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Mönchengladbach: Kolumne Denkanstoß - Liebesdienst der Lebenden

Kolumne Denkanstoß : Liebesdienst der Lebenden

Am 9. November wird der Reichspogromnacht gedacht, in der die Nationalsozialisten brutal gegen die jüdische Bevölkerung vorgingen. Superintendent Dietrich Denker begeht den Tag in Erinnerung an die Opfer der Shoah.

Der November ist ein Monat des Gedenkens an die Toten. Am Anfang steht Allerheiligen, der Tag, an dem die katholischen Christen traditionell die Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Am Ende steht der Toten- oder Ewigkeitssonntag, an dem in den evangelischen Kirchen die Namen der während des vergangenen Jahres Verstorbenen verlesen werden. Die Erinnerung an die Toten ist der Liebesdienst der Lebenden.

Der dunkelste Anlass zur Erinnerung im November ist das Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938. In dieser Nacht schlugen Diskriminierung, Ausgrenzung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Österreich in brutale Gewalt, Zerstörung und Mord um. Es war der Auftakt zum Menschheitsverbrechen der Shoah, bei der von den Mördern des NS-Regimes bis Kriegsende sechs Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens und ihrer jüdischen Herkunft bestialisch ermordet wurden. Auch Sinti und Roma fielen dem Rassenwahn zum Opfer ebenso wie Sozialisten und Kommunisten, Homosexuelle, Christen und Humanisten, die wegen ihrer Überzeugungen, Glaubensinhalten oder sexuellen Orientierung verfolgt, verhaftet und umgebracht wurden.

Der mörderischste Hass aber richtete sich gegen die jüdische Bevölkerung Europas, die ausgelöscht werden sollte. 979 Opfer stammen aus Mönchengladbach oder haben in der Stadt gelebt. Die Mitbürger und Nachbarn in Mönchengladbach erlebten damals, wie aus Ausgrenzung und Hass Verfolgung und Mord wurde. Die einen haben aktive Unterstützung dabei geleistet, die anderen haben geschwiegen und weggesehen, als die ehemaligen Nachbarn und Mitschüler zu entrechteten „Untermenschen“ gemacht wurden. Viele haben applaudiert, als die Synagogen in Gladbach, Rheydt, Odenkirchen und Wickrathberg am 9. November 1938 niedergebrannt wurden.

Wir leben heute in einer demokratischen Gesellschaft, in der die Achtung der Menschenrechte zu den unveränderbaren Artikeln des Grundgesetzes gehört. Aber Hass und Ausgrenzung nehmen nicht nur in Deutschland ständig zu. Der Antisemitismus zeigt seine grausige Fratze, Rassismus ist in vielen Teilen der Gesellschaft verbreitet, selbst bei denen, die Bürgerrechte schützen sollen, kommt er vor. Das alles erfordert Wachsamkeit, Mut und die Bereitschaft, füreinander einzutreten und nicht zu schweigen und wegzusehen.

Umso unverzichtbarer ist die Erinnerung an die Reichspogromnacht und ihre Folgen. Es wird in diesem Jahr keine zentrale Gedenkfeier geben. Die Schutzbestimmungen der Corona-Pandemie verbieten zudem größere Versammlungen. Auf das Läuten der Kirchenglocken wie im vergangenen Jahr wird auf Wunsch der jüdischen Gemeinde, die ihrerseits das Schofarhorn nicht blasen kann, verzichtet. Aber die Namen der Opfer sollen und dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Als Vertreter der evangelischen und katholische Kirche möchten Pfarrer Klaus Hurtz und ich auf jeden Fall ein stilles und individuelles Gedenken ermöglichen. Deshalb werden die Citykirche am Alten Markt und die Rheydter Hauptkirche ihre Türen am Montag, den 9.11. von 15 Uhr bis 18.30 Uhr öffnen. Die Listen mit den Namen der Ermordeten werden entweder projiziert oder ausgelegt werden.

Beim Propheten Jesaja heißt es: „Ich habe deinen Namen unauslöschlich in meine Hand geschrieben.“  Gott vergisst keinen Menschen, das muss auch uns Verpflichtung sein.  Die Erinnerung an die Toten ist der Liebesdienst der Lebenden und ein Zeichen für die Zukunft. Gegen Hass, Gewalt, Ausgrenzung, Spaltung und Wut. Für ein Miteinander, zu dem uns das doppelte Liebesgebot der Bibel besonders verpflichtet: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“