Mönchengladbach: Management der Zukunft im Hörsaal mit Trivago-Chef Rolf Schrömgens

Zehn Jahre MBA-Studiengang „Management“ : Das Management der Zukunft im Hörsaal

Netzwerke statt Hierarchie, Bezahlung nach Produktivität statt nach Arbeitszeit: Die Digitalisierung verlangt andere Führung. Das war Thema eines Podiums der Hochschule Niederrhein. Mit dabei: der Mönchengladbacher Trivago-Chef Rolf Schrömgens.

Das digitale Zeitalter bringt nicht nur Umbrüche mit sich, sondern auch neue Berufe. Zum Beispiel den des Arbeitsphilosophen. So definiert sich jedenfalls Frank Eilers. Der bekennende Ostfriese beschäftigt sich mit Fragen der Arbeitswelt von morgen und versteht es, die Wahrheiten, denen sich jeder Arbeitnehmer, Chef und Unternehmer im digitalen Wandel stellen muss, erfrischend amüsant rüberzubringen im Hörsaal der Hochschule Niederrhein.

Konzern-Chefs, die 20 Prozent der Organisation zum Schwarm erklären oder Tausende Mitarbeiter ins Homeoffice schicken. Banken, die sich zu Internetunternehmen entwickeln. Suchmaschinen, die Autos bauen. Der Einsatz von Robotik für sich wiederholende Tätigkeiten, um mehr Zeit für Kreativität oder Selbstfindung zu haben. Start-ups, die 25-Stunden-Wochen bei vollem Lohnausgleich einführen und damit erfolgreich sind – weil in kürzerer Zeit dieselbe Produktivität geleistet wird. Und überhaupt: „Haben Sie schon einmal einen Kollegen umarmt?“ Empathie kann nämlich die Produktivität steigern. Die neue Arbeitswelt, so sein Fazit, erfordert Netzwerke statt Hierarchien, Perspektivwechsel, vielfältige Teams statt „organisationale Inzucht“.

Eilers gibt einen guten Input für die anschließende Podiumsdiskussion, die Professor Harald Vergossen anlässlich des zehnjährigen Bestehens des von ihm geleiteten MBA-Studiengangs „Management“ organisiert hat. „200 Absolventen, keine Studienabbrecher“, zählt Professor Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule, in seinem Grußwort anerkennend auf.

Der Hörsaal ist voll, auch Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners, der in Rheydt ein digitales Rathaus plant, sitzt im Publikum. Das Podium ist prominent besetzt. Da ist der Gründer und Chef des Reiseportals Trivago, Rolf Schrömgens, ein gebürtiger Mönchengladbacher. „Wir sind leider kein Familienunternehmen, sondern börsennotiert“, sagt er gleich am Anfang. Trivago, 1300 Mitarbeiter, mache eine knappe Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Feste Arbeitszeiten gibt es nicht. Früher gehen, länger Urlaub machen, Homeoffice – das müsse er seinen Mitarbeitern bieten. Was zählt, ist der produktive Output. Den gilt es zu messen. Für Führungskräfte „super-unangenehm, führt aber zu besseren Ergebnissen“.

„Wir bewegen uns am anderen Ende des Spektrums“, sagt Thomas Knops, Digital-Chef bei Henkel (53.000 Mitarbeiter). Er macht deutlich, dass sich nicht alle Strukturen der digitalen Welt einfach auf den „ganz alten Familienkonzern“ übertragen lassen. So sei eine völlige Freigabe von Arbeitszeiten im produzierenden Bereich, der noch einen Großteil des Unternehmens ausmacht, nicht umsetzbar. Auch Homeoffice funktioniere nicht überall, etwa im Außendienst.

Professor Joerg Dederichs, bei 3M (90.000 Mitarbeiter) Geschäftsführer für Europa, Mittlerer Osten und Afrika, siedelt sein Unternehmen „in der Mitte der beiden Kollegen an“. Vieles, das im digitalen Wandel gefragt sei, habe man schon vor langem eingeführt, manches sogar vor 50 Jahren. Heimarbeit sei gängig. Mitarbeiter dürften 15 Prozent der Arbeitszeit auf Projekte verwenden, die nicht vorgegeben sind, sondern sie selbst interessieren: „Das hat Google bei uns abgeschaut“, betont Dederichs. Das Digitale erleichtere zwar viele Arbeitsprozesse („repititive Arbeiten werden von Robotern übernommen“) und die globale Kommunikation, ersetze aber nicht den persönlichen Kontakt. „Den müssen wir organisieren.“

Das bestätigt auch Schrömgens: „Ich glaube stark an Energie zwischen Menschen, das ist mit Videokonferenzen nicht hinzubekommen.“ Das Ziel seien Teams. Betont wird in der Runde auch die Bedeutung von Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit des eigenen Tuns für die Mitarbeiter, womit sich nicht nur Produktivität steigern lässt, sondern das Unternehmen auch bei umworbenen Fachkräften punkten kann. „Ein Softwareentwickler kann in einer Stunde die Welt verändern oder ein halbes Jahr gar nichts tun“, sagt der Trivago-Chef. Entscheidend sei das Wollen, nicht das Müssen.

Henkel-Digital-Chef Knops setzt auf „partizipativen Führungsstil“, bei dem Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Auch Schrömgens hält das hierarchische System („vom Militär übernommen“) für überholt. Allerdings erfordere das digitale Zeitalter, sich immer wieder umzustellen, „den Schmerz im Wandel zu gehen“. Das sei nur möglich auf einer „soliden Basis von Werten und Sicherheit“.

„Führungskräfte dürfen nicht nur auf Defizite schauen“ sagt Dederichs, „die Mitarbeiter müssen ihre Stärken besser verstehen.“ Er setzt auf Flexibilität im Denken: „Wir haben einen Pfarrer im Marketing.“ Henkel suche Führungskräfte jenseits der traditionellen Muster, betont Knops. „Der Schritt in die Digitalisierung erfordert, die Haltung zu ändern. Und das braucht Zeit.“

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