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Mönchengladbach: Kolumne Corgi James über das Chaos im Kopf junger Hunde

Kolumne Corgi James : Über das Chaos im Kopf heranwachsender Hunde

Vom pubertierenden Junghund übers Heranwachsen bis heute: In seiner 25. Kolumne erinnert sich Corgi James an die Achterbahnfahrt der Jugend.

Erst die Pubertät mit dem Erreichen der Geschlechtsreife, dann die lange Zeit des Heranwachsens: Dem Start ins Erwachsenenleben geht beim Hund eine zwei- bis vierjährige Entwicklungszeit voraus. Mit dem Ziel, den jungen Hund auf seine künftige Rolle als fertiges Tier mit eigener, reifer Persönlichkeit vorzubereiten, finden in diesen ersten Jahren etliche Sanierungsarbeiten im Gehirn statt. Der Hund, der dabei nicht weiß, wie ihm geschieht, legt in diesem prägenden Lebensabschnitt oftmals bemerkenswerte Verhaltensweisen an den Tag. Das fordert seinen Begleitpersonen Geduld und Verständnis ab. Kastration, Drill, aber auch übermäßige Fürsorge hingegen können in dieser Zeit dazu führen, dass der Hund lebenslang pubertär bleibt. 

„Es ist nur eine Phase“, sagt meine Besitzerin tröstend zu mir, als ich wieder mal Chaos im Kopf habe. Ich halte jetzt draußen einen Mindestabstand von zwei Metern zu ihr. Ich wünsche es auch nicht mehr, dass sie mich in der Öffentlichkeit streichelt. Ich bin zehn Monate alt, Junghund, im biologischen Umbau begriffen, mein Gehirn dreht durch, die Hormone schon längst. Ich will die Hündin von nebenan näher kennenlernen, weiß aber nicht, warum, und auch nicht, wie ich ihr mein Interesse signalisieren soll.

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Ein paar Monate später. Ich bin albern, wir spielen Verstecken, Nachlaufen, Fangen, ich werfe Bälle und Plüschtiere einfach so hoch in die Luft, springe Menschen an, die ich mag. Mit den beiden älteren Hündinnen Bonnie und Molly, die mich seit meiner Welpenzeit begleiten, spiele ich jetzt heftiger, zeige ihnen auch schon mal die Zähne. Ich bin im Stress, die erfahrenen Freundinnen nehmen es gelassen. Ich jage als Hüte- und Treibhund allen Ernstes zunächst Flugzeugen, dann Vögeln hinterher. Das geht einmal so weit, dass ich über die heimische Balkonbrüstung springen will, um die Taube im nachbarlichen Baum zu vertreiben. Das schrille „Nein!“ meiner Besitzerin habe ich dabei gar nicht gehört. Am nächsten Tag ist der Zugang zur Brüstung mit Pflanzenkübeln und -töpfen verbaut.

Ich muss raus, die Welt erkunden, will wissen, wo ich hingehöre, bin gleichzeitig vorsichtig, zögerlich. Wir unternehmen viele Ausflüge, fahren in die Berge, ans Meer, treffen auch auf andere Tiere. Am Zaun eines Wildgeheges blafft mich ein Rehbock an, seine Ricke neben ihm. Ich fühle mich blümerant, fiepe kurz. Ganz anders die Hühner in ihrem Freigehege. Sie kommen neugierig angelaufen, ich wedele ihnen freudig entgegen. Ich muss noch viel lernen, darunter Fahrradfahrern und Läufern nicht im Weg zu stehen oder ihnen hinterherzurennen. Das klappt mal super, mal gar nicht. Gleiches gilt auf für einfachste Befehle wie „Bleib“ oder „Komm“, die ich als Welpe perfekt beherrschte. Selektive Wahrnehmung entsteht, wenn man auf einmal gar nicht mehr weiß, wo man steht.

Mit zwei Jahren entwickle ich eine Wasserphobie. Teiche, Weiher, Flüsse, Pfützen, Regen – alles viel zu nass. Bei Starkregen möchte ich an die Leine genommen werden. Ich wurde von Anfang an immer mal wieder gebadet. Das gerät nun zum Fiasko, an dessen armseligen Ende das gesamte Badezimmer gereinigt und getrocknet werden muss. „Auch das geht vorbei“, höre ich meine Besitzerin seufzen. Ich bin auch ressourcenversessen. Futter, Wasser, Spielzeug, die Zuneigung meiner Lieblingsmenschen, alles meins, und nur das.

Bevorzugt halte ich mich nun an der Haustüre auf. Ein Mensch auf der anderen Straßenseite? Geht nicht, wird verbellt. Eine Frau und ihr Hund stehen am Vorgarten, der Hund markiert unser Mäuerchen? Mein Gebell setzt zum Tremolo an. Mit dreieinhalb Jahren ist der Wirrwarr im Kopf geordnet. Ich erkläre alle Hündinnen auf dieser Welt zu meinen besten Freundinnen und drei Rüden aus der Nachbarschaft zu meinen persönlichen Feinden, darunter ein wichtigtuerischer Leonberger, der sechs Monate jünger ist als ich. Die Aversion beruht auf Gegenseitigkeit. Noch heute wechseln wir die Straßenseite, wenn wir ihn von Weitem sehen.

Ich werde immer sturer, will meine eigenen Wege gehen, lasse mich auf Spaziergängen weit zurückfallen, trödle allein vor mich hin, sauge Duftmarken förmlich ein. Ich höre jetzt wieder auf Befehle, denn in der Regel machen sie Sinn. Keine Pferdeäpfel zu fressen, zum Beispiel, beim gebürstet werden ruhig zu bleiben oder am Tisch nicht zu betteln. Die Liste ließe sich endlos fortführen. Das Sinnstiftende an all diesen Regeln ist, dass ich bei deren Einhalten immer eine kleine Belohnung bekomme. Geht doch!

Es grüßt euch der charmanteste Corgi vom linken Niederrhein, euer James.

Unsere Autorin Susanne Jordans schreibt in dieser Kolumne aus Sicht ihres Hundes.