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Mönchengladbach: Pfarrer Olaf Nöller über das Ende des Zweiten Weltkrieges

Kolumne Denkanstoß : Aus „Nie wieder!“ darf nicht „Schon wieder!“ werden

Vor 75 Jahren: Als in unserer Stadt der Krieg zu Ende ging.

Der 1. März 1945 war ein Donnerstag. Seit Wochen lebte Großmutter mit ihren beiden Mädchen im Luftschutzbunker an der Hüttenstraße in Bonnenbroich. Auch anderen erging es so: Sie hockten in den „Zellen“ und erwarteten „das Ende“– vor allem der zuletzt fast pausenlosen Luftangriffe, die die Nerven der Menschen zerrüttet hatten. Selbst die Wertsachen, die man anfangs bei Luftalarm sorgsam mit zum Bunker genommen hatte, verloren an Bedeutung. Es ging nur noch ums  nackte Überleben.

Der Ortsgruppenleiter der NSDAP hatte Druck ausgeübt: „Frau Kamphausen, das ist unverantwortlich! Sie müssen mit ihren Kindern auf die andere Rheinseite! Heute Nacht werden die Brücken gesprengt!“ Trotzig hatte sie ihm entgegnet: „Ich habe hier so viel durchgemacht, den Rest stehe ich auch noch durch!“ Alles Vertrauen in die Partei, die ein solches Inferno entfacht hatte, war dahin. So traf Großmutter die richtige Entscheidung. Sie widersetzte sich der Evakuierung und blieb im fast menschenleeren Rheydt.

Gegen Mittag war das Donnern der Geschütze verstummt, und es herrschte auch kein Luftalarm. Großmutter wollte das nutzen, um Einmachgläser aus dem Keller zu holen. Sie wusste nicht, dass die US-Granaten, die am frühen Morgen in Rheindahlen abgeschossen wurden und an der Hauptkirche noch eine Turmspitze weggesprengt hatten, die letzten Kampfhandlungen gewesen waren. Auch Bomben, die kurz zuvor noch Tod und Zerstörung über Wickrath und Rheindahlen gebracht hatten, fielen jetzt nicht mehr. Was sie auch nicht ahnte, dass Soldaten der 9. US-Armee gegen 10.30 Uhr den Marienplatz besetzt hatten.

So machte sie sich vorsichtig auf den Weg. Als sie aus der – mit Trümmerbergen flankierten – Hüttenstraße heraustrat, um die Dohler Straße zu überqueren, erstarrte sie vor Schreck! Von Geneicken herkommend rollten – in drei Reihen aufgeteilt – US-Panzer auf sie zu. Verängstigt lief sie in Richtung Haustüre, um gerade dort angekommen mit den ersten US-Soldaten zusammenzutreffen. Mit dem Gewehr signalisierte ihr ein „GI“, sie solle ins Haus gehen.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie zurück gehen konnte. Alle schauten ungläubig, als sie hörten: „Die Amerikaner sind da!“ Nun war der Krieg aus, und die Bomberflotten warfen ihre tödlichen Lasten weiter östlich ab. Wie es jetzt unter der Besatzung weitergehen sollte, das wusste niemand. Nachts schlief sie mit den Kindern bei ihren Eltern. Eines Morgens war der Weinkeller geplündert und das Radio gestohlen. Aber das bedeutete ihr wenig. Der Kampf um‘s tägliche Brot war wichtiger.

Wenig später erschrak Großmutter noch einmal: Die Kinder spielten auf dem Hof, als sie vom Fenster aus beobachtete, dass zwei US-Soldaten den Kindern neugierig zuschauten. Einer war „pechschwarz“, und meine Großmutter hatte bis dahin noch nie so eine Hautfarbe gesehen. Panisch malte sie sich aus, was passieren könnte. Die NS-Propaganda hatte vor den „Negerhorden“ gewarnt, und auch der Ortsgruppenleiter hatte sie ermahnt. Doch plötzlich zog der Mann Orangen aus der Tasche, lachte und drückte sie den Kleinen in die Hand. Ein Mensch und Kinderfreund.

Großmutter erzählte mir auch, dass ihr Bruder Willi kurz vor dem 1. März die Hitlerbilder wie auch die NS-Parteiuniform meines Großvaters im Garten verbrannt hatte. Aufgrund eines körperlichen Handicaps war er nicht Soldat geworden. Während die Flammen züngelten schimpfte er auf die „verdammten Nazis“ und machte meinem Urgroßvater, der als enttäuschter Monarchist in die NSDAP eingetreten war, Vorwürfe. Großmutter und er lehnten die Nazis ab. Wichtigster Grund war, dass Willis Zwillingsbruder Hans Jendges 1944 in Russland fiel, was er nie ganz verwandt.

So ging für meine Rheydter Familie der Zweite Weltkrieg zu Ende. Solche Augenzeugenberichte – auch meines Vaters, der als 13-Jähriger den Zusammenbruch der NS-Herrschaft in Dithmarschen erlebte – haben schon früh mein Interesse für Geschichte und Politik geweckt. Wie wichtig Erzählen ist, erkenne ich heute. Diese schreckliche Vergangenheit ist – wie auch die rassistischen Terrortaten von Halle und Hanau zeigen – nicht vergangen. Wenn wir nicht auf der Hut sind, wird aus dem „Nie wieder!“ ein „Schon wieder!“

Olaf Nöller ist evangelischer Pfarrer in Rheydt.