Mönchengladbach: Konflikt in evangelischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg

Gastbeitrag: Der erbitterte Streit um die Kerze

Mit der Migration aus Osteuropa entbrannte in evangelischen Gemeinden in den 1950ern ein besonderer Konflikt: Von der fehlenden Heilsnotwendigkeit der Kerzen oder „… die haben sich anzupassen!“ Ein Fallbeispiel aus Rheydt.

Die Zwangsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg gilt als größte in der Geschichte der Neuzeit. Allein in Westdeutschland suchten damals mehr als zehn Millionen Menschen Zuflucht. Sie kamen in eine Gesellschaft, die selbst  von den Folgen des Krieges schwer belastet war.

Das Thema Flucht und Vertreibung stand in den 1950er Jahren aber nicht nur ganz oben auf der politischen Tagesordnung, sondern auch die Kirchen  – vor allem die evangelische – waren durch den Zuzug von geflüchteten und vertriebenen Menschen im Innersten bewegt. Menschen, die aus den so genannten Ostgebieten ins Rheinland strömten waren zu einem großen Teil Protestanten aus der Altpreußischen Union – kirchenrechtlich gesehen also „Unierte“, von Tradition und Herkommen aber Lutheraner.

Wenn wir heute über die konfessionellen Auseinandersetzungen dieser Jahre sprechen, geht es nicht – wie man meinen könnte – um die Unterschiede zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche, sondern die „Kampflinien“  laufen inner-evangelisch, zwischen den beiden evangelischen Konfessionen, den Lutheranern und Reformierten.

Die  lutherischen Flüchtlinge trafen, vor allem im Westen Deutschlands, auf reformierte  Gemeinden, deren Bekenntnisstand ihnen fremd war und deren Traditionen  sie nicht kannten. Schon sehr bald eskalierte der Streit darüber, wie der Gottesdienst zu feiern und welcher Katechismus der rechte sei.  Lutheraner und Reformierte lieferten sich einen erbitterten Kampf um Liturgie und Bekenntnis, der in seinem Kern wenig mit theologischen Fragen, dafür umso mehr mit Identität, Tradition und den Narrativen der jeweiligen Konfliktparteien zu tun hatte.

Beispielhaft dafür ist der als „Kerzenstreit“ in die Kirchengeschichte eingegangene Konflikt über die Einführung lutherischer Gottesdienste zwischen der Evangelischen Kirchengemeinde Rheydt und  der  in der Mehrzahl lutherischen Flüchtlinge. Mitte der 1950er Jahre spitzte sich diese Auseinandersetzung so zu, dass es zum Eingreifen der Kirchenleitung kam. 

Für das heutige Empfinden mutet die erbitterte Auseinandersetzung über den „bekenntnismäßigen“  Gottesdienst  skurril an – wer kann heute noch verstehen, warum die Verwendung von Kerzen im Gottesdienst zum Gegenstand heißer Diskussionen werden konnte? Die Flüchtlinge und Vertriebenen kamen im reformierten Rheydt in Gottesdienste, die in ihren Augen karg, streng und schmucklos waren. Blumenschmuck auf den Altären war verpönt – überhaupt gab es keine Altäre, sondern „Abendmahlstische“ ohne Kreuze und natürlich gab es keine Kerzen. Die „Lutherischen“ waren dagegen blumen- und bildergeschmückte Kirchen gewohnt. Es wurde viel und mehrstimmig gesungen, es gab Segenshandlungen für verschiedene Anlässe.

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Das reformierte Rheydt – die Gemeinde in der Tradition des Reformators Calvin – lebte Gottesdienst und Kasualien im strengen Sinne Calvins, der jede Ausschmückung des Gottesdienstraumes abgelehnt hatte, aus Sorge, dass Äußerlichkeiten vom Hören der Predigt ablenken und die Gedanken in andere Richtungen leiten könnte.  Ganz sicher war die strenge reformierte Form der Rheydter Gemeinde auch dem Bestreben geschuldet, sich vom traditionell katholischen Mönchengladbach zu unterscheiden. Identität drückte sich hier nicht in der Haltung „So sind wir!“, sondern im Habitus „So sind wir nicht!“ aus.

Letztendlich stehen  bei der Auseinandersetzung zwischen dem Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Rheydt und den lutherischen Flüchtlingen weniger theologische Fragen und konfessionelle Differenzen im Mittelpunkt,  sondern vielmehr die Bewahrung des traditionellen und lokalen Status quo einerseits und die Suche nach dem aus der Heimat Vertrauten und natürlich die Teilhabe an Macht und Einflussmöglichkeiten andererseits.

Dabei geht es „eigentlich“, so würde man heute annehmen eher um Banalitäten: darum, ob bei Beerdigungen gesungen werden soll, um ein Kreuz auf dem Altar, um blumengeschmückte Gottesdienste und vor allem – um den Gebrauch von Kerzen: Der wird aus reformierter Sicht als abscheulicher Rückfall ins „Römische“ verstanden.

Wesentlich angefeuert wurde der Konflikt durch Pfarrer August Wilhelm Langenohl. Er hatte die Rheydter Gemeinde in den 1930er Jahren konsequent re-reformiert. Seine Position in diesem Konflikt ist unmissverständlich: Die Flüchtlinge haben sich anzupassen! Schützenhilfe bekamen er und das Presbyterium zudem von Wilhelm Niesel, dem Moderator des Reformierten Bundes. Seine Schrift „Sind Kerzen heilsnotwendig?“ ist Ausdruck brachialer Verständnislosigkeit und Eigensinns – die nur vor dem Hintergrund der fundamentalen Verunsicherung zu verstehen sind. Schließlich wird der Ton der Debatte zunehmend schräg. „Torpedo mittschiffs“ titelt ein Beitrag in der Reformierten Kirchenzeitung, der sich über die Vermittlungsbemühungen der Landeskirche erregt. Mitte der 1950er Jahre kommt ein Kompromiss zustande – Kerzen im Gottesdienst sind auch weiter nicht erlaubt.

Die „Kerzenfrage“ in der evangelischen Kirchengemeinde Rheydt wird schließlich erst in den 1990er Jahren endgültig geklärt. Der Konflikt um das Aufstellen von Kerzen im Gottesdienst ist in diesem Zusammenhang ein Beispiel dafür, wie eine Aufnahmegesellschaft auf die Herausforderung durch „Fremde“ reagiert hat. Ablehnung und Machtbehauptung sind in diesem Zusammenhang die eigentlichen Motive, wobei das Bewahren der „mitgebrachten“ Tradition und das selbstbewusste Einfordern von Einflussmöglichkeiten durch die Zuwanderer sicherlich auch aus der Absicht erwachsen ist, an diesen Machtstrukturen teilzuhaben.

Hinweis Der Text ist ein Auszug aus dem Buchprojekt der Geschichtswerkstatt Mönchengladbach: Migration und Mönchengladbach – Menschen kommen, gehen und verändern die Stadt, das Anfang Juli 2018 im Klartext-Verlag erscheint: ISBN: 978-3-8375-1859-7, Preis: 19,95 €