Mönchengladbach: „Passen sie auf, das könnte ihnen ja auch passieren!“

Kolumne Denkanstoß : „Passen Sie auf, das könnte Ihnen ja auch passieren!“

Der evangelische Pfarrer Olaf Nöller erinnert an das Pogrom am 9. November in Rheydt. Völkisches Denken mache vor keiner Religion halt.

Zwei Männer begegnen sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im Feuerschein der brennenden Rheydter Synagoge – zwei Männer und zwei Welten! Zum einen der jüdische Lehrer, Kantor und Prediger Max Heymann – zum anderen der evangelische Pfarrer Ludwig Ditthard. Sie respektieren einander als Kollegen. Sie sprechen unterschiedliche Glaubensbekenntnisse zum einen Gott Israels, lesen aber beide die hebräische Bibel. Und noch etwas verbindet sie trotz des Altersabstandes: beide waren Soldaten. Heymann bekam im Ersten Weltkrieg das „Eiserne Kreuz 1. Klasse“; Ditthard wurde nach dem Abitur eingezogen. Beide sind deutsche Patrioten. Beide sorgen sich, wohin die NS-Herrschaft noch führen wird…

Dass Pastor Ditthard sein Zusammentreffen mit Kantor Heymann noch Jahrzehnte später Dr. Günter Erckens anvertraute, damit dieser sie in seinen Büchern zur Geschichte der Juden in Mönchengladbach verewigen konnte, belegt wie erschütternd jene Erfahrung für ihn gewesen sein muss. Der verzweifelte Mann rief ihm angesichts des lichterloh brennenden jüdischen Gotteshauses zu: „Womit haben wir das verdient? Da habe ich für dieses Deutschland im Weltkrieg das Eiserne Kreuz verdient. Und nun das!“ Und dann fügte er noch eine prophetische Warnung an: „Passen sie auf, das könnte ihnen ja auch passieren! Was würden Sie dann tun?“

Max Heymann war Lehrer, Kantor und Prediger der jüdischen Gemeinde in Rheydt in Mönchengladbach. Er wurde 1942 ermordet. Foto: Olaf Nöller

Auch dadurch ging dem christlich-konservativ eingestellten Ludwig Ditthard in schockierender Weise auf, wozu die NS-Diktatur mit ihrer völkisch-rassistisch-neuheidnischen Ideologie fähig war. Als fünf Jahre später auch die Evangelische Hauptkirche nach einem Luftangriff brannte, war längst am Tage, dass der NS-Staat nach der Vernichtung des Judentums auch gegen das Christentum zu Felde ziehen wollte. Und doch, trotz seines Mitgefühls für den Gequälten, auch in der Reichspogromnacht tat sich eine tiefe Kluft zwischen dem evangelischen Geistlichen und dem Repräsentanten des Judentums auf; eine Kluft, der ein theologisches Denkmodell zugrunde lag, das tödliche Auswirkungen für die jüdischen Glaubensgeschwister haben musste!

Nach der damals in beiden Konfessionen vorherrschender Lehre war das Judentum als Ganzes nicht mehr das vor allen Völkern von Gott erwählte „Volk des Bundes“. Die göttliche Erwählung war angeblich auf die Kirche übergangen. Am jahrhundertelangen Leidensweg des jüdischen Volkes konnte man demzufolge auch den „Zorn Gottes“ ablesen, der sich in den andauernden Bedrückungen äußerte, die Ditthard und vielen anderen zwar persönlich leid taten, die aber in ihren Augen folgerichtig damit zusammen hingen, dass Israel, Jesus von Nazareth als seinen Messias abgelehnt und gekreuzigt hatte. Dieses zutiefst gefährliche und falsche Denken existiert zum Teil bis heute – unter Verkennung biblischer Einsichten (siehe Römer 9-11).

Ich selber erkannte das während meines Studiums. Gott sei Dank gab es für meine Generation Dozenten, die eine „Theologie nach dem Holocaust“ vertraten. Die 1980 in der Evangelische Kirche im Rheinland per Synodalbeschluss eingeleitete „Erneuerung des Verhältnisse zum Judentum“, gehört heute zur „DNA“ unserer Kirche. Und auch in der katholischen Theologie ist die Kritik und Überwindung des jahrhundertealten Antijudaismus Prüfstein für die Auslegung der Heiligen Schrift. Christen aller Konfessionen schämen sich heute für das tödliche Schweigen ihrer Kirchen in der NS-Zeit und noch mehr dafür, dass auch „Kirchenführer“ damals „mit den Wölfen“ heulten. Auch darum werden wir morgen Nacht in unserer Stadt die Glocken läuten.

„Womit haben wir das verdient?“, die Frage des – vier Jahre später ermordeten – Max Heymann richten Juden auch heute an uns, wenn sie von Antisemiten unterschiedlichster Couleur beleidigt und misshandelt werden und – wie kürzlich in Halle – sogar an Leib und Leben bedroht sind! Alle zivilisierten Menschen müssen darauf antworten und auch ihre politischen Konsequenzen ziehen. Ansonsten holt uns die zweite Frage Heymanns wieder ein: „Passen sie auf, das könnte ihnen ja auch passieren! Was würden Sie dann tun?“ Es ist unbestreitbar, dass der völkische Rassismus wieder um sich greift und sich in den Köpfen einnistet. Er bedroht uns alle, denn der Mensch ist und bleibt dem Mensch ein Wolf.

Mehr von RP ONLINE