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Mönchengladbach: Pfarrer Manfred Deselaers über Perspektiven nach Auschwitz

Vortrag in der Citykirche Mönchengladbach : Perspektiven nach Auschwitz

Pfarrer Manfred Deselaers sprach in der Citykirche über Begegnungen mit Überlebenden. Der frühere Gladbacher Kaplan ist seit 30 Jahren als Auslandsseelsorger in Auschwitz tätig.

Pfarrer Manfred Deselaers war Kaplan in Mönchengladbach. Und er ist Gründungsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Auf deren Einladung hin kam er am Freitagabend zu seiner früheren Wirkungsstätte. Im Rahmen einer Präsenzveranstaltung sprach der 66-Jährige, der seit 30 Jahren als Auslandsseelsorger im katholischen Zentrum für Dialog und Gebet in Oswiecim (Auschwitz) wirkt, zum Thema „Perspektiven einer Theologie nach Auschwitz“.

Wer weiß, in welcher Stadt, in welcher Pfarre Manfred Deselaers heute aktiv wäre, wenn da nicht Auschwitz gewesen wäre: Das Lager, in dem von den Nazis mehr als eine Million Menschen vernichtet worden waren, sollte ihn nach seinem ersten Besuch nie mehr loslassen. Aus einem Beruf wurde eine Berufung.

Er verzichtete bei seinem Besuch in der Citykirche jetzt darauf, Bilder mit Bergen von Leichen zu zeigen, sondern wirkte auf die rund 60 Besucher subtiler ein: Da war zum Beispiel ein Maulwurfshügel zu sehen – wenn diese kleinen Tiere sich auf einer Rasenfläche auf dem Gelände des Vernichtungslagers durchwühlen, kommt schon mal ein Knochen mit ans Tageslicht – ein Knochen von einem Menschen, der hier ermordet worden war. Deselaers hat ein Buch geschrieben über Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz. Die Begegnung mit den Opfern habe ihn erschüttert. Der Referent legte dar, wie die Nazi-Größen tickten. „Heinrich Himmler habe in gewisser Weise an Gott geglaubt, an die Vorsehung, die Hitler geschickt habe. Himmler glaubte aber vor allem an die Ordnung innerhalb der Natur, eine natürliche Hierarchie, in der das Nordisch-Germanische anderen Völkern überlegen war. Und die Juden waren nur Ungeziefer.“

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Manfred Deselaers erklärte, dass die Auseinandersetzung mit Auschwitz mit Sprachlosigkeit beginnt. Viele Überlebende der Menschenvernichtungsfabrik haben über das Erlebte gesprochen, manche auch geschrieben. Deselaers hat gelesen, was sie geschrieben haben und ihnen zugehört. Er weiß deshalb, dass Gott ihnen geholfen hat, die schreckliche Zeit zu überleben. Anderen wiederum war der Glaube abhanden gekommen. „Ich habe in dem Lager keinen barmherzigen Gott gesehen“, sagte ein Überlebender. Ein anderer lässt Gott bewusst außen vor: „Menschen sollten uns retten, Menschen hatten uns das ja eingebrockt.“

Die Überlebende Halina Birenbaum schrieb den Klassiker der Überlebendenliteratur „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Ihr Credo nach dem Krieg: „Nach dem, was ich gesehen habe, darf ich nicht mehr an Gott glauben. Aber ich glaube an die Liebe.“ Ein Zuhörer, der in Auschwitz als Besucher war, erklärte am Freitag: „Es ist wichtig, vor Ort die Erde zu sich sprechen zu lassen, das ist sehr bereichernd für unser Leben.“