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Mönchengladbach: Karl Boland und Hans Schürings über die soziale Stadt

Gastbeitrag : Eine Stadt für alle

Viele Gladbacher sind wegen ihres sozialen Status’ von der Teilhabe am Leben in der Stadt ausgegrenzt, finden die Autoren des Gastbeitrages.

Schon lange machen sich mehr oder weniger kluge Köpfe in und außerhalb der Stadt Mönchengladbach darüber Gedanken, was das sozial Verbindende an Mönchengladbach sein könnte. Einen zentralen Ursprungsmythos gibt es nicht. Können Niers, Textilindustriekultur, rheinischer Kapitalismus und Sozialkatholizismus die Vielfalt der Honschaften oder die vielen Grünflächen eine Identität stiften? Wozu ist dies überhaupt notwendig?

Mönchengladbach ist nicht erst seit der Deindustrialisierung der Textil- und Bekleidungsindustrie ab Ende der 1960er Jahre eine „arme“ Stadt. Damit ist nicht der städtische Haushalt gemeint. „In Mönchengladbach ist fast jeder Fünfte arm.“ „Armut“ muss an erster Stelle als eine Relation zu einem sozialen „Normalzustand“ betrachtet werden und ist keinesfalls ein qualitatives Merkmal für die davon betroffenen Menschen zu werten. Leben in Armut ist eben ein Leben unter anderen Umständen als unter Wohlstandsverhältnissen.

Die Stadt Berlin hatte versucht, mit dem Slogan „Arm, aber sexy“ die mit hoher Arbeitslosenzahl und hoher Hartz IV-Quote gekennzeichnete soziale Situation mit einem Werbegag aufzuwerten. Warum muss man immer drumherum reden, dass in Mönchengladbach die Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit recht hoch ist, ebenso die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger und auch die Kinderarmut? Aber auch die Schulabbrecher-Quote, die vielen äußerst geringen Renten und die hohen Zahlen der sogenannten „Aufstocker“, die von ihrem Arbeitsentgelt allein nicht existieren können, gehören dazu. Die Auswirkungen der Deindustrialisierung sind immer noch allgegenwärtig und produzieren im Laufe der Zeit eben eine Kultur der Armut. Ein soziales Konzept gibt es schlichtweg nicht.

Demgegenüber wurden verschiedene Ideen entwickelt, die insbesondere primär mit baulichen Mitteln Mönchengladbach voranbringen sollen. Allen voran der „Masterplan 3.0“ und „MG+ – Wachsende Stadt“. Doch berechtigterweise muss die Frage gestellt werden welche sozialen Gruppen aus der Stadtbevölkerung denn von diesen Maßnahmen profitieren werden? Steine und Beton sind nicht unbedingt Mittel mit denen man Menschen emotional erreichen kann. Schafft dies Orientierung, Identifikation, Zufriedenheit und inneren Zusammenhalt in der Mehrheit der Mönchengladbacher? Werte und Emotionen werden durch Bauprogramme nicht stadtumfassend aktiviert.

Gerne wird von Verantwortlichen im Zusammenhang mit der „Wachsenden Stadt MG+“ diese als „Konzern“ bezeichnet. Es ist seit Jahren in kommunalen Führungsgremien Mode geworden, vom „Konzern Stadt“ zu sprechen. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass der Begriff Konzern aus dem Gesellschaftsrecht der Wirtschaft kommt. Ist die Bezeichnung „Konzern Stadt“ vielleicht Programm? Sollte damit die Abkehr von der allgemeinen Daseinsvorsorge als Ziel der Kommunalpolitik verbunden sein? Niemand fragt nach einer corporate identity (dem Selbstbild) des sogenannten Konzerns Mönchengladbach. Auch bleiben Bilanzen schuldig, die ausweisen, welche Vorteile der Konzern für die allgemeine Wohlfahrt bedingt.

Sind allein schon viele Mönchengladbacher aufgrund ihres sozialen Status von der Teilhabe am sozialen, politischen und kulturellen Leben ausgegrenzt, kommt noch ein anderer Faktor hinzu. Auch aus anderer Perspektive sind viele Mönchengladbacher nicht in das kommunale Geschehen einbezogen oder aber auch gar nicht daran interessiert. Dazu muss auch gesagt werden, dass die Wahlbeteiligung in Mönchengladbach schon seit langen Jahren deutlich geringer ausfällt, als es im Landesdurchschnitt üblich ist. Mittlerweile kann man sagen, dass eine deutlich unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung auch zu den Merkmalen einer Armutskultur gehört. Eng damit zusammen hängt auch die mangelnde Bindung, um nicht zu sagen Identität, an die Stadt überhaupt. Seit der Gebietsreform von 1975, als die heutige Stadt Mönchengladbach zu einer Verwaltungseinheit zusammengepuzzelt wurde, ist kaum ernsthaft versucht worden, die Stadt als eine „soziale“ Einheit zu denken. Es ist zwar in den vergangen Jahren viel Aufwand in die Veranstaltungskultur mit zahlreichen „neuen Formaten“ der Eventisierung gesteckt worden, doch das Problem der mangelnden populären Identifizierung mit der Gesamtstadt konnte man nicht beheben.

Damit kann der gegenwärtige Zustand in der Stadt Mönchengladbach sehr treffend mit dem Topos des „Rasenden Stillstandes“ beschrieben werden. Während es bei zahlreichen Bauprojekten nicht schnell genug mit der Realisierung gehen kann, ist ein Großteil der Mönchengladbacher nicht nur vom Wohlstand und Wachstum, sondern auch durch Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe emotional emphatisch vom Gemeinwesen abgehängt. Was kann aber helfen, „die auseinanderdriftende Gesellschaft“ zusammen zu halten?

Kann die Kreierung einer „Marke Mönchengladbach“ eine Lösung sein? Was kann Hoffnung geben auf Integration, Inklusion, Teilhabe und mehr sozialer Gerechtigkeit in einer Stadtgesellschaft wie Mönchengladbach? Wenn es der Masterplan 3.0 und MG+ – Wachsende Stadt nicht können, was dann? Nach Prof. Jung muss etwas „gefunden“ und nicht „erfunden“, also die Besinnung auf einen Mythos oder aber reale historische Fakten, die ehedem in der Stadt von Bedeutung waren und sind. Fündig wurde er dabei nicht nur beim Volksverein, sondern auch beim rheinischen Kapitalismus und dem Sozialkatholizismus von Franz Brandts und Franz Hitze. In Mönchengladbach wurde nicht nur die moderne katholische Soziallehre erfunden, sondern auch soziale und caritative Projekte praktiziert.

Diese soziale Vergangenheit der gesamten Stadt, könnte für ein allgemein akzeptables und überzeugendes „Narrativ“ genutzt werden, dass alle Stadtbewohner einbezieht und Ihnen Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen verschafft. Schließlich haben die einst 1.143 Textilbetriebe nachhaltige Spuren in den Einstellungen und sozialen Befindlichkeiten der Gladbacher hinterlassen, die im kulturellen Gedächtnis noch vorhanden sind.

Angesichts dessen kann es nicht verwundern, dass die sozial bedeutsame Geschichte Mönchengladbachs (das Narrativ), in den vielen im Kontext mit der Textilindustriekultur entstandenen sozialen Bewegungen (z.B. Verein „Arbeiterwohl“, „rote“ Kapläne, Volksverein, katholische Soziallehre, Innere Mission, Arbeitervereine, rheinischer Kapitalismus, Sozialpolitik in Weimarer Zeit etc.) heute kaum noch Beachtung erfahren. Beachtung findet seit einigen Jahren allenfalls der Gesichtspunkt der Textiltechnik, der mit der Etablierung des Textiltechnikums sichtbar zum Ausdruck gekommen ist. Auch hat sich aus Kreisen des Fachbereichs Textilwesen der Hochschule Niederrhein und der heimischen Textilindustrie der Projektwille gezeigt, die wirtschaftliche und technische Seite der Textilgeschichte wieder an die Oberfläche zu holen und zu einem Zukunftsthema zu machen.

Dennoch legen sie die „gefundene“ Idee Prof. Jungs fast zwingend nahe, der die „Marke“ Mönchengladbach als Kommunikationsdesigner so formuliert: „Soziales Mönchengladbach – Eine Stadt für alle“. Für diese Idee spricht durchaus einiges. Zumal hierdurch nicht nur die soziale Geschichte mit der Gegenwart verbunden wird, sondern auch ein für die Mehrheit gemeinsamer Nenner impliziert ist, der eine Identifikation mit der Stadt Mönchengladbach zumindest ermöglicht. „Soziales Mönchengladbach – Eine Stadt für alle“ integriert und schließt niemanden mehr aus der Stadtgesellschaft aus. Eine starke Botschaft aber nicht allein für den inneren zukünftig zwingend notwendigen Zusammenhalt des immer mehr multikulturellen Mönchengladbachs, sondern auch eine durchaus starke Botschaft nach außen: Von der Wiege der katholischen Soziallehre bis zu einer gewinnbringenden friedvollen Koexistenz des Heterogenen, und vielleicht sogar auch noch ein bisschen mehr.