Mönchengladbach: Pfarrer Klaus Hurtz mahnt nach der Bluttat von Halle zum Zuhören und Zusehen

Kolumne Denkanstoß : Erinnern für die Zukunft

Saisonbeginn: Ich erinnere mich noch genau an die Lektüre dieser Kurzgeschichte von Elisabeth Langgässer. In der Schule haben wir sie gelesen, und seitdem konnte ich sie nicht mehr vergessen. Die Handlung spielt in der Zeit des Nationalsozialismus und erzählt von Arbeitern, die an einem Ortseingang einen Platz für ein Schild suchen, um es nach mancherlei Überlegungen und Verschiebungen neben einem Wegekreuz aufzurichten.

Diese Erzählung hat mir für einen grundlegenden Zusammenhang die Augen geöffnet: Wo Menschen von Menschen ausgegrenzt werden, da wird Gott aus der Gemeinschaft ausgeschlossen! Denn die Aufschrift auf dem Schild neben dem Kreuz lautet: „In diesem Kurort sind Juden unerwünscht“.

In welche Abgründe des Bösen der Mensch stürzen kann, wenn er sich aufschwingt, diesen nun verwaisten Platz Gottes selber zu besetzen und sich zum Herren der Welt macht, das lernte ich vor allem im Geschichtsunterricht. Die Verführungskraft der Hybris ist gewaltig: Wo immer der Mensch wähnt, Herr über Leben und Tod zu sein, da regieren die Dämonen, da geschieht so Schreckliches, dass die Sprache keine Worte mehr dafür besitzt. Im Laufe meines Lebens habe ich noch manches über die Ursachen des Antisemitismus erfahren, dabei hat sich meine Überzeugung immer mehr verfestigt, dass es unerlässlich ist, den Anfängen zu wehren. Die Schüsse von Halle haben bestürzender Weise nicht nur zwei Menschen das Leben gekostet, sondern uns allen gezeigt, dass die Anfänge schon weit überschritten sind.

Es ist doch eigentlich nicht vorstellbar, dass Leib und Leben betender Menschen nur hinter verriegelten Türen sicher ist. Es ist doch eigentlich nicht vorstellbar, dass ein junger Mann meint, über Leben und Tod richten zu können. Die Wirklichkeit hat unsere Vorstellungen überholt, wir leben in einem Land, in dem das Unvorstellbare wieder möglich ist. Und das muss einen jeden von uns bis ins Tiefste erschüttern, denn nur in einem gemeinsamen Kraftakt lässt sich das Steuer herumreißen, nur gemeinsam können wir Wege aus dem Sumpf des Bösen finden. Und es bleibt meine feste Überzeugung, dass es mit dem Erinnern beginnt.

Der 81. Jahrestag der Reichspogromnacht (9.Nov.) ist nicht mehr fern. Zeigen wir unseren Zusammenhalt und unsere Solidarität, indem wir zu der Gedenkfeier (18 Uhr) an der Blücherstraße kommen, horchen wir bewusst auf das gleichzeitige Glockenläuten (21.50 Uhr) aller Kirchengemeinden unserer Stadt. So können wir uns gemeinsam daran erinnern, in welche Unmenschlichkeit das Wegschauen und Weghören in der Vergangenheit geführt haben, damit wir heute im Hinschauen und Hinhören die Weichen für eine andere Richtung in die Zukunft stellen.

Klaus Hurtz, Pfarrer von St. Marien, Rheydt, und vom Trostraum St. Josef Grabeskirche.