Mönchengladbach: Klimadebatte und öffentliche Meinungsbildung

Kolumne Denkanstoß : Vertrauen in die Demokratie stärken

Die Klimadebatte ist eine Medizin gegen resignative Tendenzen in der Gesellschaft, meint Pfarrer Peter Blättler. In der Klimabewegung stecke eine Chance auch für die Zukunft der Demokratie.

Zur Demokratie gehört neben der Meinungsfreiheit auch die „öffentliche Meinungsbildung“. Meinungsbildung aber verträgt weder Druck, Angstmache oder Ausgrenzung. Demokratie muss auch umgehen mit denen, die immer lauter werden und die so Reden und Handeln als ob Demokratie überholt sei.

Genau diese verbreiten gerne Angst vor allem Fremden – seien es fremde Meinungen, neue Wege oder fremde Menschen. Sie zeichnen gerne ein dunkles Bild von der Zukunft. Die Lösungen, die sie dann anbieten sind einfach gestrickt und führen weg von der Meinungsvielfalt und einem kontroversen Ringen. Zukunftsfragen erklären sie so unausgesprochen zu ihrem Hoheitsgebiet. Die heilsamste Lösung sehen sie darin, dass sie allein das Sagen bekommen oder behalten.

Genau das Gegenteil erleben wir heute beim dritten globalen Klimastreik. Wie immer man inhaltlich dazu steht: Die Jugendbewegung „Fridays for Future“ ist auf dem besten Weg, zu einer überzeugenden Klimabewegung zu werden. Sie trägt bei zur öffentlichen Meinungsbildung und bewegt zugleich schon jetzt die Politik und das politische Handeln. Das macht Mut und ist die beste Medizin gegen resignative Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Die Klimadebatte bietet nicht nur ein Feld, um Miteinander inhaltlich um Einsichten und Positionen zu ringen. Es kann etwas getan werden. Jede und jeder kann sich nach seinen Möglichkeiten einbringen und zeigen, wie er selbst konkret klimaschonender lebt. Nicht nur Reden und Handeln finden zusammen, sondern auch das, was der eine oder die andere, die eine oder die andere Institution oder Firma tut.

Gerade diese Vernetzung in Wort und Tat ist vielversprechend für die öffentliche Meinungsbildung. Sie kann das Vertrauen in die Demokratie und demokratische Prozesse nachhaltig stärken. So wird Vertrauen in die Zukunft gestärkt. Zukunft ist ja nicht wie ein beängstigender Schicksalsschlag, der morgen über uns hereinbrechen könnte. Zukunft ist gesellschaftspolitisch gesehen vielmehr genau das, was wir heute miteinander wollen und jetzt schon miteinander unternehmen. Die Zukunft entsteht im Heute: Denn wann sonst sollen Fehler der Vergangenheit auf Zukunft hin verändert werden.

Zur Zukunftsgestaltung gehört die „öffentliche Meinungsbildung“. Angst vor der Zukunft lähmt. Wo Menschen aber Gelegenheit zur freien Meinungsbildung bekommen und miteinander um  die öffentliche Meinung ringen, da bekommen sie Halt und Mut beziehungsweise ein gesundes Standing. Zukunft braucht gerade heute dieses Standing jeder und jedes Einzelnen. In der Klimabewegung steckt eine Chance auch für die Zukunft der Demokratie.

„Vertrauen in die Demokratie stärken“ so lautet der Titel eines gemeinsamen Wortes der  katholischen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das im April dieses Jahres erschienene Wort ist ein deutliches Bekenntnis zur Demokratie.  Mit Besorgnis warnen beide Kirchenleitungen vor der „Wiederkehr von autoritärem Denken und skrupelloser Machtpolitik“. Das gemeinsame Papier verdeutlicht, wie wohltuend es ist, wenn beide Kirchen gemeinsam sprechen. Vielleicht können die katholischen Bischöfe in diesem Papier ja auch eine Ermutigung für ihren synodalen Weg finden. Mut brauchen sie nicht nur in der neuen Auseinandersetzung mit Rom. Mut brauchen sie vor allem auch dafür, eine „öffentliche Meinungsbildung“ in der Kirche zu ermöglichen. Die Zukunft der Kirche hängt auch daran, dass Frauen und Männer ihre christliche Sicht beispielsweise in der Frauenfrage ins Wort bringen können und dafür auch auf die Straße gehen dürfen. Natürlich lebt die Kirche allein vom Geist Gottes – aber warum sollte gerade der sich nicht auch in der öffentlichen Meinungsbildung innerhalb der Kirche artikulieren können?

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