Anmeldungen in Mönchengladbach Warum ein muslimisches Mädchen an der Wunschschule abgewiesen wurde

Mönchengladbach · Die katholische Brückenschule Bettrath-Hoven-Damm hat so viele Anmeldungen, dass sie reihenweise Absagen erteilen muss. Ein muslimisches Kind blieb außen vor. Die Familie hat dafür kein Verständnis: „Wir leben doch in einer Multi-Kulti-Welt.“

 An der katholischen Brückenschule  Bettrath-Hoven-Damm gibt es einen Überhang bei den Anmeldungen für die erste Klasse.

An der katholischen Brückenschule  Bettrath-Hoven-Damm gibt es einen Überhang bei den Anmeldungen für die erste Klasse.

Foto: Rick, Markus (rick)/Markus Rick (rick)

Aleyna K.* (alle Namen geändert), fünf Jahre, ist traurig. Eigentlich wollte sie nach den Sommerferien die katholische Grundschule in Damm besuchen. Da hat sie sich drauf gefreut. Denn dort hätte sie mit dem Nachbarjungen, ihrem besten Freund, nach ein paar Übungsgängen von zu Hause aus alleine hingehen können. Außerdem kennt Aleyna viele Kinder im Ort. Schließlich ist sie dort aufgewachsen.

 Aber die Katholische Brückenschule Bettrath-Hoven mit Dependance in Damm hat in diesem Jahr so viele Anmeldungen, dass schon beim Elternabend gesagt wurde: Gibt es einen Überhang, dann entscheidet die Konfession über Aufnahme oder Ablehnung.

Es gab einen Überhang, und der ist in diesem Jahr groß. Bei der Brückenschule gab es laut Schulamt am Hauptstandort 72 Anmeldungen, davon wurden 14 Abweisungen ausgesprochen (von den aufgenommenen 58 Kindern sind 41 katholisch). Beim Teilstandort seien 51 Kinder angemeldet worden, davon wurden 22 abgewiesen. Von den aufgenommenen 29 Kindern seien 27 katholisch.

 Aleyna wurde abgelehnt. Die Fünfjährige ist in einer muslimischen Familie aufgewachsen. Aber die lebt jetzt schon in der vierten Generation in Deutschland und ist voll integriert. Ihre Mutter Sibel ist sogar Erzieherin in einem Kindergarten. Ausgebildet wurde sie an der Bischöflichen Liebfrauenschule. Dazu gehörte auch eine Prüfung in katholischer Religion, die Sibel übrigens mit der Note Eins abschloss.

 „Wir sind gläubig. Und ich wollte, dass meine Tochter auch in der Schule gläubig erzogen wird“, sagt Sibel K. Im Islam und im Christentum gebe es doch gleiche Ansätze und Werte, wie Respekt, Menschenliebe und Familie. Die junge Mutter: „Ich verstehe das nicht, ich darf in einem Kindergarten arbeiten, hätte sogar beinahe eine Ogata-Stelle in der katholischen Schule bekommen, weil alle händeringend nach Erzieherinnen suchen. Aber mein Kind darf nicht auf eine katholische Schule.“

 Sibel K. gehört zur dritten Generation, die in Mönchengladbach lebt, sie ist hier geboren. Die Familie ist verwurzelt im Ort. Das sagen auch Nachbarn, die sich für sie einsetzen. Die spendeten auch in diesem Jahr für St. Martin, damit alle Kinder eine Tüte bekommen, und sie bringt ihren Kindern christliche Traditionen und Bräuche bei. „Wir leben doch hier“, sagt die junge Mutter. Lange habe sie überlegt, ob sie mit ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger an die Öffentlichkeit gehen soll. „Aber irgendwie muss es raus“, sagt sie, „wir leben doch in einer Multi-Kulti-Welt. Da ist es doch besser, wenn die Kinder schon früh andere Kulturen kennenlernen, wenn schon früh Toleranz und Respekt voreinander gelernt wird.“

Familie K. ist nicht die einzige Familie aus Neuwerk, die enttäuscht ist. Denn viele Kinder aus der katholischen Kita neben der Schule in Damm konnten nicht aufgenommen werden.

Aleynas Eltern haben ihre Tochter jetzt an der Gemeinschaftsgrundschule Neuwerk angemeldet. Sie seien freundlich begrüßt worden, was allen Hoffnung gibt.

Dennoch sitzt der Stachel bei Sibel K. und allen anderen Familienmitgliedern tief, weil sie sich in Bettrath-Hoven doch dazugehörig und gut aufgenommen fühlen. Bei der Anmeldung hatte die Mutter für Aleyna auch Unterricht in katholischer Religion angekreuzt. „Natürlich soll sie das auch lernen — wie ihre Mitschüler“, sagt sie.

Inwieweit die Religionszugehörigkeit berücksichtigt werden muss, wer aufgenommen werden darf oder außen vor bleiben muss, sind Fragen, die immer wieder Gerichte entscheiden müssen. Tatsächlich gibt es mehrere Urteile vom Oberverwaltungsgericht, dass bei Konfessionsschulen die Glaubenszugehörigkeit bei der Aufnahmeentscheidung eine übergeordnete Rolle spielen muss. Wenn an einer Schule mehr Kinder angemeldet werden, als aufgenommen werden können, legt grundsätzlich die Schulleitung fest, nach welchen Kriterien sie die Plätze vergibt. Es gibt zwar einen Ermessensspielraum für besondere Härtefälle, bei Bekenntnisgrundschulen ist die Schulleitung aber nicht nur verpflichtet, besondere Härtefälle bei der Vergabe der Schulplätze zu berücksichtigen, sondern sie muss auch Anträge von formell bekenntnisangehörigen Kindern vor Anträgen von bekenntnisfremden Kindern berücksichtigen. So urteilten Gerichte.

Das städtische Schulamt sagt: „Nach den Verwaltungsvorschriften zur Verordnung über den Bildungsgang in der Grundschule haben bei einem Anmeldeüberhang an einer Bekenntnisgrundschule Kinder, die dem Bekenntnis angehören, bei der Aufnahme einen Vorrang gegenüber anderen Kindern.“ Zu den weiteren Kriterien zählten: Wohnortnähe, Schulwege (nächstgelegene gewünschte kath. Angebotsschule), Geschwister und Besuch eines Kindergartens in der Nähe der Schule.

Für Familie K. ist das alles nicht nur unverständlich, sondern auch völlig unzeitgemäß. Und Aleyna? Sie hofft jetzt, dass sie in der Gemeinschaftsgrundschule freundlich aufgenommen wird und viele Freunde findet, obwohl sie viel lieber mit dem Nachbarjungen, mit dem sie aufgewachsen ist, in eine Klasse gehen würde.

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