schaut einige Minuten in der Turnhalle zu, wie die Siebtklässler immer tiefer ins Pilates-Programm einsteigen. Ob die Sportlehrer diese Trainings-Methode in den Unterricht aufnehmen, sollten die Fachkollegen entscheiden, findet Hollkott.

So oder so: Sportunterricht besteht schon lange nicht mehr aus Ballsportarten und Reckturnen. „In der Unterstufe machen wir Übungen zur Körperwahrnehmung mit turnerischen Elementen, in der Oberstufe kann man auch Yoga-Übungen machen“, sagt Sportlehrerin Isabell Olles. Warum also nicht auch Pilates? Mara (12), Vanessa (13) und Emily (12) zumindest finden es gut: ein bisschen anstrengend, aber zugleich auch entspannend.

Ortswechsel: Im Kaisersaal von Haus Erholung liegen auf Matten Dutzende Pilates-Trainer Lolita San Miguel zu Füßen und üben. Die 83-Jährige gibt vom Kopfende des Saales Instruktionen. Dazu ist sie wohl berufen wie kaum jemand, hat sie doch die Methode ab 1965 beim Meister höchstselbst in dessen Studio in New York studiert. Sie und ihre Bekannte Kathy Grant sind die einzigen, die der 1967 verstorbene Joseph Pilates jemals zertifiziert hat. Kennengelernt hatte die Tänzerin des Metropolitan Opera Balletts die Methode schon Jahre zuvor, nachdem sie sich beim Tanztraining am Knie verletzt hatte und ein Arzt ihr zwecks Muskelkräftigung dazu geraten hatte.

„Pilates wohnte gleich neben seinem Studio. Das Apartment war sehr klein und bescheiden“, erzählt San Miguel. Dass er ausgerechnet zwei Frauen zertifizierte, ist erstaunlich. Denn Pilates, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Boxschule eröffnete, sei ein Macho gewesen, sagt Lolita San Miguel. „Er war eigentlich der Meinung, dass Männer seine Methode unterrichten sollten.“

Lolita San Miguel unterrichtete die Trainer. Foto: Holger Hintzen

Der Macho sei Zigarren und anderen Genüssen nicht abgeneigt gewesen. Gegen Ende seines Lebens sei er aber auch mitunter deprimiert und im Training sehr schweigsam gewesen, berichtet seine Schülerin. „Er hatte das Gefühl, nicht das erreicht zu haben, was er sich erhofft hatte“, sagt sie. Der Mann von der Waldhausener Straße, der sich auch mit Yoga und Zen-Meditation beschäftigte, hatte wohl davon geträumt, die Welt werde eine bessere, würden alle Menschen seine Methode praktizieren.

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